Photovoltaik-Boom in Hamm: Diese Lehren können Kommunen jetzt ziehen

Im Ruhrgebiet hat kaum eine Kommune den Solarausbau in den vergangenen Jahren so dynamisch vorangetrieben wie Hamm, sagt Tobias Garske. Der Klimaschutzmanager schlüsselt auf, wie das gelingen konnte.

Hamm gibt Gas beim Solarausbau – zentral ist dabei aus Sicht des Klimaschutzmanagers die Präsenz lokaler Ansprechpartner. In der Ruhrgebietsstadt ist dafür ein Trio aktiv: KlimaAgentur, Verbraucherzentrale und Stadtverwaltung. Foto: Adobe Stock/Halfpoint

Wie an vielen anderen Orten erreichte 2019 auch in Hamm die Fridays for Future Bewegung ihren Höhepunkt. Der Druck aus der Zivilgesellschaft führte im Dezember desselben Jahres dazu, dass der Rat der Stadt Hamm (Nordrhein-Westfalen) den Klimanotstand ausrief und den „Klimaaktionsplan“ beschloss – ein Katalog mit 35 Maßnahmen. Zwei dieser Punkte prägen die Entwicklung bis heute: der systematische Ausbau der Photovoltaikleistung auf Dächern und Flächen in Hamm sowie die Gründung der KlimaAgentur.

Der Start der KlimaAgentur Hamm im Jahr 2021 fiel zusammen mit der Zeit pandemiebedingter Unsicherheit und mit dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine. Steigende Energiepreise, Angst vor Versorgungsengpässen und die bestehende Verunsicherung hatten sofort einen enormen Beratungsbedarf zur Folge.

Finanziert durch Stadt und Stadtwerke bietet die Agentur seither umfangreiche Informations- und Beratungsangebote für Bürger, Unternehmen und Gewerbetreibende. Sie informiert über Förderprogramme, vermittelt Energieberatungen, zeigt Alternativen zur fossilen Energieversorgung auf und beantwortet praktische Fragen rund um Technik und Wirtschaftlichkeit von PV-Anlagen.

Förderprogramm für PV-Anlagen

Um das Wissen in der gesamten Stadt zu verankern, organisierte die KlimaAgentur Veranstaltungen in allen sieben Stadtteilen – mit konkreten Beratungen und Vorträgen lokaler Handwerksbetriebe und Firmen. Parallel rief die Stadt 2022 ein eigenes Förderprogramm für PV-Anlagen ins Leben. Die insgesamt 50.000 Euro waren innerhalb weniger Stunden ausgeschöpft. Ihre Vorbildfunktion nahm die Stadt zudem ernst: Inzwischen sind zwölf städtische Liegenschaften mit Photovoltaik ausgestattet, die zusammen über eine halbe Million Kilowattstunden an Jahresertrag erbringen.

Eine Analyse zeigte, dass die größten Hemmnisse für private Investitionen in PV-Anlagen Unsicherheit über Kosten, fehlendes Wissen über Förderungen sowie Zweifel hinsichtlich Betrieb und Wartung sind. Viele Menschen hatten weder genügend Informationen noch das notwendige Kapital für große Anlagen.

Genau hier setzte die Stadt Hamm an – und die Zahlen belegen, wie wirksam dieser Ansatz ist: Seit Ende 2022 ist die Zahl der einspeisenden PV-Anlagen um rund 90 Prozent auf mehr als 7100 gestiegen (Stand: Ende 2024). Die installierte Gesamtleistung lag zu dem Zeitpunkt bei rund 100 Megawatt. Im Jahr 2024 speisten diese Anlagen 42.600 Megawattstunden Strom ins Netz ein – genug für etwa 17.000 Haushalte.

Gründe für den Solarboom

Der Erfolg lässt sich dabei weniger mit klimawandelbedingten Veränderungen erklären. Ausschlaggebend für den Solarboom waren vielmehr wirtschaftliche Faktoren: drastisch steigende Energiepreise und die Erwartung, dass fossile Energieträger langfristig weiterhin teurer werden.

