Beim Biomüll entscheiden Menge und Qualität

Biotonne: Durch entsprechende Öffentlichkeitsarbeit können die Kommunen die Verbraucher dafür sensibilisieren, dass Fremdstoffe im Küchenabfall den Verwertungsprozess stören. - Foto: Eyetronic/Adobe Stock

Nahrungs- und Küchenabfälle sind zu wertvoll, um in der Restmülltonne zu landen. Es gilt, ihr beachtliches energetisches und stoffliches Potenzial zu erschließen. Die Voraussetzung dafür ist ein flächendeckendes Angebot zur getrennten Erfassung. Hier haben etliche Städte und Landkreise Nachholbedarf.

Die getrennte Erfassung von Bioabfällen ist ein zentrales Standbein der Recyclingwirtschaft in Deutschland. Mit rund 10,3 Millionen Tonnen (2017) getrennt gesammelter Bio- und Grünabfälle (Bio- und Grüngut) stellt diese Fraktion insgesamt die größte getrennt erfasste Wertstofffraktion innerhalb der Siedlungsabfälle dar. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden im Jahr 2017 rund 59 Kilogramm Biogut (über die Biotonne) und etwa 65 Kilogramm Grüngut (aus Gärten und Parkanlagen) je Einwohner getrennt erfasst, in Summe also knapp 125 Kilogramm je Einwohner und Jahr.

Obwohl in der Diskussion um die getrennte Erfassung haushaltsstämmiger Bioabfälle das Thema Biotonne im Vordergrund steht, ist festzuhalten, dass auch bei der Grünguterfassung in vielen Regionen noch Handlungsbedarf besteht. Dies soll hier aber nicht weiter diskutiert werden.

Trotz der seit 2015 verbindlichen Vorgaben zur Getrennterfassung von Bioabfällen wird die Biotonne heute noch nicht in allen Kreisen und Städten angeboten. In rund 70 von 400 Landkreisen und kreisfreien Städten wird im Jahr 2019 noch immer keine flächendeckende Biotonne angeboten, und etwa die Hälfte davon bietet nach wie vor überhaupt keine Getrenntsammlung für Bioabfälle aus den privaten Haushalten an. Weitere 26 Landkreise/Städte bieten ihren Bürgern ein meist wenig nutzerfreundliches Bringsystem an, das in der Regel nur eine sehr geringe Erfassungsleistung hat. Zumindest 14 der 72 Landkreise/Städte beabsichtigen die Einführung einer Getrenntsammlung für Biogut.

Aber nicht nur dort, wo keine oder keine flächendeckende Biotonne vorhanden ist, gibt es Defizite. Auch in den Regionen mit Biotonne gibt es Handlungsbedarf, sowohl hinsichtlich Quantität als auch vor allem hinsichtlich Qualität. Es ist bekannt, dass zu den über die Biotonne erfassten Bioabfällen von rund 4,9 Millionen Tonnen fast noch einmal die gleiche Menge an Bioabfällen (vier bis fünf Millionen Tonnen) nach wie vor über den Restmüll entsorgt wird. Untersuchungen des Witzenhausen-Instituts zeigen, dass im Schnitt zwischen 25 und 45 Prozent des Gewichts des Restabfalls aus Haushalten aus Bioabfällen bestehen, die dann vergleichsweise kostenaufwendig und ohne Recycling mit beseitigt werden. Insbesondere die haushaltsstämmigen Bioabfälle, also Nahrungs- und Küchenabfälle, werden über den Restabfall entsorgt. Das bedauern insbesondere Städte und Kreise, die für ihre Bioabfallverwertung eine vorgeschaltete Vergärungsstufe installiert haben, da gerade die haushaltsstämmigen Bioabfälle einen hohen Energieinhalt aufweisen und damit zu einer hohen Biogasausbeute beitragen können.

Problematische Fremdstoffe

In den letzten zehn Jahren hat es eine deutliche Veränderung in der Behandlung der Bioabfälle gegeben. Mit der Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) und der geregelten Stromvergütung auf Basis von Biogas aus Bioabfällen wurden zusehends mehr Bioabfallvergärungsanlagen gebaut. Heute gibt es rund 100 spezielle Vergärungsanlagen für kommunale Bioabfälle, das heißt, gut ein Drittel des getrennt gesammelten Bioguts geht heute in einer Bioabfallvergärungsanlage. Dort wird neben Kompost und Gärresten zusätzlich auch Biogas erzeugt, das in der Regel verstromt wird und somit insbesondere bei netzdienlicher flexibler Einspeisung einen wichtigen Beitrag zur Energiewende leistet.

Am Ende des biologischen Prozesses der Vergärung oder Kompostierung bleibt ein Kompost oder ein flüssiger Gärrest, der wieder in den Stoffkreislauf zurückgeführt wird und hier zur Düngung und Bodenverbesserung beiträgt. Allerdings zeigt sich auch hier ein Problem: Komposte und Gärreste sind immer mehr mit Fremdstoffen belastet, in erster Linie mit Kunststoffen. Werden diese vorher nicht abgetrennt und befinden sich im Kompost, verbleiben sie über Jahrhunderte im Boden. Das macht die Vermarktung der Komposte in der Landwirtschaft immer schwieriger.

