Soziale Stadtentwicklung

Zusammenleben braucht Begegnung − und die wiederum braucht Orte und Anlässe, damit gemeinsame Interessen und Aktivitäten zu einem guten Miteinander führen können. Foto: Adobe Stock/Halfpoint

Wesentlicher Aspekt für die Lebensqualität eines Quartiers ist das Miteinander der Bewohnerinnen und Bewohner. Wie man es fördern kann, zeigt eine neue Studie des vhw – Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung.

Lebendige Nachbarschaften und ein gutes Miteinander im Alltag: Dies ist ein erklärtes Ziel sozialer Stadtentwicklung. Dafür engagieren sich in unseren Städten und Gemeinden zahlreiche Akteure, besonders aus der Zivilgesellschaft. Ihr Credo lautet: Zusammenleben braucht Begegnung. Aber wie gelingt es, in Quartieren und Nachbarschaften unterschiedliche Menschen und Gruppen in Kontakt zu bringen?

Orte und Anlässe für Begegnung werden gebraucht. Eine wichtige Rolle kommt dabei eher institutionalisierten, (halb-)öffentlichen Räumen zu, in denen sich Begegnung über organisierte Angebote unmittelbar gestalten lässt.

Auf Stadtteilebene können sehr unterschiedliche Einrichtungen als Treffpunkte dienen und mit ihren Aktivitäten Begegnungsmöglichkeiten schaffen. Von zentraler Bedeutung sind gut erreichbare Stadtteileinrichtungen, die unterschiedliche Angebote für die Bewohnerinnen und Bewohner vorhalten und Stadtteilgruppen mit ihren Aktivitäten einen Platz bieten. Dies können etwa Nachbarschaftshäuser, Familienzentren oder Mehrgenerationenhäuser sein, die für jede und jeden offen stehen.

Neue Begegnungsräume im Quartier anregen

Zu wichtigen Begegnungsorten im Quartier können aber auch Einrichtungen werden, deren primäre Aufgaben in den Bereichen Bildung oder Betreuung liegen. Vielerorts öffnen sich beispielsweise Schulen oder Altenpflegeeinrichtungen im Zuge einer zunehmenden Sozialraumorientierung zum Stadtteil hin und wenden sich neuen Zielgruppen sowie Angeboten zu.

Kommunen sollten solche Öffnungsprozesse gezielt unterstützen und anregen. Denn so ergeben sich ebenfalls neue Räume für Begegnung im Quartier. In der Praxis haben sich verschiedene Angebotsformate bewährt, um unterschiedliche Menschen und Gruppen im Stadtteil zusammenzuführen.

Dazu zählen offene Treffs, gemeinschaftliche (Freizeit-) Aktivitäten, Patenprogramme, Informations- und Beratungsangebote oder Angebote mit Festival- und Veranstaltungs-charakter. Zudem gibt es eine Reihe sozialraumbezogener Aktivitäten, die Begegnung fördern, jedoch primär andere Ziele verfolgen.

Synergiepotenziale nutzen

Manchen Akteuren ist dabei gar nicht bewusst, dass diese Angebote auch Kontakt und Austausch stiften. Eine künftige Aufgabe sollte es daher sein, sich bei Quartiersprojekten die Potenziale von Begegnung stärker bewusst zu machen. Dies setzt eine (bessere) strategische Einbettung des Ziels Begegnung auf kommunaler Ebene voraus.

In integrierten Stadt(teil-) entwicklungskonzepten oder sektoralen Fachkonzepten ist die Förderung von Begegnung jedoch oftmals kein eigenständiges Handlungsfeld. Begegnung wird meist in anderen Themenbereichen wie Integration mitgeführt und dort als (Teil-) Maßnahme zum Erreichen bestimmter Zielsetzungen konzeptualisiert.

Auch in stadtteilbezogenen Austauschrunden wie Netzwerktreffen oder Arbeitskreisen ist es keineswegs die Regel, dass das Thema Begegnung explizit im Fokus steht. Dies kann in der Stadtteilarbeit zu weniger aufeinander abgestimmten Handlungsansätzen führen, womit Synergiepotenziale – etwa hinsichtlich der Bündelung von Ressourcen und Kompetenzen – ungenutzt bleiben. Mit einer besseren strategischen Einbettung könnten daher viele Begegnungsansätze noch eine größere Wirkung entfalten.

Ein Schritt zu lebenswerteren Quartieren

Wie wichtig begegnungsfördernde Aktivitäten für das soziale Leben und Miteinander in Quartieren und Nachbarschaften sein können, zeigt eine aktuelle Studie des vhw – Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung e. V. Begegnungsangebote tragen etwa zum Aufbau von Kontakten und Netzwerken unter den Bewohnerinnen und Bewohnern bei, ermöglichen soziale Teilhabe, Selbsthilfe und Empowerment von (benachteiligten) Gruppen, fördern die Vertrautheit im Quartier oder stärken die lokale Verbundenheit.

Zudem schaffen die Angebote Kontaktmöglichkeiten, welche die Wahrnehmung und Bewertung anderer gesellschaftlicher Gruppen positiv verändern können. Dies ist besonders dann der Fall, wenn die Teilnehmenden auf Basis gemeinsamer Interessen und Aktivitäten zusammentreffen. So kann sich ein soziales Miteinander einstellen, das von einer spontanen Gemeinschaftlichkeit getragen ist und ein ungezwungenes Kennenlernen ermöglicht.

Begegnungsarbeit im Quartier hat also für das Zusammenleben vor Ort ihren Wert – darüber sollte man sich bewusst sein, auch in der kommunalen Verwaltung und Politik. Diese Sichtweise zu kultivieren, ist bereits ein wichtiger Schritt, um zu lebenswerteren Quartieren zu kommen. Lars Wiesemann

Der Autor: Dr. Lars Wiesemann, Dipl.-Geograph, ist Seniorwissenschaftler beim vhw – Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung e. V. in Berlin.