Verschiedene Variablen im Blick

Radfahrer in der Innenstadt: Ein integriertes Sicherheitsmanagement der Straßeninfrastruktur kann Verkehrssicherheitsaspekte mit der notwendigen Effizienz umfassend berücksichtigen. - Foto: Kara/Fotolia

Die Verkehrssicherheitsarbeit ist kein isolierter Prozess, sondern eine Quer­schnitts­aufgabe. Sie kann nur dann nachhaltige Wirkung entfalten, wenn sie die Perspektiven von Verkehrsbehörden, Planung, Bau und Polizei integriert. Die Verknüpfung von Daten legt die Grundlage zur Erfassung komplexer Situationen.

Verkehrssicherheitsarbeit war vor allem im Infrastrukturbereich lange Zeit vorrangig definiert über die Arbeit der Unfallkommissionen oder die örtliche Unfalluntersuchung. Über Grenzwerte des Unfallgeschehens werden ausgewählte Bereiche des Straßennetzes analysiert und Maßnahmen zur Sanierung von Sicherheitsdefiziten umgesetzt. Diese Vorgehensweise wird auch in Zukunft einen hohen Stellenwert haben. Die Verfügbarkeit und Qualität von Unfalldaten, neue Möglichkeiten der Analyse, aber auch die Weiterentwicklung von Verfahren zur präventiven Sicherheitsarbeit geben den Kommunen heute vielfältigere Ansätze an die Hand, um Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit zu planen und zu priorisieren.

Diese Ansätze lassen sich auf drei Kernpunkte zurückführen:

  • verknüpfte Auswertungen digitaler Unfalldaten mit Informationen zum Straßennetz und zur Straßeninfrastruktur,

  • objektive Abschätzung zukünftiger Auswirkungen von Veränderungen auf die Verkehrssicherheit anhand von Unfallmodellen,

  • Verkehrssicherheitsarbeit als Querschnittsthema.

Jährlich veröffentlichte Unfallstatistiken geben nur einen Bruchteil der Informationen preis, die für die Verkehrssicherheitsarbeit relevant sind. Erst verknüpfte Auswertungen, das heißt Auswertungen, die Merkmale kombinieren oder verschiedene Datenarten gemeinsam betrachten, zu Konfliktsituationen bestimmter Verkehrsmittel, den beteiligten Altersgruppen, sowie Angaben zu den Örtlichkeiten ermöglichen gezielte Maßnahmen mit einer hohen Wirksamkeit.

Handelt es sich beispielsweise bei Unfällen mit Radverkehrsbeteiligung um Konflikte beim Abbiegen, bei denen eingeschränkte Sichtbeziehungen zu unfallbegünstigenden Situationen führten? Oder werden eher Unfälle mit einbiegenden Kfz und linksfahrendem Radverkehr („Geisterradler“) verzeichnet? Auf welchen Routen und an welchen Knotenpunktypen ereigneten sich diese Unfälle? Das kann eine einfache Unfallstatistik nicht beantworten.

Werden aber detaillierte Unfalldaten mit einem Netzmodell und zusätzlichen Informationen (u. a. Art der Radverkehrsanlage) verknüpft, lassen sich auf einen Blick Sicherheitsdefizite identifizieren. Solche Netzanalysen eignen sich auch zum Vergleich mit anderen Bewertungs- und Analyseverfahren. Eine Überlagerung mit Analysen aus Lärmaktionsplänen, Stadtgeschwindigkeits- oder Radverkehrskonzepten geben vergleichsweise schnell und einfach Hinweise, wo Verkehrssicherheitsaspekte in die Überlegungen einfließen sollten.

Blick zurück und voraus

Dies ist der Blick zurück, um Auffälligkeiten des Unfallgeschehens als Grundlage für die Entwicklung und Priorisierung von Maßnahmen zu berücksichtigen. Welchen Beitrag aber können zukünftige Maßnahmen für die Verkehrssicherheit im Sinne einer reduzierten Zahl und Schwere von Unfällen (meist ausgedrückt über volkswirtschaftliche Unfallkosten) leisten?

In den letzten Jahren wurden vermehrt sogenannte Unfallvorhersagemodelle entwickelt. Diese treffen eine Abschätzung, wie sich das jährliche Unfallgeschehen bei Umstellung bestimmter Randbedingungen verändert. So hat die gleiche Menge an Verkehr in einer Hauptgeschäftsstraße im Vergleich zu einer Gewerbestraße nachweislich andere Folgen für die Verkehrssicherheit.

