Bettina Rechenberg: „Bewusstsein schaffen für den Umweltschutz“

Bettina Rechenberg: „Die ökonomischen Anreize zum Umweltschutz und zur Ressourcenschonung sind nach wie vor zu schwach.“ - Foto: UBA

Müllvermeidung hat viele Facetten. Dr. Bettina Rechenberg, Fachbereichsleiterin im Umweltbundesamt, erläutert die Möglichkeiten von Herstellern, Handel, Kommunen und Verbrauchern. In unserem Interview sagt sie außerdem, was sie von einer kommunalen Plastiksteuer und Geldbußen für Littering hält.

Frau Dr. Rechenberg, der Kaffee to go im Kunststoffbecher gehört für viele zum hippen urbanen Lebensstil. Und dass der Salatsnack in der Plastikschale verkauft wird, dürften die meisten Konsumenten mit einem Schulterzucken hinnehmen. Was wird siegen, wenn es um die Reduzierung des Kunststoffmülls geht: Gewohnheit und Bequemlichkeit oder die Vernunft?

Rechenberg: Bei vielen Umweltproblemen nehmen wir eine hohe Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit wahr – wenn es allerdings um die konkrete Umsetzung geht, sind viele nicht bereit, ihr Verhalten zu ändern, denn das bedeutet häufig, sich einzuschränken oder in gewissem Maß auf gewohnte Abläufe oder Bequemlichkeit zu verzichten. Darum ist ein kluger Mix aus Maßnahmen sinnvoll. Einerseits brauchen wir für Abfälle, die in großen Mengen anfallen, oder Produkte, die häufig in der Umwelt zu finden sind, rechtliche Maßnahmen. Wir begrüßen daher die kürzlich veröffentlichte EU-Richtlinie zu Einwegkunststoffprodukten, welche Produktverbote, Informationsanforderungen sowie Maßnahmen der Produktgestaltung und Produktverantwortung für bestimmte Kunststoffprodukte festlegt. Andererseits sollte es den Verbrauchern so einfach wie möglich gemacht werden, auf unnötige Verpackungen zu verzichten oder auf Mehrweg umzusteigen. Attraktiv gestaltete eigene Mehrwegbecher oder überregionale Mehrwegbechersysteme für Coffee to go mit Rückgabemöglichkeit können dies unterstützen. Hierzu gibt es auch bereits erste überzeugende Ansätze wie Recup oder Faircup, einem Zeichennehmer des Blauen Engels für Mehrwegbechersysteme. Voraussetzung für jede Art von Maßnahme ist eine umfassende Aufklärung der Öffentlichkeit. Man muss die Verbraucher ins Boot holen und aufzeigen, was unser Konsumverhalten für Umweltauswirkungen hat. Verbraucherinformation und -aktivierung sind notwendige, aber nicht hinreichende Bedingungen für einen nachhaltigen Konsum. Letztlich ist auch der „To-go-Lebensstil“ Ausdruck eines allgegenwärtigen Trends der Beschleunigung. Entschleunigung ist ein Teil der Lösung und eine politische sowie individuelle Aufgabe.

Lebensmittelindustrie und Handel stellen sich gern auf den Standpunkt, der Verbraucher greife bevorzugt zur Plastikmineralwasserflasche und kaufe gerne die Bananen im Folienbeutel …

Rechenberg: Der Handel spielt eine große Rolle für unser Konsumverhalten. Zum Beispiel ist die Frage, ob Mehrwegflaschen überhaupt angeboten werden oder speziell bei Discountern zum Teil nur Einwegflaschen, entscheidend dafür, wie umweltfreundlich wir einkaufen. Dabei kann der Handel mehr tun und das Angebot an Mehrwegverpackungen deutlich erweitern. Auf der anderen Seite nehmen wir im Lebensmittelbereich durchaus auch Diskussionsbereitschaft und erste Initiativen wahr, etwa zur Vermeidung von Verpackungen im Obst- und Gemüsebereich, wie zum Beispiel durch die Bereitstellung von wiederverwendbaren Netzen. Ebenso steigt die Zahl an alternativen verpackungsreduzierten oder sogar verpackungsfreien Läden in Deutschland kontinuierlich an. Debatten wie die um die Abschaffung von Plastiktüten stehen symbolisch für eine Kultur des Wiederverwendens. Der Mehrweganteil bei Flaschen beträgt in Deutschland übrigens knapp 50 Prozent, eine Zahl, die deutlich steigerungsfähig ist. In diesem Anteil sind auch Plastikflaschen in Form von PET-Mehrwegflaschen enthalten, die bis zu 20-mal wiederverwendet werden können und bei regionalen Kreisläufen eine wirkliche Umweltentlastung darstellen.