Hamm setzt beim Solarausbau bewusst auf Breite. Nach dem Motto „Kleinvieh macht auch Mist“ richtet sich die KlimaAgentur verstärkt an Menschen ohne eigene Dachfläche oder mit begrenzten finanziellen Möglichkeiten. Der Trend zur Balkon-PV wurde durch sinkende Modulpreise und kommunale Förderung zusätzlich beschleunigt: Allein 2024 wurden in Hamm rund 1000 neue Balkon-Solaranlagen installiert.

Klimastandards für Neubauten

Auch baulich schafft die Stadt klare Rahmenbedingungen: Bereits 2021 führte sie verbindliche Klimastandards für alle Neubauten ein, privat wie gewerblich. Sie umfassen unter anderem eine verpflichtende südorientierte Dachausrichtung und die Installation von Photovoltaik. Selbst für denkmalgeschützte Zechensiedlungen – im Ruhrgebiet keine Seltenheit – werden individuelle und praxisnahe Lösungen entwickelt, um auch hier erneuerbare Energie zu ermöglichen.

Für Unternehmen arbeitet die Klima-Agentur eng mit der Wirtschaftsförderung zusammen. Der Fokus verschiebt sich zunehmend vom einzelnen Betrieb hin zum gesamten Quartier. Durch gemeinschaftliche Planung sollen Synergien entstehen, die über die Summe einzelner Investitionen hinausgehen.

Die Erfahrungen zeigen jedoch auch, wie sensibel das Feld ist. Die Energiekrise und die Diskussion um das Gebäudeenergiegesetz haben die bereits bestehende Verunsicherung vieler Menschen verstärkt. Umso wichtiger war die Präsenz lokaler Ansprechpartner: KlimaAgentur, Verbraucherzentrale und Stadtverwaltung bildeten ein verlässliches Trio, das Orientierung bot. Ein Netzwerk lokaler PV-Fachbetriebe, das sich regelmäßig trifft und neue gesetzliche Entwicklungen bespricht, sorgt zudem dafür, dass die Informationen an Kundinnen und Kunden einheitlich und aktuell bleiben.

Was Kommunen tun können

Kommunen sind beim Ausbau der Photovoltaik nicht nur Zaungäste, sondern aktive Möglichmacher. Niedrigschwellige Beratungsangebote, klare Klimastandards im Neubau, der konsequente Ausbau eigener kommunaler PV-Anlagen und die Verzahnung mit lokalen Akteuren schaffen ein Ökosystem, in dem die Energiewende greifbar und umsetzbar wird.

Tobias Garske


Der Autor

Tobias Garske ist Klimaschutzmanager. Er leitet die Abteilung Klimaschutz und Öffentlichkeitsarbeit im Umweltamt der Stadt Hamm.


Mehr zum Thema

Photovoltaik-Boom in Gütersloh

Photovoltaik-Boom in Gütersloh: Erfolgsfaktoren und Praxistipps für andere Kommunen

Gütersloh zählte 2024 deutschlandweit zu den Spitzenreitern beim Zubau von Photovoltaikanlagen. Das entspricht dem Trend – und ist doch mehr: …
Photovoltaik-Ausbau

Mehr Power für Sonnenenergie: Verband warnt vor einer Verlangsamung des Photovoltaik-Ausbaus

Gute Zahlen für die Photovoltaik – und doch: Der Bundesverband Solarwirtschaft warnt vor einer Drosselung des Energiewende-Tempos. Zudem fordert er …
Photovoltaik-Ausbau

Photovoltaik-Ausbau in Deutschland: Zwischen Fortschritt und Herausforderung

Der Photovoltaik-Ausbau in Deutschland ist auf einem guten Weg. Doch mit Blick auf die zu erreichenden Ziele zur klimaneutralen Stromerzeugung …