Hier ergeben sich Möglichkeiten der Optimierung. Dies geschieht anhand von Unfallmodellen, mit denen Unterschiede abgeschätzt und quantifiziert werden. Vor allem in Kombination mit Verkehrsnachfragemodellen ergeben sich zahlreiche neue Analysemöglichkeiten. Folgende Fragestellungen sind denkbar oder werden heute bereits damit bearbeitet:

  • Wie kann die Verteilung des motorisierten Individualverkehrs dahingehend optimiert werden, dass sich bei gleichbleibender Verkehrsmenge insgesamt weniger und weniger schwere Unfälle ereignen? Anders formuliert, welchen Nutzen bringt es, den motorisierten Verkehr aus sensiblen Straßenräumen mit vielen nicht-motorisierten Verkehrsteilnehmern und anderen Konflikten (u. a. Parken, öffentlicher Nahverkehr) in weniger sensible Straßenräume zu verlagern?

  • Welche flankierenden Maßnahmen zur Abfederung der Auswirkungen des Baus einer neuen Ortsumgehung oder einer sonstigen Straße bringen den höchsten Nutzen für die Verkehrssicherheit?

  • Welche Veränderungen bringen Anpassungen in den zulässigen Höchstgeschwindigkeiten (z. B. aufgrund des Lärmschutzes) für die Verkehrssicherheit?

  • Welcher Straßenentwurf erbringt nachweisbar den größten Nutzen für die Straßenverkehrssicherheit. An welchen Stellschrauben muss der Planer drehen, um die Verkehrssicherheit weiter zu optimieren?

Die letzte Frage wird in naher Zukunft mit der Veröffentlichung des Handbuchs für die Bewertung der Verkehrssicherheit von Straßen beantwortbar sein. Darin sind Kenngrößen zur Bewertung der Verkehrssicherheit von Entwurfselementen dokumentiert.

Die Verkehrssicherheitsarbeit ist kein isolierter Prozess, sondern sie funktioniert nur als Querschnittsaufgabe (bzw. integrativer Ansatz). Jeder Verkehrsentwicklungsplan oder jedes Mobilitätskonzept betrifft auch die Verkehrssicherheit. Daher gilt es standardisierte Verfahren zu entwickeln, die die Verkehrssicherheit in der Planung, dem Betrieb und Unterhalt und der Erhaltung der Straßeninfrastruktur kontinuierlich mitberücksichtigen. Hier liegt ein wesentlicher Unterschied zur örtlichen Unfalluntersuchung, welche weitestgehend losgelöst von anderen Betrachtungen Unfallhäufungen saniert.

Erst das integrierte Sicherheitsmanagement der Straßeninfrastruktur kann mit der notwendigen Effizienz Verkehrssicherheitsaspekte in allen Vorgängen berücksichtigen. Hierzu müssen allen Beteiligten entsprechende Grundlagen (wie z. B. Unfalldaten) und die unter anderem darauf basierenden Erkenntnisse über Sicherheitsdefizite zur Verfügung stehen. Bewertungen der Verkehrssicherheit, beispielsweise in den Netzanalysen, müssen Grundlage oder anderweitig Bestandteil aller Projekte in Planung, Betrieb und Erhaltung sein.

Dies erfordert eine Koordinierung über Zuständigkeiten und Bereiche hinweg, beispielsweise durch die Verkehrsbehörden. Zuerst muss jedoch eine entsprechende Aufbereitung und empfängergerechte Kommunikation von Defiziten, Vorgehensweisen und Maßnahmen erfolgen. Verkehrssicherheit ist nicht die einzige Bewertungskomponente. Abwägungen mit konkurrierenden Zielen sollten daher immer transparent erfolgen. Das Sicherheitsmanagement wird erst dann nachhaltig, wenn es nicht allein auf Betreiben einzelner Experten, sondern im Rahmen von standardisierten Prozessen erfolgt, die kontinuierlich verbessert werden. Die nachhaltige Verbesserung der Verkehrssicherheit ist nicht ausschließlich eine Frage der Finanzierung, sondern vor allem der entsprechenden Abstimmung aller Beteiligten des Verkehrssicherheits- und Infrastrukturmanagements. Entsprechende Grundlagen können im Rahmen der Entwicklung eines städtischen Verkehrssicherheitskonzeptes geschaffen werden, das die Anforderungen von Verkehrsbehörden, Planung, Bau und Polizei berücksichtigt.

Hagen Schüller

Der Autor
Dr.-Ing. Hagen Schüller ist Leiter des Bereichs Verkehrssteuerung und -management bei der PTV Transport Consult in Karlsruhe