Elektromobilität im Realitätscheck: Wie Autos und Ladeinfrastruktur richtig in Fahrt kommen

Durch staatliche Förderung kommt Elektromobilität in Fahrt – wird sie aber auch durch die zwischenzeitlich gestiegenen Preise an den Tankstellen beschleunigt? Wo ist sie aktuell angekommen? Experte Christian Heep ordnet ein und wendet sich an die Kommunen: Er plädiert für eine umfassende Energie- und Mobilitätsstrategie.

Elektromobilität im Realitätscheck
Den Ausbau der Erneuerbaren und Elektromobilität müsse man zusammendenken, betont Christian Heep – „hier kommen die Kommunen ins Spiel“. Foto: Adobe Stock/Petair

Der Hochlauf der Elektromobilität schreitet voran, europaweit wächst der Markt stabil weiter. In Deutschland sind inzwischen mehr als zwei Millionen batterieelektrische Fahrzeuge zugelassen, und der Anteil elektrischer Neuzulassungen liegt aktuell bei rund 20 Prozent – mit weiter steigender Tendenz. Gleichzeitig machen batterieelektrische Fahrzeuge bislang erst rund vier Prozent des Gesamtbestands aus.

Parallel hat sich die öffentliche Ladeinfrastruktur erheblich verdichtet: Mit inzwischen über 190.000 Ladepunkten, davon rund ein Viertel Schnellladepunkte, ist die Versorgung deutlich besser als noch vor wenigen Jahren. Der überproportionale Ausbau der Schnellladeinfrastruktur ist dabei kein Zufall: Er folgt dem steigenden Bedarf nach alltagstauglicher und langstreckentauglicher E-Mobilität, höheren Auslastungen sowie zunehmend tragfähigen Geschäfts- und Betriebsmodellen.

Herausfordernde wirtschaftliche Lage und geopolitische Spannungen

Gleichzeitig ist klar: Der Markthochlauf ist kein Selbstläufer. Förderkulissen verändern sich, Investitionsentscheidungen werden vorsichtiger, und die gesamtwirtschaftliche Lage wirkt dämpfend. Zudem bestehen weiterhin strukturelle Herausforderungen – insbesondere in der Fläche, im Gebäudebestand und bei der Netzkapazität.

Hinzu kommt eine Entwicklung, mit der die Debatte neu aufgeladen wird: die stark gestiegenen Preise für fossile Energieträger. Bereits die Folgen des Ukraine-Kriegs haben die Verwundbarkeit der Energieversorgung offengelegt. Jetzt haben geopolitische Spannungen im Nahen Osten – vor allem rund um die Straße von Hormus – die Situation weiter verschärft. Die Konsequenz sind volatile Energiepreise mit unmittelbaren Auswirkungen auf Haushalte, Unternehmen und kommunale Budgets.

Wann sich E-Mobilität rechnet

Gerade hier zeigt sich ein zentraler Vorteil der Elektromobilität. Elektrofahrzeuge können – insbesondere bei Nutzung von erneuerbaren Energien – ihre Betriebskostenvorteile zunehmend ausspielen. Doch dieser Vorteil ist an Bedingungen geknüpft: Nur wenn der Ausbau der Erneuerbaren konsequent vorangetrieben wird, lassen sich langfristig stabile und günstige Strompreise realisieren. Andernfalls droht der Kostenvorteil der Elektromobilität zu erodieren.

Damit rückt die kommunale Ebene stärker in den Fokus. Kommunen sind nicht nur Anwender, sondern Gestalter der Transformation. Eine regional verankerte Green Economy entfaltet mehrfach positive und unmittelbar wirksame Effekte: zusätzliche Gewerbesteuereinnahmen, höhere Resilienz gegenüber externen Schocks und perspektivisch sinkende Energiekosten. Gleichzeitig entstehen lokale Wertschöpfungsketten – von der Erzeugung über die Speicherung bis zur Nutzung.

Mit den aktuellen regulatorischen Entwicklungen verschärft sich diese Rolle zusätzlich. Europäische und nationale Vorgaben wie die AFIR – neue EU-Vorgaben für öffentliche Ladepunkte – sowie das Gebäude-Elektromobilitätsinfrastruktur-Gesetz (GEIG) konkretisieren den Handlungsdruck und schaffen neue Rahmenbedingungen. Während das GEIG zunächst vor allem auf die Vorbereitung von Ladeinfrastruktur abzielte, ist mit der seit 2025 geltenden Nachrüstpflicht für Nichtwohngebäude mit mehr als 20 Stellplätzen ein deutlicher Paradigmenwechsel erfolgt: Ladepunkte müssen nun auch im Bestand real umgesetzt werden.

