Sarah Henkelmann: „Pädagogik geht vor Technik“

Dr. Sarah Henkelmann: „Wir raten: Testen Sie gründlich und beziehen Sie Lehrkräfte sowie die Schülerinnen und die Schüler mit ein.“ - Foto: Netzwerk Digitale Bildung

Im Digitalpakt Schule unterstützt der Bund die Schulen finanziell. Dr. Sarah Henkelmann, Sprecherin des Netzwerks Digitale Bildung, zeigt im Interview die Bedeutung eines Medienentwicklungsplans auf und erläutert die Notwendigkeit kontinuierlicher Fortbildung der Lehrkräfte.

Frau Henkelmann, welche Bedeutung messen Sie elektronischen Lehr- und Lernmitteln für den schulischen Unterricht bei?

Henkelmann: Guter Unterricht wird von guten Lehrerinnen und Lehrern gemacht. Aber sinnvoll eingesetzt, kann Technologie dabei unterstützen, dass Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit ihren Lehrkräften ihre individuellen Stärken entdecken und entwickeln. Sie kann die Arbeit erleichtern und die Lernerfolge deutlich verbessern. Zur Vorbereitung auf das Leben ist der Umgang mit digitalen Medien wichtig, im Privaten wie im Beruflichen. Deshalb ist es von großer Bedeutung, dass an Schulen mit hochwertigen digitalen Lehr- und Lernmedien gearbeitet wird. Man achtet ja auch darauf, dass das Kind einen ordentlichen Füllfederhalter hat. Wichtig ist dabei das Prinzip Pädagogik vor Technik!

Die allgemeine Digitalisierung macht viele bislang selbstverständliche Abläufe oder Gewohnheiten fragwürdig. Was halten Sie von Überlegungen, das Erlernen der Handschrift in Schulen aufzugeben?

Henkelmann: Das Schreiben von Hand und auch das Schulheft werden nicht verschwinden. Bei zeitgemäßem Unterricht geht es nicht darum, welche Technologie eingesetzt wird, sondern welche Kompetenzen den Schülerinnen und Schülern mitgegeben werden. Schon 2016 hat die Kultusministerkonferenz in Ihrem Strategiepapier „Bildung in der digitalen Welt“ wichtige Kompetenzen, die sogenannten 4K, ermittelt, die Schülerinnen und Schüler besitzen sollten, um auf die Zukunft vorbereitet zu sein: Kommunikation, Kritisches Denken, Kollaboration, Kreativität. Digitale Bildung heißt, die Schüler zu befähigen, sich in einer digitalisierten Welt zu bewegen und diese zu gestalten. Das muss in der Schule geschehen.

Nun ist der Digitalpakt Schule seit Mai 2019 beschlossen. Wie können die Schulen das Fördergeld, fünf Milliarden Euro für ganz Deutschland, einsetzen? Endgeräte sollen ja wohl nicht auf dem Einkaufszettel der Rektoren stehen …

Henkelmann: Das kommt darauf an, wie Sie Endgeräte definieren. Mobile Endgeräte wie Smartphones werden tatsächlich nicht gefördert, und bei Tablets, PCs und Notebooks sind die Beträge stark gedeckelt. Bei Endgeräten setzt die Förderung den Schwerpunkt klar auf digitale Anzeigemedien, wie interaktive Displays, also digitale Tafeln. Hier haben übrigens Studien ergeben, dass große Displays ein zentraler Punkt im Klassenraum sind, dessen Einsatz wichtig für pädagogisch sinnvollen Unterricht ist. Allerdings müssen die Lehrkräfte im Umgang mit ihnen sowohl technisch als auch methodisch geschult sein. Auch das hat die Erfahrung gezeigt.

An welche Voraussetzungen ist die Förderzusage gebunden?

Henkelmann: Das ist in den jeweiligen Förderrichtlinien der Bundesländer festgelegt. Im Detail unterscheiden sie sich, aber fast allen ist gemein, dass Schulen und Schulträger einen Medienentwicklungsplan vorlegen müssen, um Geld beantragen zu können. Der Plan beinhaltet, wie sie den Einsatz digitaler Medien im Unterricht umsetzen wollen. Wir vom Netzwerk Digitale Bildung bieten einen kostenlosen Leitfaden zur Erstellung dieses Plans an, mit praktischen Tipps und Beispielen. Aber wir können natürlich nur Beispiele geben, man kann auf Schulen keine Blaupausen legen. Wichtig ist es, besonnen anzufangen und die pädagogischen Fragen immer vorneweg zu stellen. Es muss alles zusammen langsam wachsen.

Wie verbreitet sind Ihrer Erfahrung nach bislang Pläne, die einen Gesamtblick auf die IT-Infrastruktur der Schule, die Medienentwicklung, den Einsatz digitaler Geräte sowie die erforderlichen Bildungsprogramme eröffnen?

Henkelmann: In allen Bundesländern gibt es sogenannte Leuchtturmschulen. Besonders erfolgreich waren sie, wenn sie dem Prinzip Pädagogik vor Technik gefolgt sind und die Implementierung der Technologie vorab in ein Medienkonzept gegossen haben. Hamburg hat zum Beispiel vor rund zehn Jahren angefangen, alle seine Schulen digital auszustatten. Das können wir uns jetzt als Vorbild nehmen, um zu schauen: Was hat dort gut funktioniert? Wo waren Stolpersteine? Was kann man auf andere Regionen übertragen?

