Prof. Dr. Joachim Beck: „Derzeit exzellente Chancen im öffentlichen Dienst“

Prof. Dr. Joachim Beck: „Wir müssen unsere Studierenden fit für die digitale Welt machen. Sie sollen am Puls der Zeit arbeiten können und eine digitale Transformation bei ihren Arbeitgebern auf den Weg bringen.“ - Foto: HS Kehl

Der öffentliche Dienst bietet abwechslungsreiche und kreative Aufgaben. Mit dieser Botschaft müssen die Kommunen um Mitarbeiter werben, fordert Prof. Dr. Joachim Beck, Rektor der Hochschule Kehl. Im Interview spricht er über das Personalmanagement, die Digitalisierung und die Lehren der Corona-Krise.

Herr Prof. Beck, welche Bedeutung hat die zunehmende Digitalisierung der Verwaltungsarbeit für die Ausbildung von Fach- und Führungskräften?

Beck: Die Digitalisierung führt zu einem ganz neuen Anspruchsdenken. So müssen Informationen auf Knopfdruck abrufbar sein, Kommunikation muss weltweit in Sekundenschnelle gelingen und Leistungen müssen bequem von zu Hause erledigt werden können. Dieses Anspruchsdenken zwingt die Ausbildungsstätten dazu, ihre Arbeitsprozesse zu verändern und klarer zu strukturieren. So können beispielsweise Aufnahmetests und Einschreibungen zukünftig von zu Hause oder sonst wo aus gemacht und der Präsenzunterricht von Online-Unterrichtseinheiten abgelöst werden. Wir müssen in unserem täglichen Tun über sämtliche Prozesse und ihre Digitalisierung nachdenken, denn die jungen Menschen wachsen in einer ganz anderen Welt auf als ich damals. Sämtliche digitale Anwendungen gehören einfach zu ihrem Leben dazu und daher muss der Ausbildungsort sie an ihrem Wissenspunkt abholen und noch weiter führen. Geht eine öffentliche Institution den Wandel nicht mit und bietet keine schnellen elektronischen Transaktions- und Kommunikationsprozesse an, verschlechtert sie nicht nur ihren Ruf. Sie lässt sich auch viele Chancen entgehen.

Was bewirkt die Corona-Krise in diesem Zusammenhang?

Beck: Die aktuelle Situation hilft uns hier unerwartet. Wir stellen an der Hochschule Kehl derzeit unsere Lehre komplett auf neue digitale Formate um. Das klappt erstaunlich gut. Auch in den Kommunen wird man über solche Fragen vermehrt nachdenken müssen.

Bieten Sie an der Hochschule Kehl Lehrprogramme mit Schwerpunkt Digitalisierung?

Beck: Wir müssen unsere Studierenden fit für die digitale Welt machen. Wenn wir sie hinaus in die Arbeitswelt entlassen, sollen sie es sein, die am Puls der Zeit arbeiten können und eine digitale Transformation bei ihren Arbeitgebern auf den Weg bringen. Die Hochschule hat diesen Bedarf erkannt und den neuen Studiengang „Digitales Verwaltungsmanagement“ entwickelt. Dieser sieht vor, Verwaltungsmitarbeitende im Bereich Digitalisierung und Verwaltung auszubilden und sie zu „Digitalisierungsmanagern“ auszubilden, die dazu in der Lage sind, die Digitalisierung in der öffentlichen Verwaltung sowohl strategisch als auch operativ zu steuern und ihre Chancen zu nutzen. Das Programm startet im Wintersemester 2020 als interner Bachelorstudiengang. Auch wie bei unserem anderen Bachelorstudiengang „Public Management“ werden die Studierenden Beamtenanwärter und -anwärterinnen sein.

Was zeichnet Städte und Gemeinden als Arbeitgeber aus – in drei, vier Stichworten gesagt?