Auf europäischer Ebene wird dieser Ansatz mit der novellierten Gebäuderichtlinie (EPBD) weiterentwickelt, die als europäischer Rechtsrahmen in nationales Recht zu überführen ist. Deren Umsetzung bis spätestens Mitte 2026 wird die bestehenden Anforderungen weiter verschärfen und den Ausbau tatsächlicher Ladeinfrastruktur verbindlich ausweiten.

Ladesäulen in Bauprojekte integrieren

Für Kommunen, Wohneigentümergemeinschaften, Wohnbau und das Gewerbe bedeutet das in der Praxis: Bauämter und Genehmigungsbehörden müssen diese Anforderungen systematisch prüfen und durchsetzen, Stellplatzsatzungen überprüfen und weiterentwickeln, Anforderungen frühzeitig in Bauleitplanung und Genehmigungsverfahren integrieren sowie die Abstimmung mit Netzbetreibern und Infrastrukturbetreibern frühzeitig und verbindlich organisieren. Gleichzeitig sind Kommunen auch als Eigentümer ihrer eigenen Liegenschaften unmittelbar betroffen.

Ladeinfrastruktur wird damit verbindlicher Bestandteil von Bau- und Stadtentwicklungsprozessen – nicht mehr optional, sondern Standard – mit entsprechenden Auswirkungen auf Ressourcen, Prozesse und Prioritätensetzung in den Verwaltungen. Kommunen, die diese Entwicklung frühzeitig antizipieren, schaffen Planungssicherheit und Geschwindigkeit. Andere werden in kurzer Zeit mit erheblichem Umsetzungsdruck konfrontiert sein.

Wie ein solcher integrierter Ansatz in der Praxis aussehen kann, zeigt die Stadt Augsburg. Dort treiben die Stadtwerke den Ausbau der Ladeinfrastruktur gezielt und strategisch voran und planen eine deutliche Ausweitung der Ladepunkte in den kommenden Jahren. Parallel wird das Stromnetz ertüchtigt, um den künftig deutlich steigenden Bedarf zu decken. Solche Ansätze sind mehr als Einzelmaßnahmen – sie sind skalierbare Modelle für eine systemische Transformation auf kommunaler Ebene.

Die größten Herausforderungen liegen in der Synchronisierung dieser Entwicklungen. Ladeinfrastruktur, Netzausbau, erneuerbare Erzeugung und Speicher müssen zusammengedacht werden. Gleichzeitig gilt es, Planungs- und Genehmigungsprozesse zu beschleunigen und Investitionssicherheit zu schaffen. Hier verfügen Kommunen über zentrale Hebel: Sie stellen Flächen bereit, definieren Rahmenbedingungen und können strategisch steuern.

E-Mobilität als Teil der Stadtentwicklung

Vor diesem Hintergrund können hohe Preise für fossile Energien ein potenzieller Beschleuniger für Elektromobilität sein – allerdings nur unter klaren Voraussetzungen. Entscheidend sind verlässliche Rahmenbedingungen, eine konsistente Energiepolitik und eine enge Verzahnung von Infrastruktur- sowie Energieplanung.

Denn die strukturellen Kostenvorteile erneuerbarer Energien sind eindeutig: Bereits heute zählen sie – selbst unter Einbeziehung von Speicherlösungen – zu den kostengünstigsten Formen der Energieerzeugung. Ihr volkswirtschaftliches Potenzial entfalten sie jedoch nur, wenn ihr Ausbau weiter entschlossen vorangetrieben und systemisch eingebettet wird.

Dazu gehören ein beschleunigter Netzausbau, der Einsatz intelligenter Netze sowie eine kontinuierliche Steigerung der Energieeffizienz. Nur so können erneuerbare Energien perspektivisch den wachsenden Gesamtenergiebedarf zuverlässig und kosteneffizient decken.

Fehlende Konsistenz bei den Rahmenbedingungen

Das aktuelle politische Umfeld sendet jedoch zunehmend widersprüchliche Signale. Auf Bundesebene werden Weichen gestellt, die aus Sicht einer konsequenten Transformation nicht hinreichend auf Skalierung, Investitionssicherheit und Systemintegration ausgerichtet sind. Gleichzeitig wächst der regulatorische und praktische Handlungsdruck – etwa durch europäische Vorgaben wie AFIR, GEIG und EPBD –, der von Kommunen und Marktakteuren konkrete Umsetzung verlangt.

Diese Diskrepanz wird zum strukturellen Problem: Während vor Ort Infrastruktur aufgebaut, Prozesse angepasst und Investitionen vorbereitet werden, fehlen auf übergeordneter Ebene konsistente Leitplanken. Verzögerungen beim Netzausbau, unklare Signale beim Einsatz von Speichern sowie fortbestehende Anreize für fossile Energieträger wirken der Transformation entgegen. Projekte kommen langsamer voran oder werden wirtschaftlich schwieriger. Genau daraus entsteht dann fälschlicherweise der Eindruck mangelnder Umsetzbarkeit.