Braucht überhaupt jede Schule einen solchen Masterplan?

Henkelmann: Die Erfahrung zeigt: Es macht sehr viel Sinn, sich vorab Gedanken zu machen, welche didaktischen Prämissen man setzt, wie Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte organisiert und wie die technische Ausstattung sowie ein nachhaltiger Support sichergestellt werden. Im Beschaffungsprozess empfehlen wir, verschiedene Geräte und auch die dazu gehörige Software auf Herz und Nieren zu testen. Schulleitungen und Lehrkräfte sollten sich vorher gemeinsam genau überlegen, was sie im Unterricht machen wollen. Die Technik sollte sich danach richten. Wir raten immer: Testen Sie gründlich und beziehen Sie Lehrkräfte und auch die Schülerinnen und Schüler in diese Testphase ein.

Tablets in Schülerhand sind das eine. Genauso wichtig sind die Inhalte, die Bildungsprogramme. Wer berät die Schulen und Schulträger bei der Auswahl?

Henkelmann: Beim Thema Software gibt es zwei Dimensionen. Bei der Auswahl der digitalen Lehr- und Lernplattform muss man genauso gut hinschauen wie bei den Endgeräten. Denn die Software bringt die Intelligenz ins System und ermöglicht erst gruppenübergreifende Zusammenarbeit, kollaborative Lernmethoden oder raum- und zeitunabhängigen Unterricht. Neben technischen Fragen sind Jugendschutzfilter und Datenschutz hier weitere Stichworte. Die Beratung findet auf der Ebene der Bundesländer und Schulen statt.

Wie sieht’s mit der Kompetenz der Lehrkräfte aus? Ist für deren Fortbildung auf staatlicher Ebene gesorgt oder ist die Einweisung durch den Systemlieferanten ausreichend?

Henkelmann: Hier geht es um die Aus- und -Fortbildung der Lehrerinnen und Lehrer sowie um technische Wartung und Support. Generell gilt: Die Fortbildungskultur muss gestärkt werden. Lehrkräfte müssen in Fortbildungen einüben können, wo die Möglichkeiten und Grenzen der Digitalisierung liegen und wie die technischen Werkzeuge pädagogisch sinnvoll in den Unterricht eingebettet werden können. Damit können wir in Deutschland nicht früh genug anfangen, Man muss das auch in der Lehramtsausbildung umsetzen. Das betrifft alle Phasen der Lehreraus-, fort- und -weiterbildung. Hierzu passiert in allen Phasen der Aus- und Weiterbildung noch zu wenig.

Und der zweite Aspekt, der IT-Support?

Henkelmann: Es ist nicht die Aufgabe eines Informatiklehrers, die E-Mail-Adressen der Schule zu verwalten oder sich darum zu kümmern, ob die Endgeräte der Schüler vollständig geladen sind oder Software installiert ist. Das ist Sache des Schulträgers. Die Schulen sollen das auch einfordern, zum Beispiel in den Medienentwicklungsplänen. Ebenso muss im Medienentwicklungsplan die Fortbildungsstrategie der Schule niedergeschrieben sein. Das ist wichtig, um die Fördergelder überhaupt stellen zu können. Der Digitalpakt Schule ist sehr klar formuliert, keine Förderung ohne Fortbildung und Medienentwicklungsplan. Wollen die Schulen erfolgreich mit Pädagogik vor Technik arbeiten, müssen sie regelmäßig in die Fortbildung ihrer Lehrkräfte investieren.

Blicken Sie bitte in eine Schule im Jahr 2030: Werden die Eltern noch Lehrbücher einbinden müssen? Wird’s noch Klassenräume geben, Stundenpläne, Sportunterricht?

Henkelmann: Wahrscheinlich wird der Unterricht kompetenzorientierter ablaufen, mit analogen und digitalen Lernmitteln. Es wird mehr kollaborativen Unterricht geben. Wo bisher alles auf kognitives Wissen ausgelegt war, werden auch die 4K-Kompetenzen gefördert. Die Klassenzimmer werden offener gestaltet sein. Das Schulheft werden wir weiter haben, die Kreidetafel nicht. Es wird das interaktive Display geben, dazu Rechner, Tablets und künstliche Intelligenz. Zum Beispiel könnte sich das intelligente Schulbuch der Zukunft merken, dass der Grundschüler Schwierigkeiten mit dem Lesen hat, sich aber für Fußball interessiert. Und über die Erkenntnis, dass er Fußball mag, könnte sein Leseinteresse geweckt werden. Schulbuchverlage weltweit und auch in Deutschland beschäftigen sich bereits mit solchen Themen und Fragestellungen.

Interview: Jörg Benzing

Zur Person: Dr. Sarah Henkelmann (Jg. 1983) ist Sprecherin des Netzwerks Digitale Bildung mit Geschäftsstelle in Rastatt (sh@netzwerk-digitale-bildung.de). Seit 2015 bietet die Initiative Akteuren aus Schule, Hochschule und Arbeitswelt eine Plattform zur Information und zum Austausch. Getragen wird das Netzwerk von verschiedenen Unternehmen