Der ÖV-Atlas 2026 zeigt erhebliche Unterschiede bei der Anbindung an Bus und Bahn in Deutschland. Während gut ein Drittel der Bevölkerung über ein gutes oder sehr gutes Angebot verfügt, haben Millionen Menschen insbesondere in ländlichen Regionen keinen Zugang zu einem ausreichenden Nahverkehrsangebot. Die Analyse macht regionale Stärken und Schwächen sichtbar und liefert Kommunen wichtige Vergleichsdaten zur Qualität ihrer ÖPNV-Versorgung.

Das Angebot des öffentlichen Nahverkehrs variiert in Deutschland erheblich. Dies geht aus dem ÖV-Atlas des Thinktanks Agora Verkehrswende hervor, der auf der Auswertung aktueller Fahrplan- und Bevölkerungsdaten sämtlicher Gemeinden und Landkreise basiert.
Analysiert wurde, wie weit entfernt die Bürgerinnen und Bürger von der nächstgelegenen Haltestelle wohnen sowie die dort verfügbaren Verkehrsmittel und deren Taktfrequenz. Auf dieser Grundlage wurden Güteklassen von A (sehr gute Anbindung) bis F (sehr schwache Anbindung) definiert, die einen einheitlichen Maßstab zur Bewertung der ÖPNV-Versorgungsqualität bieten.
Große Unterschiede bei der ÖPNV-Versorgung
Laut ÖV-Atlas verfügen gut 30 Millionen Menschen und damit etwas mehr als ein Drittel der Bevölkerung über eine gute oder sehr gute Anbindung an Bus und Bahn, entsprechend den Güteklassen A und B. Diese Menschen leben überwiegend in Großstädten und deren Umland. Demgegenüber haben rund 21 Millionen Menschen, vor allem in ländlich geprägten Regionen, an ihrem Wohnort nicht einmal Zugang zu einem guten Grundangebot. Dieses entspricht der Güteklasse D: Eine Haltestelle befindet sich etwa 250 Meter entfernt, ein Bus verkehrt dort werktags im 30-Minuten-Takt.
Für 5,6 Millionen Menschen und damit die Einwohnerinnen und Einwohner von 6.353 der insgesamt 10.747 Gemeinden in Deutschland liegt das ÖPNV-Angebot sogar unterhalb der niedrigsten Güteklasse F. Für ihre Mobilität sind sie daher auf das Auto angewiesen. Betroffen sind vor allem Gemeinden in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt sowie in den nicht zu den Ballungsräumen gehörenden Regionen Bayerns.
„Ein verbindliches Mindestangebot ist der erste Schritt zu einem flächendeckend besseren öffentlichen Verkehr in Deutschland“, so Wiebke Zimmer, stellvertretende Direktorin von Agora Verkehrswende. „Mit einer Mobilitätsgarantie können Bund und Länder einen solchen Standard festlegen und gemeinsam an dessen Erfüllung arbeiten.“
Zimmer ergänzt: „Für die Umsetzung braucht es vor allem eine verlässliche Finanzierung. Die bisherigen Instrumente reichen nicht aus. Deshalb sollten neue Finanzierungsinstrumente wie eine fahrleistungsabhängige Pkw-Maut und eine Arbeitgeberabgabe für die öffentliche Verkehrsanbindung geprüft werden.“
Frankfurt am Main führt Großstadtvergleich an
Die Qualität des ÖPNV-Angebots nimmt im Durchschnitt mit steigender Bevölkerungsdichte zu. Je mehr Menschen eine Bus- oder Bahnlinie erreicht, desto wirtschaftlicher lässt sie sich betreiben. Während die Bevölkerung in größeren Städten überwiegend gut an den öffentlichen Verkehr angebunden ist, fällt das Angebot in ländlichen Regionen meist deutlich geringer aus. Deshalb vergleicht der ÖV-Atlas Städte und Landkreise anhand verschiedener Kategorien.
Laut Analyse weist Frankfurt am Main unter den Großstädten mit mehr als 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern das beste Angebot im öffentlichen Verkehr auf. Es folgen Stuttgart, München, Karlsruhe, Düsseldorf und Darmstadt. Die schwächste Versorgung verzeichnen hingegen Siegen, Recklinghausen, Moers, Wolfsburg und Hamm. In diesen Städten hat weniger als ein Drittel der Bevölkerung am Wohnort Zugang zu einem guten (Güteklasse B) oder sehr guten Angebot (Güteklasse A). Gemeinsam sind ihnen eine große räumliche Ausdehnung, eine polyzentrische Struktur sowie das Fehlen eines eigenen städtischen Schienenverkehrssystems.
Mittelstädte, Landkreise und Länder im Vergleich
In der Kategorie der Mittelstädte mit 20.000 bis 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern weisen Laatzen, Rheinstetten, Ostfildern, Stutensee und Unterhaching die beste ÖPNV-Versorgung auf. Alle fünf Städte sind über eine S-Bahn oder Stadtbahn an ein Oberzentrum angebunden. Bundesweit erreichen mehr als 60 der insgesamt 617 Mittelstädte im Durchschnitt die Güteklasse B. Deutlich schwächer fällt das Angebot dagegen in Mittelstädten wie dem münsterländischen Vreden aus, das lediglich die niedrigste Güteklasse F erreicht.
Bei den Landkreisen belegen die verdichteten Randgebiete der Metropolregionen die Spitzenplätze. Zu den bestplatzierten Kreisen zählen der Landkreis München und die Region Hannover. Gleichzeitig gelingt es auch einigen ländlich geprägten Landkreisen wie Bad Kreuznach, Schwäbisch Hall und dem Havelland, trotz geringer Besiedlungsdichte ein ÖPNV-Angebot der Güteklasse C bereitzustellen.
Im Ländervergleich erzielen Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg die höchste durchschnittliche Angebotsqualität im öffentlichen Verkehr. Rheinland-Pfalz weist dabei das ausgewogenste Verhältnis zwischen der Versorgung in städtischen und ländlichen Räumen auf. Dagegen ist der öffentliche Verkehr in Bayern, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern durch deutliche Unterschiede zwischen gut angebundenen Zentren und vergleichsweise schwach erschlossenen Flächen geprägt.
Red.
Zum ÖV-Atlas
Der ÖV-Atlas 2026 erfasst deutschlandweit die Anbindung der Bevölkerung an den öffentlichen Verkehr. Grundlage der Analyse sind bundesweite Fahrplandaten, die mit den Bevölkerungsdaten des Zensus verknüpft wurden.