Tatsächlich liegt die Herausforderung jedoch weniger in der technologischen oder wirtschaftlichen Machbarkeit als in der fehlenden Konsistenz der Rahmenbedingungen. Die Transformation kann nicht wirksam vorangebracht werden, wenn parallel politische Entscheidungen getroffen werden, die bestehende fossile Strukturen stabilisieren oder neue Abhängigkeiten schaffen.

Ladeinfrastruktur für Wohnimmobilien

Umso wichtiger ist es, dass Länder und Kommunen ihre Perspektiven, Bedarfe und Erwartungen klar und geschlossen artikulieren und aktiv in politische Entscheidungsprozesse einbringen. Gerade über föderale Mechanismen und institutionalisierte Beteiligungsformate können sie nicht nur Impulse setzen, sondern auch notwendige Kurskorrekturen aktiv einfordern.

Für kommunale Entscheiderinnen und Entscheider bedeutet das: Elektromobilität sollte nicht isoliert betrachtet werden, sondern als integraler Bestandteil einer umfassenden Energie- und Mobilitätsstrategie. Der Ausbau der Ladeinfrastruktur bleibt zentral – insbesondere im öffentlichen und halböffentlichen Raum.

Gleichzeitig rückt der Bereich der Wohnimmobilien zunehmend in den Fokus, da hier ein wesentlicher Teil der zukünftigen Ladeinfrastruktur entstehen muss – insbesondere im Mehrfamilienhausbestand, wo weiterhin erhebliche Umsetzungshemmnisse bestehen.

Mit den aktuellen regulatorischen Vorgaben wird dieser Ausbau zudem verbindlich: Es handelt sich nicht mehr um eine Option, sondern um eine zeitnah wirksam werdende Umsetzungspflicht.

Was Kommunen tun können

Kommunen sind daher gefordert, diesen Prozess aktiv zu begleiten – durch Information und Aufklärung von Eigentümern sowie insbesondere größeren Wohnungsunternehmen und Bestandshaltern, durch geeignete Rahmenbedingungen sowie durch frühzeitige Unterstützung bei der praktischen Umsetzung.

Dazu gehört insbesondere die enge Abstimmung mit Netzbetreibern, um Engpässe zu vermeiden und Verzögerungen im Ausbau zu verhindern. Darüber hinaus braucht es stärkere Kooperationen mit regionalen Energieakteuren, um Investitionen zu bündeln, Synergien zu heben und die notwendige Systemintegration voranzutreiben.

Unterwegs zu belastbaren Strukturen?

Inzwischen sind die Grundlagen gelegt. Jetzt entscheidet sich, ob es gelingt, aus Dynamik belastbare Strukturen zu entwickeln – trotz teilweise widersprüchlicher Rahmenbedingungen.

Kommunen spielen dabei eine Schlüsselrolle: als Ermöglicher, Koordinatoren und zunehmend auch als Stabilitätsanker einer nachhaltigen, resilienten sowie wirtschaftlich tragfähigen Energie- und Mobilitätswende.

Christian Heep


Der Autor

Christian Heep ist Transformationsexperte für Energie- und Mobilitätssysteme und Geschäftsführer Transformate Strategy. Er war Vorstand im Bundesverband eMobilität e.V. von 2009 bis zur Verbandsaufllösung im Jahr 2025.


Mehr zum Thema

Für mehr E-Mobilität: Nordrhein-Westfalen fördert soziale Dienste, Carsharing-Anbieter und Kommunen

Nordrhein-Westfalen treibt die Elektromobilität weiter voran: Ambulante Dienste, Carsharing-Anbieter, Unternehmen, Vermieter und Kommunen können jetzt von deutlich höheren Förderbeträgen profitieren …
Ladeinfrastruktur

Vom Flickenteppich zur flächendeckenden Ladeinfrastruktur: Was Kommunen für den Ausbau brauchen

Die Ladeinfrastruktur soll auf Touren kommen, damit die Mobilitätswende gelingen kann. Wie aber steht es um die Ladesäulen? Wo ist …
Ausbau der Lkw-Ladeninfrastruktur

Ausbau der E-Lkw-Ladeinfrastruktur: In Baden-Württemberg sollen 2000 neue Ladesäulen entstehen

Das Land Baden-Württemberg bringt den Ausbau von Ladesäulen für Elektro-Lkw voran. Bis zum Jahr 2030 ist geplant, rund 2000 Ladesäulen …