Vor diesem Hintergrund hat sowohl die Politik mit der Düngemittelverordnung als auch die Bundesgütegemeinschaft Kompost reagiert und die Grenzwerte insbesondere für Kunststoffe im Kompost verschärft. Der technischen Aufbereitung sind allerdings Grenzen gesetzt. Mit Aggregaten zur Zerkleinerung, Absiebung, Windsichtung sowie Magnetscheidung und neuerdings auch mit sensorgestützter Aufbereitung können zwar große Erfolge in der Kompostaufbereitung erzielt werden, aber letztendlich ist es deutlich sinnvoller und vor allem kostengünstiger, die Fremdstoffe erst gar nicht in den Bioabfall einzubringen.

Das heißt: Letztlich sind die Bürger aufgefordert, durch eine bessere Sammeldisziplin ein besseres Inputmaterial für die Kreislaufführung der Organik zur Verfügung zu stellen. Viele Kompostierungs- und Vergärungsanlagen berichten von einer über die Jahre kontinuierlich schlechteren Qualität der gesammelten Bioabfälle und sehen hier dringenden Handlungsbedarf. Mittlerweile ist man sich in der Branche einig, dass es ohne Kontrollen der Biotonnen und gegebenenfalls auch Sanktionen nur schwer möglich sein wird, die Qualität deutlich zu verbessern. Hier sind die Kommunen gefordert, durch eine entsprechende Öffentlichkeitsarbeit und darüber hinausgehende Maßnahmen zu einer Qualitätsverbesserung der Bioabfallsammlung beizutragen.

Die Vorgaben und Empfehlungen zur Handhabung und Erfassung von haushaltsstämmigen Bioabfällen werden bei den öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträgern (örE) sehr unterschiedlich geregelt. Während einige Gebietskörperschaften beispielsweise rohe tierische Abfälle von der Biotonne ausschließen, wird andernorts das gesamte Spektrum an pflanzlichen und tierischen Bioabfällen, egal ob gekocht oder roh, für die Erfassung über die Biotonne zugelassen. Noch kontroverser wird das Thema entsprechender Trennhilfen im Haushalt diskutiert. Die Diskussion, ob Papiertüten oder kompostierbare (biologisch abbaubare) Bioabfall-Sammelbeutel (BAW-Beutel) zugelassen sind, geht meist an den Wünschen und Anforderungen der Haushalte (Hygiene, Geruch u. a.) vorbei.

Hauptargumente der örE für den Einsatz der BAW-Beutel sind der größere Komfort für den Bürger, die verbesserte Hygiene in der Küche und der Biotonne sowie die hierdurch in der Regel höhere Erfassungsleistung an Nahrungs- und Küchenabfällen. Die Gegner von BAW-Beuteln stellen vor allem in den Vordergrund, dass sich die BAW-Beutel in der praxisüblichen Behandlungszeit nicht vollständig abbauen und somit wie konventionelle Polyethylen (PE)-Beutel den Prozess und die Qualität des Kompostes stören. Zudem wird bei Zulassung von BAW-Beuteln ein höherer Fremdstoffeintrag in das Biogut angenommen, da die Bürger nicht zwischen der Nutzung von BAW- und PE-Beuteln unterscheiden würden. Bioabfalluntersuchungen konnten dies allerdings nicht bestätigen. Im Gegenteil, dort, wo kompostierbare Beutel zur Bioabfallsammlung erlaubt waren, war ein geringerer Anteil an PE-Tüten feststellbar. Letztendlich wird man sich den Wünschen der Bürger an eine komfortable Erfassung nicht verschließen können.

Bioabfall hat ein enormes Potenzial zur Energieerzeugung und vor allem als Dünger und Bodenverbesserer. Insbesondere das im Bioabfall enthaltene Phosphat ist eine begrenzte Ressource, die wieder in den Stoffkreislauf zurückgeführt und für unsere Nachwelt erhalten werden muss. Aber Quantität und Qualität sind zwei Seiten einer Medaille. Die Herausforderung bleibt, mehr Bioabfall zu sammeln und gleichzeitig eine hohe Qualität sicherzustellen. Da ist noch viel Luft nach oben.

Michael Kern

Der Autor
Dr.-Ing. Michael Kern ist Geschäftsführer des Witzenhausen-Instituts für Abfall, Umwelt und Energie in Witzenhausen

Info: Kasseler Abfall- und Ressourcenforum

Das 31. Kasseler Abfall- und Ressourcenforum beleuchtet von 9. bis 11. April die Perspektiven der privaten und kommunalen Entsorgungswirtschaft sowie der Sekundärrohstoffwirtschaft. Fachleute berichten in Vorträgen und Foren aus Forschung und Praxis der Kreislaufwirtschaft. Eine Messe begleitet den Kongress. Veranstalter ist das Witzenhausen-Institut für Abfall, Umwelt und Energie in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft Stoffspezifische Abfallbehandlung. – Infos zu Programm und Anmeldung