Städtepartnerschaften: Vernetzt über Grenzen

„Erfolgreich vernetzt in Europa“: Die Gewinner des Wettbewerbs mit Sina Redlich vom BBSR (2. v. r.) und Dr. Katharina Erdmenger vom Bundesinnenministerium (3. v. r.). - Foto: Foto: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Wenn Kommunen sich mit Partnern aus anderen EU-Staaten vernetzen, lohnt sich das. Eine aktuelle Studie zeigt, warum eine Zusammenarbeit über Grenzen hinweg die Entwicklung von Städten und Regionen voranbringt. Die Steigerung der Lebensqualität ist nur einer von mehreren Effekten.

Städte und Regionen aus den verschiedensten Teilen Europas sehen sich trotz ihrer Unterschiedlichkeit oft mit ähnlichen Fragen und Ausgangslagen konfrontiert. Vernetzung und Kooperation bergen vielfältige Möglichkeiten, um lokalen Herausforderungen gemeinsam zu begegnen und Chancen zu nutzen. Die europäische Zusammenarbeit kann dabei über Städtepartnerschaften, europäische Netzwerke oder konkrete Projekte stattfinden.

Mit dem Vorhaben „Erfolgreich vernetzt in Europa – gemeinsam Städte und Regionen gestalten“ stellen das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) und das Bundesinstitut für Bau-, Stadt und Raumforschung (BBSR) die Vernetzung deutscher Kommunen mit europäischen Partnern in den Fokus. Über einen Wettbewerb und begleitende Forschung wurden übertragbare Beispiele von Kommunen aller Größenklassen identifiziert. Dabei hat sich auch gezeigt, dass bislang nur ein Prozent der deutschen Gemeinden unter 10 000 Einwohnern in Europa vernetzt sind. Hier liegt großes ungenutztes Potenzial, und es gibt mindestens vier gute Gründe, dies zu ändern.

Kommunale Daseinsvorsorge

Die Daseinsvorsorge als elementare staatliche und kommunale Aufgabe kann durch europäische Kooperation deutlich ausgebaut und verbessert werden. In der Kleinstadt Gudensberg (Nordhessen) beispielsweise sind aus einer humanitären Hilfsaktion der Daseinsvorsorge vielzählige soziale Initiativen zur europäischen Zusammenarbeit entstanden. Aus der engen trinationalen Partnerschaft zwischen Deutschland, Polen und der Ukraine resultierte unter anderem der Aufbau einer freiwilligen Feuerwehr in Schtschyrez (Ukraine), bei deren Ausbildung gleichzeitig die Gudensberger Feuerwehren trainieren.

Gudensberg nutzt die internationalen Kontakte als Chance, das Leben sowie die Gesellschaft und Wirtschaft in der Stadt zu überdenken. Der kritische Blick von außen liefert hier wertvolle Anregungen für Weiterentwicklungen und verbesserte Herangehensweisen vor Ort.

Lebensqualität

Gemeinsame Aktivitäten im Bereich der Stadt- und Regionalentwicklung können die Lebensqualität steigern. Die Ansätze können ganz unterschiedlicher Natur sein. Der Landkreis Lörrach und die große Kreisstadt Weil am Rhein (Baden-Württemberg) haben beispielsweise einen planerischen Ansatz gewählt. Gemeinsam mit den Partnern aus Frankreich und der Schweiz entwickeln sie eine Quartiersplanung zur Verknüpfung von Wohnraum, öffentlichen Erholungsräumen und Mobilitätskonzepten aus den drei Ländern. Der wertvolle Stadtraum entlang des Rheins soll gemeinsam und nachhaltig zu einem grenzüberschreitenden Stadtteil innerhalb der Metro­polregion Basel entwickelt werden. Die langjährige Zusammenarbeit und das Wissen um die unterschiedlichen gesetzlichen und verwaltungsinternen Vorgaben der drei Länder ermöglichten dieses umfassende Vorhaben.