Beck: Gemeinwohlorientierung und Miteinander, sinnhafte Tätigkeiten, Chancenreichtum, vielfältig und sicher, Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Stellen die Kommunen ihre Vorzüge genügend in den Vordergrund im Wettbewerb um die besten Köpfe?

Beck: Leider ist ein umfassendes und gutes Marketing bei vielen kleinen Kommunen oftmals noch nicht gut entwickelt. Es fehlt hier an Personal, aber manchmal auch an originellen Ideen und Methoden, die Zielgruppen wirklich erreichen und dann auch ansprechen. Bei Städten und Landkreisen ist das etwas anders. Diese machen zum Teil ein ganz tolles Personalmarketing und sind auch oft schon in den sozialen Netzwerken aktiv. Der öffentliche Dienst muss mehr und mehr sein Licht in den Vordergrund stellen und den Menschen bewusstmachen, welch abwechslungsreiche und kreative Aufgaben hier auf die Beschäftigten warten. Der öffentliche Dienst ist mit so vielen Vorurteilen behaftet, die heutzutage einfach nicht mehr stimmen. Ich rate den Kommunen mit folgenden Vorzügen zu werben: Jobsicherheit, Jahressonderzahlungen, klare Arbeitsbedingungen, Überstunden gegen Freizeitausgleich, flexible Arbeitsbedingungen, sinnhafte Beschäftigung im öffentlichen Dienst mit Gemeinwohlorientierung, tolle Gestaltungsmöglichkeiten, Weiterentwicklungs- und Karrierechancen.

Täuscht der Eindruck, dass der professionelle Einsatz für das Gemeinwohl jüngst wieder an Bedeutung gewonnen hat oder zumindest von den Kommunen stärker betont wird?

Beck: Nicht nur die Wirtschaft, auch die kommunalen Verwaltungen passen sich an den Puls der Zeit an. Der heutige Zeitgeist betont ganz andere Fragestellungen und Werte als noch vor ein paar Jahren. So rücken Offenheit, Transparenz, Solidarität, Mobilität, Nachhaltigkeit, Umwelt und Gemeinwohlorientierung mehr und mehr in den Vordergrund. Gerade in Zeiten wie dieser erkennen viele Menschen wieder den Sinn und die Notwendigkeit des Öffentlichen. Letzteres wird deshalb von den Kommunen vermehrt betont, da es sich ja um ihr Aushängeschild handelt – Kommunen repräsentieren das Gemeinwohl auf der Ebene der Lebenswelt der meisten Menschen.

Wie bewerten Sie die Karrierechancen im öffentlichen Dienst auf kommunaler Ebene für Auszubildende und Studierende?

Beck: Junge Menschen werden sehr gerne von den Kommunen ausgebildet, denn sie bilden eine wichtige Basis in der Kommune, daher ist es wichtig, sie nach der Ausbildung an die Kommune zu binden. Die Vielfalt möglicher Ausbildungsberufe auf kommunaler Ebene ist groß, sie reicht von Bürotätigkeiten über soziale Tätigkeiten bis hin zu technischen Berufen. Auszubildende gehören dem mittleren Dienst an und haben je nach Tätigkeit die Möglichkeit aufzusteigen. Falls sie sich für den gehobenen Dienst entscheiden, treffen wir sie später an unserer Hochschule zum Studium wieder an. Für Studierende sind die Karrierechancen im öffentlichen Dienst derzeit exzellent. Wir führen an der Hochschule jährlich eine Befragung unserer Absolventinnen und Absolventen durch und fragen nach ihrer künftigen Beschäftigung. 93 Prozent der befragten Personen haben noch vor ihrem Abschluss eine Stelle in der Tasche – zu fast 90 Prozent unbefristet und verbeamtet. Mit dieser Verbeamtung beginnt eine aussichtsreiche Laufbahn. Um den Karriereturbo allerdings zu zünden, ist Flexibilität erforderlich und die Bereitschaft, sich in mehrere Aufgabenfelder einzuarbeiten. Selten wird man auf der ersten Stelle, die man unmittelbar nach dem Studium antritt, eine große Karriere machen. Dazu ist ein Wechsel der Anstellungskörperschaft oder ein Wechsel im jeweiligen Tätigkeitsfeld erforderlich. Dabei ist lebenslanges Lernen sehr wichtig.

