Die Technik ist da, es könnte laufen mit den alternativen Antrieben – noch aber ist die Infrastruktur vielerorts ausgebremst. Wie sieht es aktuell aus bei klimaneutralen Lkw und Bussen? Und: Was können Betriebshöfe leisten? Eine Zwischenbilanz von Andreas Rade für den Verband der Automobilindustrie.

Nutzfahrzeuge sind das Rückgrat der Versorgung – sie halten das Land am Laufen: Rund 80 Prozent des Transportaufkommens in Deutschland entfallen auf den Straßengüterverkehr. Und sie haben enormes Potenzial, wenn es um klimafreundliche Mobilität geht: Der Schwerlastverkehr verursacht knapp 30 Prozent der CO₂-Emissionen auf Europas Straßen.
Die gute Nachricht: Die notwendigen Technologien zur Reduktion der Emissionen sind längst keine Zukunftsmusik mehr. Die Nutzfahrzeugindustrie hat Lösungen in allen Technologiebereichen entwickelt und Fahrzeuge auf dem Markt.
Mehr Power für Ladestationen
Batterieelektrische Lkw deutscher Hersteller mit Reichweiten von über 700 Kilometern und Wasserstofffahrzeuge mit bis zu 1000 Kilometern Reichweite sind verfügbar. Das Angebot ist da, wir brauchen dringend mehr Impulse bei der Nachfrage. Es sind die Rahmenbedingungen, die den Hochlauf in Deutschland und Europa einschränken.
Der zentrale Engpass beim Hochlauf emissionsfreier Nutzfahrzeuge ist die Ladeinfrastruktur. Wer etwa einen E-Lkw einsetzen möchte, braucht verlässliche Möglichkeiten zum Laden – auf Betriebshöfen, an Logistikstandorten und beim öffentlichen Laden entlang wichtiger Verkehrsachsen.
Infrastruktur entscheidet über Hochlauf
Genau hier besteht erheblicher Nachholbedarf. Bis 2030 müssen in der EU rund 50.000 öffentliche Ladepunkte zur Verfügung stehen. Dem stehen derzeit lediglich rund 730 Ladepunkte mit mehr als 350 kW gegenüber, die exklusiv für schwere Nutzfahrzeuge zugänglich sind. An gemischt genutzten Standorten kommen knapp 2000 öffentliche Ladepunkte hinzu.
Für Städte und Gemeinden ist das eine besonders wichtige Aufgabe. Denn der Hochlauf alternativer Antriebe findet nicht irgendwo statt, sondern vor Ort: auf Betriebshöfen, an Gewerbestandorten und entlang der Straßeninfrastruktur. Genehmigungen, Flächen, Netzanschlüsse und kommunale Planung müssen zusammenspielen.
Hinzu kommt: Gerade für den europäischen Güterverkehr sind durchgängige Verkehrsachsen entscheidend. Heute ist die Ladeinfrastruktur in Europa jedoch noch sehr ungleich verteilt. 65 Prozent der aktuell verfügbaren Ladepunkte für ausschließlich schwere Nutzfahrzeuge in der EU befinden sich in gerade einmal drei Ländern: in Schweden, Deutschland und Frankreich. Das erschwert Routen- sowie Ladeplanung und schafft Unsicherheit für Unternehmen.
Dasselbe gilt für Wasserstoff. Auch hier muss die Tankinfrastruktur dem Fahrzeughochlauf vorauslaufen. Bis 2030 werden in Europa rund 2000 Lkw-geeignete Wasserstofftankstellen mit einer Kapazität von etwa zwei Tonnen Wasserstoff pro Tag benötigt. Derzeit gibt es EU-weit lediglich rund 320 Wasserstofftankstellen.
Ziele brauchen klare Rahmenbedingungen
Die Transformation des Nutzfahrzeugverkehrs kann nur gelingen, wenn Investitionen entlang der gesamten Kette planbar sind. Speditionen, kommunale Betriebe und Flottenbetreiber müssen heute Entscheidungen treffen, die über viele Jahre wirken. Dafür brauchen sie Verlässlichkeit.
Booster für die Infrastruktur
Ambitionierte CO₂-Ziele der EU allein reichen deshalb nicht aus. Die Ziele müssen mit den tatsächlichen Rahmenbedingungen zusammenpassen. Wer den Markthochlauf alternativer Antriebe fordert, muss auch die Voraussetzungen dafür schaffen. Also konkret: Schnellladepunkte, Wasserstofftankstellen, ertüchtigte Stromnetze und einfache Genehmigung von Netzanschlüssen.
Der Nachbesserungs- und Anpassungsbedarf ist enorm, weshalb der VDA sich für eine frühzeitige Bewertung der Wirksamkeit und Umsetzbarkeit der CO₂-Flottenziele für schwere Nutzfahrzeuge einsetzt. Der Fortschritt muss zudem künftig regelmäßig politisch überprüft werden.
Kommunen als Schlüsselakteure
Gleichzeitig spielen Gemeinden und Landkreise bei der Transformation eine wichtige Rolle. Sie kennen die örtlichen Verkehrsströme und Anforderungen der ansässigen Unternehmen. Kommunale Planung kann dazu beitragen, Lade- und Wasserstofftankinfrastruktur mit Gewerbegebieten, Betriebshöfen und wichtigen Verkehrsachsen zusammenzudenken.
Busse im Einsatz für Klimaschutz
Dabei sollten auch Busse nicht vergessen werden: Die europäische Clean Vehicles Directive verlangt von Städten und Gemeinden die Anschaffung sauberer Fahrzeuge, also Elektro- oder Wasserstoffbusse im Stadt- und Überlandverkehr. Hierbei muss die Ausstattung von Busdepots zum Nachladen aufgebaut werden. Ebenso benötigt die passende Ladeinfrastruktur für den Reisebus mehr kommunale Aufmerksamkeit.
Transformation als Zukunftsmotor
Die Nutzfahrzeugindustrie steht als Partner bereit – wir wissen, dass klimaneutraler Verkehr eine Gemeinschaftsaufgabe ist. Wenn Politik, Kommunen und Wirtschaft ihre Aufgaben erfüllen, kann die Transformation nicht nur zum Erfolg für den Klimaschutz werden, sondern vor allem auch für die industrielle Wertschöpfung, Arbeitsplätze und die Zukunftsfähigkeit der Städte und Gemeinden in Deutschland.
Andreas Rade



