Röhre schafft Raum

Erschließungsrahmenplan: Der Europagarten als „grünes Herzstück“ des Europaviertels West in Frankfurt am Main. Abb.: Aurelis

In Frankfurt am Main entsteht auf dem Gelände des ehemaligen Rangierbahnhofs das Europaviertel West. Bestandteil der Erschließungsarbeiten ist ein rund 400 Meter langes Tunnelbauwerk. Es wird künftig Fahrzeugverkehr und die Stadtbahn aufnehmen. Für das Projektmanagement bedeutet der Tunnelbau eine besondere Herausforderung.

Seit dem Jahr 2012 projektiert und plant Aurelis Real Estate den Bau eines kombinierten Auto- und Stadtbahntunnels unter dem etwa sechs Hektar großen Europagarten, dem „grünen Herzstück“ des Europaviertels West in Frankfurt am Main.

Seit Januar 2015 sind die Bauarbeiten am Tunnel unter dem Europagarten in vollem Gange, um das Bauwerk bis zum vereinbarten Fertigstellungstermin Ende 2016 fristgerecht an die Stadt Frankfurt zur Inbetriebnahme zu übergeben. Doch bis hierhin war es ein weiter Weg.

Aurelis ist die Eigentümerin und Erschließungsträgerin des ehemaligen Frankfurter Rangierbahnhofs, heute in unmittelbarer Nähe zur Messe Frankfurt, Hauptbahnhof und Innenstadt. Auf einer Fläche von rund 67 Hektar entsteht innerhalb weniger Jahre das neue Stadtviertel, das Europaviertel West.

Das Europaviertel, eingebettet zwischen Gallus im Süden, Rebstock im Norden und der Messe Frankfurt im Osten entwickelt sich zu einem Lebens- und Arbeitsraum für geschätzt 30.000 Menschen. In beispiellos kurzer Zeit entsteht neuer hochwertiger Wohnraum in Verbindung mit angeschlossenen Gewerbe- und Einzelhandelsflächen sowie sozialer Infrastruktur. Das Erschließungsunternehmen agiert in enger und partnerschaftlicher Abstimmung mit der Stadt Frankfurt am Main. Die zugrunde liegenden Bebauungspläne (alleine zwei im Bereich des Europaviertel West), nach denen alle Erschließungsanlagen zu errichten sind, bilden die verbindliche Basis für die Planungen am Tunnel unter dem Europagarten.

Gemäß Bebauungsplan ist ein 395 Meter langes dreizelliges Tunnelbauwerk für den Pkw-Verkehr und die künftig zu integrierende Stadtbahn zu errichten. Die beiden außenliegenden Zellen dienen der Aufnahme von Pkw und Lkw im Einrichtungsverkehr, während die Stadtbahn später einmal in der mittleren Zelle im Begegnungsverkehr fahren wird. Die Integration der Stadtbahn in den Tunnel erfolgt in einem gesonderten Planfeststellungsverfahren und wird projektiert unter Federführung der Verkehrsgesellschaft Frankfurt.

Aufgrund zeitlich differierender Planungshorizonte und Bauablaufplanungen wird der Tunnel unter dem Europagarten ab Ende 2016 für den Pkw-Verkehr nutzbar sein, bevor die Stadtbahn voraussichtlich zeitlich versetzt in Betrieb genommen und durch den Tunnel geführt wird. Nach seiner Fertigstellung Ende 2016 wird der Tunnel unter dem Europagarten gemäß Erschließungsvertrag an die Stadt Frankfurt übertragen.

Diese spezielle vertragliche Konstellation im Projekt, bestehend aus einer privatrechtlich auftretenden Bauherrin, die alle Planungs- und Bauleistungen zum Tunnel Europagarten beauftragt und ausführt und der Stadt Frankfurt als spätere Baulastträgerin und Betreiberin des Bauwerks, stellt das Projektmanagementteam vor besondere Herausforderungen.

Mit der Projektsteuerung über alle Handlungsbereiche und Projektstufen beauftragt wurde Zerna Projektmanagement. Ein Schwerpunkt liegt auf der Koordination und Entscheidungsherbeiführung unter Einbezug aller fachlich Beteiligten. Da das Unternehmen bereits seit vielen Jahren Projektmanagementaufgaben im Rahmen der Entwicklung des Europaviertels West als auch in anderen komplexen Projekten übernimmt, kann es seine Erfahrungen gewinnbringend in die Steuerung dieses Bauprojektes einbringen.

Spezialrezeptur für den Beton

Neben der vertraglichen Konstellation ist das Bauwerk selbst eine fachliche Besonderheit. Der Tunnel unter dem Europagarten ist das erste und bisher einzige dreizellige Tunnelbauwerk in Deutschland für die kombinierte Aufnahme von Pkw in zwei Zellen und zur späteren Integration einer Stadtbahn in Tunnelmittellage. Dies bedeutete für die Bauherrin, die Stadt Frankfurt, die Planer und ausführende Unternehmen über das bisher Bekannte und Erprobte hinaus immer wieder neue Lösungen zu finden und umzusetzen.

Ein weiteres besonderes Merkmal ergibt sich aus der über die Planungsphase des Projektes hinweg fortgeschriebenen Richtlinienlage. Zur Gewährleistung des baulichen Brandschutzes ist Spezialfaserbeton in den Wänden und Decken zu verwenden. Da zum Zeitpunkt der Projektrealisierung erst zwei vergleichbare Tunnel in Deutschland unter Anwendung eines solchen Betons fertiggestellt worden sind, waren sowohl Planer als auch das ausführende Unternehmen auf die daraus resultierenden neuen Anforderungen sensibilisiert.

Für den Tunnel unter dem Europagarten bedeutet dies, dass projektspezifische Betonrezepturen zu erarbeiten waren, die alle technischen Ansprüche erfüllen. Dazu sind insgesamt drei vollständige Wandabschnitte mit verschiedenen Rezepturen erstellt worden, um so die am besten geeignete Rezeptur im Dialog mit dem ausführenden Unternehmen auswählen zu können. Bis zur Fertigstellung des Tunnels Ende 2016 werden auf dieser Basis insgesamt rund 13.500 Kubikmeter mit Spezialfasern versetzter Beton verbaut werden. (Diese Menge entspricht rund 1900 Mischfahrzeugen.)

Nach Baufertigstellung wird noch der eigentliche Europagarten über dem Tunnelbauwerk modelliert. Anschließend wird das Europaviertel West in Frankfurt am Main vollständig erschlossen sein und seinen Bewohnern nicht zuletzt dank des Tunnel Europagarten eine effiziente Infrastruktur und hohe Lebens-, Arbeits- und Aufenthaltsqualität bieten können.

Ricardo Poch

Der Autor
Ricardo Poch, Darmstadt, ist Mitarbeiter bei Zerna Projektmanagement mit Hauptsitz in Bochum