Folgen des Klimawandels sind in diesem Sommer besonders heftig zu spüren – aber nicht erst jetzt legt Kiel einen starken Schwerpunkt auf Anpassungsmaßnahmen. Wie geht die Stadt mit diesen komplexen Herausforderungen um? Welche Erfahrungen gibt es? Antworten von Oberbürgermeister Samet Yilmaz.

Ende Juni gab es die erste heftige Hitzewelle dieses Sommers – und es bleibt heiß. Wie gut ist Kiel auf die Folgen des Klimawandels vorbereitet?
Samet Yilmaz: Die Hitzewellen der vergangenen Wochen machen deutlich: Der Klimawandel ist längst in unserem Alltag angekommen. Deshalb ist Klimaanpassung für mich eine zentrale kommunale Zukunftsaufgabe. Sie dient nicht nur dem Umwelt- und Klimaschutz, sondern vor allem dem Schutz der Menschen und der Lebensqualität in unserer Stadt.
Unser Ziel ist es, Klimaanpassung in allen Bereichen des städtischen Handelns mitzudenken – von der Stadtplanung über den Gesundheitsbereich bis hin zum Katastrophenschutz. Vollständig vorbereitet wird man auf die Herausforderungen des Klimawandels nie sein, aber wir haben früh begonnen, Strukturen aufzubauen und konkrete Maßnahmen umzusetzen. Das ist heute ein großer Vorteil.
„Klimaanpassung betrifft nahezu alle Bereiche einer Stadt“
Während viele Kommunen noch über Hitzeschutz diskutieren, setzt Kiel bereits auf konkrete Instrumente wie Hitzeaktionsplan, Frühwarnsysteme und klimaangepasste Stadtplanung. Können Sie diese Instrumente näher beschreiben?
Samet Yilmaz: Für uns war immer entscheidend, möglichst schnell ins Handeln zu kommen. Deshalb setzen wir bereits zahlreiche Maßnahmen um, die dem Hitzeschutz dienen. Dazu gehören Informationen und Verhaltenstipps bei Hitzewarnungen des Deutschen Wetterdienstes, die unter anderem in den Bussen der KVG angezeigt werden; unsere Karte der „Kühlen Orte“, an denen sich Menschen an heißen Tagen aufhalten können; sowie gezielte Informationsangebote für besonders gefährdete Gruppen.
Gleichzeitig denken wir Hitzeschutz langfristig. Mit klimaangepasster Stadtentwicklung, mehr Stadtgrün, Entsiegelung und einer wassersensiblen Stadtplanung schaffen wir die Voraussetzungen dafür, dass sich unsere Stadt auch künftig weniger stark aufheizt. Kurzfristige Schutzmaßnahmen und eine vorausschauende Stadtplanung gehören für mich untrennbar zusammen – denn wir müssen heute die Grundlagen dafür schaffen, dass unsere Stadt auch morgen den Folgen des Klimawandels gewachsen ist.
Was ist für Sie in Sachen Hitzeschutz besonders wichtig?
Samet Yilmaz: Mir ist wichtig, dass Hitzeschutz kein Einzelprojekt ist, sondern als Gemeinschaftsaufgabe verstanden wird. Klimaanpassung betrifft nahezu alle Bereiche einer Stadt. Deshalb müssen wir Gesundheitsschutz, Stadtplanung, Grünflächenentwicklung und Wassermanagement gemeinsam denken. Gleichzeitig dürfen wir nicht erst handeln, wenn die nächste Hitzewelle da ist.
Vorausschauendes Handeln ist entscheidend. Klimaanpassung muss bei unseren Planungen von Anfang an mitgedacht werden. Ebenso wichtig ist mir, die Menschen mitzunehmen. Gute Informationen, verständliche Kommunikation und leicht zugängliche Angebote helfen dabei, dass jede und jeder sich selbst besser schützen kann. Hitzeschutz ist deshalb eine gemeinsame Aufgabe von Verwaltung, Politik und Stadtgesellschaft.
Hitzeschutz für besonders gefährdete Menschen in Kiel
Was tun Sie, um insbesondere ältere Menschen, Kinder und chronisch Kranke besser vor Hitzefolgen zu schützen?
Samet Yilmaz: Besonders gefährdete Menschen stehen für uns im Mittelpunkt. Stationäre Einrichtungen unterstützen wir regelmäßig mit Informationsmaterialien und Hitzewarnhinweisen. Gerade in Pflege- und Seniorenheimen ist das regelmäßige Trinken wichtig, aber auch die Möglichkeit, kühle Orte aufzusuchen. Für Kinder haben wir in den vergangenen beiden Jahren 2500 Sonnenmützen mit Nackenschutz an Kieler Kitas verteilt.
