Wie kommt Tempo in die Verkehrswende – und wie geht es auch in ländlichen Räumen voran? Die eine Patentlösung für alle Kommunen gibt es nicht, antworten die Experten vom Deutschen Institut für Urbanistik. Gute Ideen, Konzepte und Fördermöglichkeiten haben sie aber dabei: auf dem Radweg wie im On-Demand-Bus.

Das Auto prägt die Mobilität in ländlichen Räumen weiterhin stark. Laut Umweltbundesamt
wurden dort 2023 rund zwei Drittel aller Wege mit dem Pkw zurückgelegt. Entsprechend hoch sind die verkehrsbedingten Emissionen pro Person: 60 Prozent liegen sie über dem Durchschnitt von Stadtbewohnern.
Der Ausbau alternativer Mobilitätsangebote ist in ländlichen Räumen jedoch nicht nur eine Frage des Klimaschutzes. Sie trägt auch dazu bei, dass Menschen, die kein Auto fahren, ihren Alltag selbstständig bewältigen und am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Busse, sichere Radwege oder flexible Angebote wie Rufbusse schaffen somit Mobilitätsoptionen im Alltag.
Mobilität auf dem Land nachhaltiger gestalten
In ländlichen Räumen führen geringe Bevölkerungsdichten und kleinteilige Siedlungsstrukturen oft zu langen Wegen, die sich mit klassischen Nahverkehrsangeboten nur schwer abdecken lassen. Gleichzeitig verändern eine alternde Bevölkerung und die Abwanderung junger Menschen die Anforderungen an Mobilitätsangebote und die Daseinsvorsorge. Wenn sich Einkaufsmöglichkeiten, Schulen oder ärztliche Praxen auf wenige zentrale Orte konzentrieren, werden viele Alltagswege länger.
Wie stark diese Herausforderungen ausgeprägt sind, unterscheidet sich von Region zu Region. Für die kommunale Mobilitätsplanung bedeutet das: Nachhaltige Mobilität lässt sich nicht mit Standardlösungen erreichen. Erfolgreich sind vor allem Strategien, die sich an den Bedingungen und Bedürfnissen der Menschen vor Ort orientieren.
Orientierung bieten die „drei Vs“ der Mobilitätswende: Verkehr vermeiden, Verkehr verlagern, verbleibenden Verkehr verbessern. Sie bieten für ländliche Kommunen einen Rahmen, um Mobilität schrittweise nachhaltiger zu gestalten.
Verkehr vermeiden – Wege im Alltag verkürzen
Verkehrsvermeidung setzt bei kürzeren Wegen im Alltag an. Dafür müssen Mobilität, Daseinsvorsorge und Digitalisierung stärker zusammen gedacht werden. Wohnortnahe Einkaufsmöglichkeiten, mobile Angebote wie Einkaufsbusse oder rollende Bibliotheken sowie digitale Leistungen wie Telemedizin können Wege reduzieren. Außerdem tragen Home Office oder besser gebündelte Verkehre dazu bei, Verkehr insgesamt zu vermeiden.
In der Uckermark werden mit dem „KombiBus“ zum Beispiel Kurierfahrten über den bestehenden Linienverkehr abgewickelt.
Verkehr verlagern – Alternativen zum Auto stärken
Viele Wege lassen sich gut mit dem Fahrrad oder zu Fuß zurücklegen. Voraussetzung hierfür sind sichere und durchgängige Fuß- und Radwegenetze. Fahrradabstellanlagen an Haltestellen, öffentliche Ladepunkte für Pedelecs oder kommunale Lastenradangebote können dabei helfen, Alternativen zum Auto zu stärken.
Für längere Strecken braucht es einen gut vernetzten öffentlichen Verkehr. Flexible Angebote wie On-Demand-Verkehre, Rufbusse oder Bürgerbusse können kleinere Orte besser anbinden und dienen als Zubringer zum Hauptnetz.
Noch klimafreundlicher werden solche Angebote, wenn die Fahrzeuge elektrisch betrieben werden. Ein Beispiel dafür sind die neueren Kleinbusse des On-Demand-Angebots „sprinti“ in der Region Hannover. Mobilitätsstationen wie „Die Weiterfahrer“ am Bahnhof Anklam bündeln unterschiedliche Angebote und erleichtern den Umstieg zwischen den Verkehrsmitteln.
Verkehr verbessern – verbleibenden Autoverkehr klimafreundlich gestalten
Das Auto wird auch weiterhin seinen Platz in ländlichen Räumen haben. Umso wichtiger ist es, den verbleibenden Pkw-Verkehr klimafreundlich zu gestalten. Viele private Stellflächen bieten gute Voraussetzungen für den Ausbau der Elektromobilität. Öffentliche Ladepunkte bleiben dennoch wichtig, etwa für Besucher oder Bewohner von Mehrfamilienhäusern. Gleichzeitig können Car- und Ridesharing-Angebote dazu beitragen, Fahrzeuge besser auszulasten und die Zahl privater Pkw zu reduzieren.
Wie solche Modelle auch in ländlichen Räumen funktionieren können, zeigt zum Beispiel das Mitfahrnetzwerk „HÖRI-MIT“ auf der Bodensee-Halbinsel Höri – über dieses Netzwerk werden private Fahrten koordiniert.
Die Beispiele verdeutlichen, wie vielfältig die Ansätze für nachhaltige Mobilität in ländlichen Räumen sein können. Entscheidend ist jedoch, dass unterschiedliche Angebote sinnvoll miteinander verknüpft werden. Dafür braucht es eine integrierte Mobilitätsplanung, die verschiedene Maßnahmen und Angebote konsequent aufeinander abstimmt, auch über kommunale Grenzen hinweg.
Vieles geht – am besten vernetzt und auch über kommunale Grenzen hinweg
Die Entwicklung solcher Strategien stellt Kommunen vor langfristige Planungs- und Koordinationsaufgaben. Umso wichtiger sind Angebote, die Kommunen unterstützen.
Die Agentur für kommunalen Klimaschutz berät im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) und hilft dabei, Maßnahmen für nachhaltige Mobilität zu entwickeln sowie passende Fördermöglichkeiten zu finden.
Levke Sönksen, Linus Goericke
Die Autoren
Levke Sönksen und Linus Goericke arbeiten für die Agentur für kommunalen Klimaschutz am Deutschen Institut für Urbanistik (Difu).