Die neue EU-Richtlinie zu Einwegplastik nimmt Wegwerfartikel aus Plastik ins Visier. Die Verpackungsindustrie dürfte findig genug sein, schnell Ersatz zu entwickeln, der vor allem billig ist, bei dem der Umweltschutz aber hintenan steht.

Rechenberg: Insgesamt blicke ich bei den hier adressierten Einwegprodukten gar nicht so negativ in die Zukunft. Bereits bevor die Richtlinie verabschiedet wurde, haben große Handelsketten proaktiv bestimmte Produktgruppen aus den Regalen genommen, wie etwa Trinkhalme oder Plastikbesteck. Das Thema hat eine sehr hohe Aufmerksamkeit, und ich habe den Eindruck, dass viele Hersteller den Marketingvorteil darin erkennen, als umweltfreundliches Unternehmen zu gelten. Falls wir aber erkennen, dass die Richtlinie keine Trendwende mit sich bringt, stehen in regelmäßigen Abständen Aktualisierungen an, und Produktgruppen und Materialien, die von der Richtlinie betroffen sind, können angepasst werden. Diese Chance sollten wir dann auch nutzen.

Auf ihren Produkten sollen die Hersteller künftig über die negativen Auswirkungen für die Umwelt informieren und auf Mehrwegsysteme hinweisen. Das wird vermutlich noch weniger wirksam sein als die Schockbilder auf Zigarettenschachteln.

Rechenberg: Diese Vorgabe bezieht sich nicht generell auf Einwegprodukte, sondern auf einige ausgewählte, wie etwa Tabakprodukte oder Feuchttücher. Wir sehen immer wieder, dass vielen Konsumenten nicht bewusst ist, wie viele Produkte eigentlich Kunststoffe enthalten und welche Umweltschäden entstehen, wenn diese nicht richtig entsorgt werden. Feuchttücher sind dafür ein gutes Beispiel. Viele glauben, dass man die einfach nach Benutzung in die Toilette werfen kann, wo sie allerdings zu großen Problemen in der Abwasserbehandlung führen können, weil sie sich nicht zersetzen. Darum ist es wichtig, über das enthaltene Material aufzuklären – nur so haben Konsumenten überhaupt die Chance, richtig zu handeln.

Reichen Appelle an die Verbraucher aus? Braucht es nicht eher empfindliche Sanktionen für Müllsünder in den Städten, Abgaben auf Einwegverpackungen und To-go-Becher und -Behältnisse, die die Verbraucher im Geldbeutel spüren, sowie allgemein eine Verteuerung von Plastikverpackungen?

Rechenberg: Eine Sensibilisierung der Konsumenten halte ich für sehr wichtig, aber natürlich sind auch andere Maßnahmen notwendig, um Littering zu vermeiden und das Aufkommen an Einwegverpackungen zu reduzieren. Einige Kommunen und Bundesländer haben in letzter Zeit ihren Bußgeldrahmen deutlich nach oben justiert: In Mannheim können nun 75 Euro für das Wegwerfen einer Zigarette fällig werden und sogar 100 Euro für einen Kaugummi. Dies ist nur konsequent, um zu zeigen, dass das Littering keine Bagatelle ist. Neben Sensibilisierungsmaßnahmen sollte der Verbrauch vieler Einwegartikel deutlich reduziert werden und Hersteller sollten stärker zu Verantwortung gezogen werden, zum Beispiel indem sie für die Reinigung des öffentlichen Raums zur Kasse gebeten werden. Preise sollten also die ökologische Wahrheit widerspiegeln. Denn für die Verbraucher sind Preisvorteile immer noch am wirksamsten. Mehrwegbecher, Mehrwegsysteme sollten günstiger sein als Einwegverpackungen.

Wie sollte Ihrer Meinung nach eine wirksame Lösung des gesamten Plastikmüllproblems aussehen?

