Motorradlärm: Gesetzgeber gefordert

Motorradfahrer auf Spritztour: Das Lärmpotenzial von Motorrädern hängt nicht nur von der Bauart, sondern auch maßgeblich von der Fahrweise ab. - Foto: Alexander/Adobe Stock

Die Initiative Motorradlärm fordert gesetzliche Regelungen, um diese für die Sommermonate typische Lärmart reduzieren zu können. Thomas Marwein, Lärmschutzbeauftragter der Landesregierung von Baden-Württemberg, stellt in seinem Beitrag das Aktionsbündnis vor. Viele Kommunen unterstützen die Ziele.

Lärm nervt nicht nur, sondern kann auf Dauer zu schwerwiegenden Gesundheitsschäden führen. Allein in Baden-Württemberg fühlen sich mehr als 250.000 Menschen durch Straßenverkehrslärm stark belastet. Als Lärmschutzbeauftragter der Landesregierung von Baden-Württemberg nehme ich eine besondere Aufgabe wahr. In keinem anderen Bundesland gibt es ein vergleichbares Amt. Bei mir gehen unzählige Beschwerden ein, die Lärm betreffen.

Im Jahr 2019 betrafen etwa die Hälfte der Beschwerden das Thema Motorradlärm. Das liegt zum Teil an der seit vielen Jahren kontinuierlich ansteigenden Zahl zugelassener Motorräder. Vor 50 Jahren waren es in Baden-Württemberg nur etwa 43 000 zugelassene Krafträder. Bis zur Jahrtausendwende hat sich die Zahl mit 480.000 mehr als verzehnfacht. 2019 zählten wir über 680.000 zugelassene Motorräder.

Motorradlärm ist insbesondere an landschaftlich reizvollen und kurvigen Strecken bei schönen Ausflugswetter eine echte Herausforderung. Baden-Württemberg hat touristisch viel zu bieten: Unsere Natur- und Kulturlandschaften, Kurorte und die historischen und modernen Städte und Gemeinden im Land ziehen die Menschen an. Für Anwohner und Erholungssuchende ist die Lärmbelastung durch Motorräder allerdings ein erhebliches Problem.

Motorradlärm-Displays appellieren an die Vernunft

Bei meiner Sommertour 2019 habe ich mir vier solcher Lärmhotspots angesehen und traf überall auf sichtlich genervte Bürger. Denn Motorradlärm tritt vor allem dann auf, wenn sich viele Menschen Ruhe und Erholung wünschen: Im Sommerhalbjahr nach dem Feierabend, an Wochenenden und Feiertagen. Dies stellt einen besonderen Konflikt dar.

Motorräder haben bauart- und nutzungsbedingt ein erhebliches Potenzial, Lärm und Geräusche zu entwickeln. Sie können durch ihre oft als „aggressiv“ empfundene Lärmart („Sound“) zu einer echten Plage werden. Legale Umbauten und illegale Manipulationen erhöhen den Lärmpegel vorsätzlich. Das Lärmpotenzial von Motorrädern hängt zudem maßgeblich von der Fahrweise ab. Starkes Beschleunigen und hochtouriges Fahren erzeugen unnötigen Lärm. Dabei können Motorräder angemessen leise bewegt werden, ohne Abstriche beim Fahrspaß in Kauf nehmen zu müssen.

An die Rücksicht der Biker appellieren die sogenannten Motorradlärm-Displays. Wenn ein Motorrad sehr laut vorbeifährt, wird der Fahrer darauf hingewiesen, „LEISER“ zu fahren. Die Lärmdisplays wurden initiiert vom Ministerium für Verkehr bis zur Serienreife mit entwickelt. Ihre Wirksamkeit wurde in Praxistests nachgewiesen. Im vergangenen Jahr habe ich ein Förderprogramm auf den Weg gebracht, mit dessen Hilfe das Land etwa 20 Gemeinden bei der Anschaffung von 20 solcher Lärmdisplays mit je 4000 Euro unterstützen konnte. Doch wir brauchen mehr als das, wenn Motorradlärm wirksam reduziert werden soll.

Daher habe ich gemeinsam mit der Bürgermeisterin von Sasbachwalden, Sonja Schuchter, am 29. Juli 2019 eine gemeinsame Initiative von Land und Kommunen gegen Motorradlärm initiiert. 29 Gründungsmitglieder wollten von Beginn an dem weit verbreiteten Problem in der Öffentlichkeit mehr Gewicht verleihen.

Hersteller, Händler und Motorradfahrer sollen umdenken

Das Ziel der Initiative ist, die rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, die das Land und die Kommunen haben, um Motorradlärm einzudämmen. Diese Möglichkeiten sind aufgrund ungenügender europäischer Genehmigungs- und Zulassungsregelungen und unzureichender bundesgesetzlicher Regelungen äußerst begrenzt. Eine Anpassung dieser Regelungen ist notwendig. Unter Federführung des Ministeriums für Verkehr Baden-Württemberg hat die Initiative einen gemeinsamen Forderungskatalog zur Reduzierung von Motorradlärm erarbeitet, der im Rahmen einer Landespressekonferenz am 13. Februar 2020 vorgestellt wurde.

Forderungen gegenüber dem Bund und der Europäischen Union sind insbesondere die Überarbeitung der Zulassungsregelungen für Motorräder und die Anpassung der Straßenverkehrs-Ordnung (StVO), sodass gezielt gegen zu laute Motorräder vorgegangen werden kann. Mit vereinfachten und transparenten Prüf- und Zulassungsverfahren von Motorrädern, bei dem ein Grenzwert von maximal 80 dB(A) für alle Neufahrzeuge über alle Betriebszustände einzuhalten ist, könnten unnötige Geräuschemissionen von Motorrädern deutlich verhindern werden.

Zudem muss ein Umdenken bei Herstellern, Händlern sowie Motorradfahrern stattfinden. Hersteller und Händler werden aufgefordert, leise Motorräder herzustellen und anzubieten. Motorradfahrende sollen rücksichtsvoll fahren, wie es die Initiative unter anderem fordert. Das reduziert nicht nur die Lärmbelastung deutlich, sondern dient auch der Sicherheit. Weiterhin sind eine „aggressive“ Fahrweise und Manipulationen am Motorrad zu unterlassen. Die Möglichkeit, auf Motorräder mit leisem Antrieb, zum Beispiel Elektromotorräder, umzusteigen, soll genutzt werden.

Thomas Marwein

Der Autor
Thomas Marwein ist Lärmschutzbeauftragter der Landesregierung von Baden-Württemberg und Mitglied im Verkehrs-, Umwelt- und Wissenschaftsausschuss des Landtags

Info: Initiative Motorradlärm

Der Initiative Motorradlärm in Baden-Württemberg erfährt großen Zuspruch unter den Städten und Gemeinden. Bis Mitte März 2020 haben sich ihr 83 Kommunen und acht Landkreise aus dem Südwesten Baden-Württemberg angeschlossen. Sie repräsentiert inzwischen etwa zwei Millionen Einwohner von Baden-Württemberg. Zu den zentralen Forderungen an Bundesregierung und Europäische Union zählen die Überarbeitung der Zulassungsregelungen für Motorräder und die Anpassung der Straßenverkehrs-Ordnung (StVO), damit gegen zu laute Motorräder vorgegangen werden kann.

Auf der Internetseite des Ministeriums für Verkehr Baden-Württemberg sind die wichtigsten Informationen zur Initiative und die zehn Forderungen abrufbar.