Und die Chancen für berufserfahrene Quereinsteiger?

Beck: Auch sie kommen an unsere Hochschule, um sich in einem unserer Fort- und Weiterbildungsprogramme für den öffentlichen Dienst fit zu machen. Das Programm „Kontaktstudium Verwaltung“ läuft bereits seit über 25 Jahren und trifft jedes Jahr auf eine große Nachfrage. Sie ist sogar so groß, dass wir eine dritte Modulreihe eröffnet haben. Mit unserem „Traineeprogramm für Quereinsteigende“ haben Teilnehmende sogar die Möglichkeit, sich auf eine spätere Verbeamtung vorzubereiten.

Wie sind die Kommunen auf den demografischen Wandel ihres Personalstamms vorbereitet?

Beck: Fast die Hälfte der Beschäftigten in den Kommunalverwaltungen wird in ein paar Jahren 50 Jahre und älter sein. Die Kommunen müssen dringend darüber nachdenken, wie sie an geeigneten Nachwuchs kommen und wie sie diesen langfristig an ihre Kommune binden. Die Nachwuchskräftegewinnung in der öffentlichen Verwaltung ist ein großes Problem. Aber auch der Personalentwicklung kommt eine immer wichtigere Bedeutung zu. Eine heranalternde Belegschaft muss aktiv begleitet werden – lebenszyklusorientiertes Personalmanagement ist ein wichtiger Erfolgsfaktor für die Zukunft! Kommunen fragen uns manchmal auch direkt, ob wir ihnen nicht qualifiziertes Verwaltungspersonal vermitteln könnten. Leider können wir den Bedarf der Praxis kaum decken, obwohl wir seit 2019 50 Studierende mehr im Bachelorstudiengang „Public Management“ ausbilden dürfen.

Wo ist der Personalbedarf am größten?

Beck: Die drängendsten Probleme gibt es neben der allgemeinen Verwaltung im Bereich der technischen Verwaltung, der Architekten, Ingenieure, Kämmerer und teils auch Oberbürgermeister und Bürgermeister. Für den Bereich der Digitalisierung reagieren wir jetzt mit dem neuen Studiengang „Digitales Verwaltungsmanagement“, der am 1. September 2020 für 25 Teilnehmende beginnt.

Haben Sie für Gemeinden auf dem Land einen speziellen Tipp parat, wie sie in der Personalgewinnung vorgehen sollten?

Beck: Auch wir sehen, dass kleine Kommunen es wirklich schwer haben, an Personal und noch dazu an qualifiziertes zu kommen. Dabei ist eine Stelle in einer kleinen Kommune unter Umständen sogar interessanter als bei einer großen. Die Aufgaben der Kommunen unterscheiden sich nicht nach ihrer Größe, jedoch haben kleinere Kommunen weniger Personal. Das ist der Grund, warum man als einzelner Beschäftigter viel mehr in einer kleinen Kommune bewegen kann als bei einer großen, und das ist sehr attraktiv! Um das unseren Studierenden aufzuzeigen, ist es nun Pflicht, eine der Praxisphasen des Studiums in einer Kommune bis 10 000 Einwohnern zu absolvieren. Das kommt bei der Praxis wie bei den Studierenden sehr gut an.

Interview: Jörg Benzing

Zur Person: Prof. Dr. Joachim Beck (Jg. 1965) ist seit Juli 2019 Rektor der Hochschule Kehl. Zuvor lehrte er Verwaltungsmanagement an der HS Kehl und war von 2006 bis 2014 Direktor des Euro-Instituts, Institut für grenzüberschreitende Zusammenarbeit in Kehl sowie von 2000 bis 2006 Bereichsleiter „Public Management“ bei Prognos, Basel.