Rechenberg: Das Plastikmüllproblem als solches gibt es nicht, vielmehr sind in unterschiedlichen Branchen unterschiedliche Probleme zu lösen. Unser größtes Anliegen als Umweltbundesamt ist es, Kunststoffeinträge in die Umwelt zu vermeiden. Dazu ist ein wichtiger Baustein, Littering zu verhindern. Es gibt konkrete Ideen, die teilweise in der EU-Richtlinie zu Einwegkunststoffen aufgegriffen sind. Aber auch andere Quellen stellen ein Problem dar, wie zum Beispiel Reifenabrieb. Hier sind ganz andere Ansätze gefragt, wie zum Beispiel die Ausweitung des öffentlichen Nahverkehrs. Ebenso können eine ökologische Gestaltung von Produkten und verstärkte Dienstleistungsangebote helfen, ökologisch weniger vorteilhafte Produkte zu ersetzen und das hohe Müllaufkommen zu reduzieren. Seit 2012 schreiben Umweltbundesamt und Bundesumweltministerium jährlich den Bundespreis Ecodesign aus. Recup war eine nominierte Einreichung 2018 für ein flächendeckendes Pfandsystem für Coffee to go in Deutschland. Der Pfandbecher kann nach „mobiler Nutzung“ bei einem Recup-Partner zurückgegeben werden. Der Kunde erhält das Pfand zurück, der leichte und bruchsichere Becher kann ohne Qualitätsverlust mehrere 100-mal gespült und wiederverwendet werden. Ein anderes Beispiel von 2018 ist die ehrenamtliche Initiative Refill, die sich für kostenfreies Leitungswasser für unterwegs einsetzt. Eigenes Trinkgefäß mitbringen und kostenlos bei einem Refill-Partner wieder auffüllen. Umweltfreundlicheres Design ist auch ein zentraler Punkt des Fünf-Punkte-Plans des Bundesumweltministeriums „Nein zur Wegwerfgesellschaft“ für weniger Verpackung und mehr Recycling.

Was können die Kommunen selbst tun, damit weniger To-go-Verpackungen und Plastikmüll in die Umwelt gelangen?

Rechenberg: Viele Kommunen sind hier bereits tätig geworden und versuchen, dem gestiegenen Aufkommen an Einwegverpackungen zu begegnen. Die Ansätze reichen von der bedarfsgerechten Platzierung, Ausstattung und ansprechenden Gestaltung von Abfallbehältnissen bis hin zu vielfältigen Kommunikations- und Bildungsmaßnahmen, die auch schon bei den Jüngsten ansetzen. Wir freuen uns auch über die wachsende Teilnahme der Kommunen im Rahmen der Europäischen Kampagne „Let’s Clean Up Europe“, die in Deutschland vom Verband kommunaler Unternehmen (VKU) koordiniert wird und regelmäßig im Frühjahr stattfindet. Viele Städte und Gemeinden organisieren und unterstützen aber auch unabhängig davon Aufräumaktionen und Sensibilisierungskampagnen, um auf das Litteringproblem aufmerksam zu machen. Zum Maßnahmenmix gehören aber auch restriktivere Maßnahmen, wie das eben angesprochene Verhängen von Bußgeldern für Müllsünder. Bei Großveranstaltung haben es die Kommunen zudem in der Hand, auf Mehrwegsysteme zu setzen, um eine großflächige Vermüllung zu vermeiden. Zudem versuchen auch immer mehr Kommunen, einen ansprechenden Mehrwegbecher anzubieten, um der Flut an Einwegbechern zu begegnen.

Wie sinnvoll wäre eine kommunale Plastiksteuer?

Rechenberg: Wir begrüßen Überlegungen zu Umweltsteuern, da die ökonomischen Anreize zum Umweltschutz und zur Ressourcenschonung nach wie vor zu schwach sind. Eine Steuer auf Bundesebene für Kunststoffe wäre ein möglicher Weg. Allerdings hängt die Zweckmäßigkeit und ökologische Wirksamkeit einer solchen Steuer stark von der konkreten Gestaltung und dem jeweiligen Geltungsbereich ab. Durch die Steuer sollten keine Fehlanreize entstehen, das heißt Ersatzmaterialien verstärkt nachgefragt werden, die ökologisch schlechter abschneiden. Oberstes Ziel muss generell die Vermeidung von Abfällen sein, ganz unabhängig davon, ob es sich um Kunststoff oder andere Materialien handelt. Auch sollten wir weitere Instrumente berücksichtigen. So hat die kürzlich vom Umweltbundesamt veröffentlichte Studie zu Einweggetränkebechern vorgeschlagen, dass Kaffee und andere Heißgetränke aus Einwegbechern teurer sein sollten und die entsprechende Differenz in einen Fond eingezahlt wird, welcher Reinigungsmaßnahmen finanziert. Und die EU-Richtlinie zu Einwegkunststoffprodukten hat die Reichweite der Produktverantwortung bereits erweitert, indem die Hersteller von Essensbehältern, Folien, Plastikflaschen, Bechern, Plastiktüten, Feuchttüchern, Luftballons und Tabakprodukten sowie Fischereigerät auch an Kosten für Reinigungsmaßnahmen beteiligt werden.

Interview: Wolfram Markus

Zur Person
Dr. Bettina Rechenberg (Jg. 1965) ist Mitglied der Amtsleitung des Umweltbundesamtes (UBA) in Dessau-Roßlau. Sie leitet beim UBA den Fachbereich „Nachhaltige Produktion und Produkte, Kreislaufwirtschaft“