Ergänzend gab es Aufklärungstage, bei denen Kinder spielerisch den richtigen Umgang mit Sonne und Hitze gelernt haben. Auch an unseren Badestellen und in den Freibädern informieren wir über UV-Schutz und Gesundheitsrisiken. Während der Kieler Woche haben wir zusätzliche Schattenplätze geschaffen und zahlreiche Trinkwasserangebote bereitgestellt. Entscheidend ist, dass Prävention möglichst niedrigschwellig und alltagsnah erfolgt.
Stadtbäume, Grünflächen, Fassaden- und Dachbegrünungen
Die Deutsche Umwelthilfe hat festgestellt, dass in den letzten Jahren in vielen Städten zahlreiche Bäume verschwunden sind. Wie sieht das in Kiel aus?
Samet Yilmaz: Stadtbäume sind für uns weit mehr als ein Gestaltungselement – sie sind ein wichtiger Bestandteil der Klimaanpassung und tragen wesentlich zur Lebensqualität in unserer Stadt bei. Deshalb verfolgen wir das klare Ziel, den Baumbestand in Kiel langfristig zu sichern und weiter auszubauen. Mit unserem Straßenbaumkonzept haben wir rund 10.000 potenzielle neue Baumstandorte identifiziert. Natürlich müssen diese Standorte im Einzelfall auf ihre Umsetzbarkeit geprüft werden – beispielsweise im Hinblick auf Leitungen im Untergrund oder den verfügbaren Straßenraum. Mir ist bewusst, dass Bäume mit anderen Nutzungsansprüchen konkurrieren. Dennoch verfolgen wir konsequent das Ziel, den Baumbestand langfristig auszubauen und die natürlichen Schattenflächen in unserer Stadt zu vergrößern.
Welche Rolle spielen neben Stadtbäumen Grünflächen, Fassaden- und Dachbegrünungen beim Kieler Hitzeschutz?
Samet Yilmaz: Sie spielen eine Schlüsselrolle. Bäume spenden nicht nur Schatten, sondern kühlen durch Verdunstung die Umgebung spürbar ab. Grünflächen verbessern das Stadtklima insgesamt und erhöhen gleichzeitig die Aufenthaltsqualität. Darüber hinaus fördern wir Dach- und Fassadenbegrünungen mit einem eigenen Förderprogramm. Solche Maßnahmen tragen dazu bei, Gebäude zu kühlen, Regenwasser zurückzuhalten und die biologische Vielfalt in der Stadt zu stärken. Für mich ist klar: Stadtgrün ist kein Luxus, sondern ein wesentlicher Bestandteil einer klimaangepassten und resilienten Stadtentwicklung. Deshalb wollen wir Grünstrukturen bei der Weiterentwicklung Kiels konsequent mitdenken und stärken.
Klimaschutz und Stadtentwicklung zusammendenken
Wie kann Hitzeschutz gelingen, wenn Freiräume unter Druck stehen und gleichzeitig die kommunalen Kassen knapp sind?
Samet Yilmaz: Das ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Klimaanpassung kostet Geld – sie nicht umzusetzen, wird aber langfristig deutlich teurer. Deshalb nutzen wir Förderprogramme von Bund und Land konsequent, um wichtige Projekte umzusetzen. Ein gutes Beispiel ist die Umgestaltung des Schützenparks, in die insgesamt rund 2,9 Millionen Euro investiert werden. Gleichzeitig müssen wir vorhandene Flächen intelligenter nutzen. Dazu gehören Entsiegelung, wassersensible Stadtentwicklung, der Erhalt von Grünflächen und eine kompakte Bauweise. Klimaschutz und Stadtentwicklung dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden – sie müssen zusammengedacht werden.
Welche Erfahrungen machen Sie in Kiel mit dem Hitzeschutz? Welche Tipps können Sie anderen Städten geben?
Samet Yilmaz: Unsere wichtigste Erfahrung ist: Man sollte früh anfangen und Klimaanpassung dauerhaft in der Verwaltung verankern. Es reicht nicht, einzelne Maßnahmen umzusetzen – entscheidend sind klare Zuständigkeiten, eine gute Zusammenarbeit der Fachbereiche und eine langfristige Strategie. Mein Rat an andere Kommunen ist, pragmatisch vorzugehen und Klimaanpassung als Querschnittsaufgabe zu verstehen.
Nicht jede Maßnahme muss groß sein. Wichtig ist, konsequent anzufangen und Schritt für Schritt voranzugehen. So entsteht mit der Zeit eine große Wirkung. Klimaanpassung ist keine Aufgabe einer einzelnen Verwaltungseinheit. Sie gelingt nur, wenn Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft und Stadtgesellschaft gemeinsam Verantwortung übernehmen. Denn der Klimawandel macht an Ressortgrenzen nicht halt – und unsere Antworten darauf sollten es ebenfalls nicht.
Interview von Fabienne Acker