Attraktivität und Bekanntheitsgrad

Tourismus ist für viele Kommunen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Europäische Vernetzung kann dazu beitragen, die Attraktivität und den Bekanntheitsgrad der Kommune oder Region zu steigern. Von der regelmäßigen Zusammenarbeit mit europäischen Partnern profitiert zum Beispiel der Naturpark und Unesco-Global-Geopark Vulkaneifel (Rheinland-Pfalz). Dieser hat das Europäische Geopark-Netzwerk (EGN) mitgegründet, über das Konzepte anderer Geoparks auf die eigene Arbeit übertragen werden können. Durch die internationalen Impulse kommen gemeinsame Aktionen zustande, wie die europäische Geoparkwoche oder die Veröffentlichung eines Geopark-Magazins.

Das Bewerben der Parks untereinander wirkt sich zudem positiv auf die Besucherzahlen aus. Das Beispiel zeigt, dass europäische Vernetzung ländlichen Regionen hilft, gemeinsam zu wachsen, in Europa sichtbar zu sein sowie die regionale Wirtschaft zu stärken. Es ist also auch für Regionen außerhalb der städtischen Zentren sinnvoll, intensive Kontakte mit Partnerregionen in Europa zu pflegen.

Kompetenzen und Perspektiven

Durch europäische Vernetzungsarbeit entsteht nicht zuletzt ein Wissens- und Erfahrungsaustausch, der Beteiligte motiviert und qualifiziert – auch jene, die nicht direkt in die einzelnen Projekte involviert sind. Das Interreg-Projekt „ASTUS“, an dem zwölf Partner aus den Alpenraumländern Deutschland, Frankreich, Österreich, Italien und Slowenien beteiligt sind, ist hierfür ein Beispiel. Im Rahmen der europäischen Zusammenarbeit werden im Großraum München (Bayern) Bürger für Wohnformen begeistert, die auf eine intensivere Nutzung des vorhandenen Wohnraums abzielen. Dadurch soll CO2-intensiver Neubau vermieden werden. Lokale Befragungen haben geholfen herauszufinden, wie zu Wohnungstausch, Untervermietung oder zum Umbau zu groß gewordener Häuser motiviert werden kann. Die Ergebnisse können nun von Wohnungsbaugesellschaften genutzt werden und schaffen so langfristige Perspektiven für die Region München.

Die untersuchten Projekte stehen beispielhaft für die große Bandbreite der europäischen Vernetzung und zeigen auf, wie Hürden gemeistert werden konnten – sowohl in kleineren als auch in größeren Städten, Gemeinden und Regionen. Daher: Auf in die Vernetzung!

Sina Redlich

Die Autorin
Sina Redlich ist Referentin im Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Inhaltliche Schwerpunkte ihrer Arbeit sind die Europäische Raumentwicklungspolitik und transnationale Zusammenarbeit im Rahmen des Programms Interreg B

Checkbox: Städte und Gemeinden auf Partnersuche – erste Schritte zur Vernetzung auf europäischer Ebene:

  • Derzeitige oder künftige relevante thematische Schwerpunkte identifizieren (Vernetzung soll auf Basis von eigenen Bedarfen ausgehen)

  • Kommunennetzwerke kontaktieren, um Tipps zu Programmen und/oder für die Partnersuche zu bekommen

  • Bei Veranstaltungen und Konferenzen Kontakte knüpfen

  • Kontaktaufnahme und bilateraler Austausch mit Kommunen, die EU-Projekte in dem anvisierten Themenfeld umgesetzt haben, um von deren Erfahrungswerten und Vorgehensweisen zu lernen

  • Beratungsangebote des Bundes/der Förderprogramme nutzen

  • Schlüsselakteure vor Ort identifizieren und gewinnen

  • Kontaktaufnahme zu Kommunen, die ähnliche Herausforderungen teilen

Literatur: Die Publikation „Europäische Vernetzung – ein Treiber für die Entwicklung vor Ort“ (Oktober 2019) des BMI bündelt Praxisbeispiele aus deutschen Kommunen und Regionen und zeigt Forschungsergebnisse zur Vernetzungssituation mit europäischen Partnern. Auf Basis von Fallbeispielen werden der Nutzen, die Voraussetzungen und die Bedeutung der europäischen Zusammenarbeit für die regionale Entwicklung betrachtet. – Download