Der Kern der künftigen Energieversorgung

Haus Béla im neuen Stadtquartier Lok-West in Esslingen: Das Ziel ist die intelligente Vernetzung von Strom, Wärme und Mobilität. - Foto: RVI

Intelligent vernetzt, fördert die dezentrale Stromversorgung die Energiewende und die effiziente Strom- und Wärmeversorgung. Sie erleichtert zudem innovative Serviceangebote etwa im Bereich des Wohnens und der Elektro­mobilität.
In Esslingen zum Beispiel wird mit diesem Ansatz die Smart City erprobt.

Digitalisierung und Dezentralisierung prägen maßgeblich das Erscheinungsbild der Städte von morgen. Im Energiesektor finden diese Merkmale ihren Ausdruck in Mieterstromprojekten. Hier werden Prozesse und Strukturen erprobt, neue Techniken genutzt und miteinander vernetzt. Regulatorische Hürden, die aktuell eine gebäudeübergreifende intelligente Energieversorgung behindern, gelten oft nicht für Smart Grids von Mehrparteiengebäuden und Quartieren. Das macht Mieterstromprojekte zum zentralen Gestaltungselement der Smart City.

Der große Einfluss der dezentralen Energieversorgung auf das städtische Leben beruht vor allem auf dem steigenden Strombedarf in anderen Sektoren und auf der technologieoffenen Gestaltung von Mieterstromprojekten. Blockheizkraftwerke und Wärmepumpen können in das lokale Stromnetz integriert werden. So kann Solarstrom vom Hausdach zum Beispiel den hohen Strombedarf von Wärmepumpen decken. Umgekehrt können deren Pufferspeicher netzstabilisierende Energiedienstleistungen erbringen, indem ihr Energiebedarf gezielt gesteuert wird. Genauso werden Blockheizkraftwerke durch Mieterstrom effizienter betrieben, da sowohl die Wärme als auch der Strom direkt vor Ort genutzt werden.

Immer öfter wird Solarstrom von Gebäudedächern auch in Angeboten zur Elektromobilität integriert, zum Beispiel in E-Ladestellen. Das unterstützt die Attraktivität von Sharing-Konzepten für E-Autos, E-Roller und E-Bikes. Solche integrierten Dienstleistungen bieten Mietern einen großen Mehrwert, ohne die Mietkosten in die Höhe zu treiben. Sie sind ein Baustein einer klimabewussten Infrastruktur.

Neue Möglichkeiten für die Bürger

Aber es geht bei Smart Cities nicht nur um die Verknüpfung von Anlagentechnik oder um den Einsatz neuer Technologien. Ein wichtiger Aspekt ist die Bürgerbeteiligung. Die neuen Möglichkeiten und Vorteile sollen die Bürger direkt erreichen. Mit der lokalen Stromerzeugung und ihrer digitalen Kommunikation wird der Energieverbrauch für die Mieter transparenter und kann von ihnen gesteuert werden.

Smarte Netze sind dafür das Rückgrat. Sie ermöglichen es, Stromerzeugung und -nutzung ideal aufeinander abzustimmen. Im Einsatz sind dabei stets Smart Meter, die Energieprozesse visualisieren und zusammen mit sogenannten Smart-Meter-Gateways einen effizienten Betrieb elektrischer Geräte ermöglichen.

Genauso erleichtern intelligente Netze die Energieabrechnung. Lokalstrommengen werden in Echtzeit und vollautomatisch gemessen und übertragen. So entfällt nicht nur das aufwendige Ablesen von Zählerständen, es ermöglicht auch neue flexible Stromtarife, welche die Stromnutzung zu Randzeiten und die Entlastung der Stromnetze fördern. Intelligente Mieterstromkonzepte bieten damit Ansätze zur datenbasierten Optimierung städtischer Infrastruktur und Verwaltungsprozesse.

Digitale Vernetzung ist die Basis neuer Serviceleistungen und Versorgungskonzepte. Neben Komfortangeboten im Alltag der Haushalte geht es um Möglichkeiten des Stromteilens mit den Nachbarn und Mitbürgern sowie um das Stromnetz stabilisierende Versorgungskonzepte. Werden beispielsweise Elektroautos in das lokale Stromnetz integriert, können die Speicher der parkenden Fahrzeuge überschüssigen Strom aus dem Netz aufnehmen und bei Strommangel wieder abgeben.

Weil die Versorgung komplex ist und Immobilienbesitzer schnell zum Energieversorger werden, wenn sie selbst den Strom aus ihren Energieanlagen an ihre Mieter weiterreichen, haben sich spezielle Mieterstrom-Dienstleister etabliert. Meist kommen sie aus der Energiewirtschaft, sind oft selbst Energieversorger und bringen so das nötige Energiefachwissen mit. Denn auch die Abrechnung und die technische Umsetzung werden mit dem Ausbau der Mieterstromversorgung und fortschreitender Sektorenkopplung sowie der Integration neuer Techniken komplexer. Erfahrene Dienstleister beherrschen Mieterstrom von der Planung bis zur Umsetzung und übernehmen verschiedene Aufgaben sowie die restliche Energieversorgung, wenn der lokal erzeugte Strom nicht ausreicht.

Energieversorgung im Entwicklungsquartier Lok-West

Mitten auf dem Gebiet des alten Güterbahnhofs in Esslingen (Baden-Württemberg) entsteht derzeit das neue Quartier Lok-West. Auf einer Fläche von 26.500 Quadratmetern werden bis 2022 fünf Wohn- und Geschäftsgebäude mit rund 500 1- bis 4-Zimmer-Wohnungen gebaut. Das erste Gebäude namens Béla wird noch in diesem Jahr bezogen. Geplant, realisiert und später auch verwaltet wird das Quartier vom Saarbrücker Immobilienentwickler RVI. Mieterstrompartner ist Polarstern aus München.

Im Gebäude Béla wird mit einer 260-kWp-Fotovoltaikanlage Strom erzeugt. In Verbindung mit einem Blockheizkraftwerk, das 70 Kilowatt elektrischer Leistung hat, sollen bis zu 70 Prozent des Strombedarfs gedeckt werden. Eine wichtige Rolle spielt dabei die intelligente Vernetzung, die ein energiebewusstes Verhalten der Haushalte fördert und belohnt. Per Handy-App werden beispielsweise die Bewohner informiert, wenn viel Strom erzeugt wird und sich der direkte Verbrauch lohnt. Das steigert den Direktverbrauch, also wie viel des erzeugten Stroms vor Ort genutzt wird, und es senkt die Stromkosten der Mieter.

Das Quartier wird im Rahmen eines Forschungsverbunds mit der Stadt Esslingen als eines von sechs Leuchtturmprojekten in Deutschland gefördert. Es geht um Lösungen, wie der Energieverbrauch gesenkt, die intelligente Vernetzung von Strom, Wärme und Mobilität gelingen und erneuerbare Energien sinnvoll in die Energieversorgung integriert werden können. Im Mittelpunkt stehen bei Lok-West Technologien, die eine sektorenübergreifende Nutzung regenerativer Stromüberschüsse ermöglichen. Dabei wird das Quartier zum Beispiel über Elektrobusse mit dem Mobilitätskonzept der Stadt verknüpft.

Florian Henle

Der Autor
Florian Henle ist Geschäftsführer des Ökoenergieversorgers und Mieterstrom-Dienstleisters Polarstern mit Sitz in München