Kundenwunsch steht im Vordergrund

Ticketentwerter: Um von Start-ups und Quereinsteigern im Mobilitätsmarkt nicht verdrängt zu werden, sollten sich klassische Linienbetreiber mit On-demand-Services verknüpfen. - Foto: Unguryanu/Fotolia

Um den Anschluss an die Zukunft nicht zu verpassen, sollten öffentliche Verkehrsunternehmen ihre Angebote mit neuen Konzepten wie Carsharing und Mitfahrangeboten verknüpfen. So können sie zum umfassenden Mobilitäts­dienstleister werden, meint Software-Experte Ralf Frisch in seinem Beitrag.

Der Mobilitätsmarkt befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Drei Megatrends bestimmen die Welt des Verkehrs. Erstens Digitalisierung und Vernetzung. Wir sind rundum die Uhr überall auf der Welt vernetzt. Als Endverbraucher kann ich Informationen über verschiedene Endgeräte (z. B. Smartphone, Smartwatch, Tablet) jederzeit abrufen und teilen. Zweitens neue Geschäftsmodelle. Viele Unternehmen haben das Potenzial im Geschäftsfeld Mobilität erkannt und investieren enormes Kapital für eine erfolgreiche Umsetzung neuer Ideen. Vor allem On-Demand Services spielen hier eine große Rolle. Und drittens autonomes Fahren. Die Technologie autonomer Fahrzeuge erreicht einen straßentauglichen Zustand. Auch hier ist die Vernetzung eine treibende und entscheidende Kraft.

Alles wird schneller, besser, smarter – auch die Stadt. Das Buzzword Smart City ist längst in Deutschland angekommen. Für mich ist eine Stadt dann „smart“, wenn sie für neue Technologien offen ist. Die neuen Trends schaffen die Grundlage für Mobilitätsdienstleitungen, Mobility as a Service (MaaS). Einhergehend mit einem Paradigmenwechsel im Wertesystem der vorwiegend jüngeren Gesellschaft ist der Weg frei für individuelle Mobilität ohne Besitz, Stichwort: Ride Sharing. Ob Bikesharing oder autonome Elektrofahrzeuge – Städte müssen ihren Bürgern ein multimodales Verkehrssystem bieten, das auf die vielfältigen Mobilitätsbedürfnisse eingeht und diese bestenfalls über eine einzige Plattform zugänglich macht.

Zukunftsmusik? Nicht in meinen Augen. Es gibt Beispiele, die Schule machen. Die digitale Anlaufstelle für Mobilitätsdienstleistungen in Wien – „Upstream“ – ist eine öffentliche Plattform mit dem Ziel, alle digitalen Mobilitätsservices zusammenzubringen und somit für Transparenz und Vernetzung zu sorgen. Ein Reisender zahlt pro Reise, ganz gleich wie viele Services eingeschlossen sind, und nicht pro Betreiber. Interessanter Fakt: Das Konzept, wurde von den Wiener Stadtwerken und den Wiener Linien ins Leben gerufen und wird gemeinsam betrieben. Die Stadt Wien hat demnach früh erkannt, dass sie sich aktiv an der Thematik beteiligen muss, um den Anschluss und die Hoheit über den Verkehr nicht zu verlieren. Dieses Angebot entspricht für mich dem Zeitgeist und ist der Inbegriff von nachhaltiger Mobilität und Verbraucherfreundlichkeit.

Rückgrat städtischer Verkehrsnetze

Welche Rolle spielt da noch der öffentliche Nahverkehr? Er hat sich als Rückgrat städtischer Verkehrsnetze bewährt und sollte mit neuen Konzepten wie Carsharing und Mitfahrangeboten verknüpft werden. Mobility-as-a-Service (MaaS)-Flotten schließen die Lücke, wenn es um bedarfsorientierte Angebote geht. Der ÖPNV wird nicht darum herumkommen, sich zu wandeln, um zu bestehen. Wenn dies nicht schnell genug passiert, übernehmen den Job andere. Dabei ist es eine grandiose Chance für die Betreiber. Wenn sie ihre schienengebundenen Angebote clever mit On-demand-Services verknüpfen, werden sie vom Betreiber zum umfassenden Mobilitätsdienstleister und verzeichnen damit noch mehr (begeisterte) Fahrgäste.

Bleibt die Frage, ob die Gefahr besteht, dass die Anbieter neuer Mobilitätsservices den klassischen Linienverkehr kannibalisieren? „Junge“ Unternehmen wie Uber und Lyft, aber auch deutsche Start-ups wie „Door2Door“, haben das Thema Verkehr für sich entdeckt. Das Potenzial neuer Mobilitätsformen ist enorm und kann sehr rentabel werden, spätestens wenn die Fahrzeuge autonom unterwegs sind und der Fahrer eingespart werden kann. Deshalb investieren sie große Summen in ihre Geschäftsmodelle.

Um nicht verdrängt zu werden, müssen etablierte Unternehmen ihre Herangehensweise aufbrechen, eine Zusammenarbeit anstreben und sich vernetzen. Beispielsweise kann Wildwuchs eingedämmt werden, wenn die Stadt, wie in Wien geschehen, eine tragende Rolle übernimmt und die Rahmenbedingungen schafft, an die sich alle zu halten haben.

Die PTV Group zum Beispiel hat ein Produktportfolio entwickelt, das Stadtverwaltungen, Mobilitätsanbieter und Automobilhersteller dabei unterstützt, die Mobilität der Zukunft zu verstehen und MaaS-Konzepte zu implementieren. Mit dem „PTV MaaS Modeller“ als erstes Modul einer gesamten Strategie können die Kunden Schritt für Schritt den Betrieb und die Steuerung von Mobility as a Service simulieren, optimieren und dann mit weiteren Systemkomponenten in den Betrieb gehen. Städte können mit der Software untersuchen, wie sich Mobility as a Service auf die Verkehrsdichte und das Stadtbild auswirken könnte, in dem sie die Modellergebnisse ins Verkehrsmodell importieren. Im Verkehrsmodell selbst kann gezeigt werden, wie die neuen Angebote mit dem bestehenden öffentlichen Verkehr zusammenspielen.

Der Mobilitätsmarkt lebt von neuen Technologien und Entwicklungen, aber auch bisher unbekannten Mitspielern. Um ein lebenswertes Umfeld zu schaffen, sollten wir diese Neuerungen begrüßen und Synergien nutzen – als Verbraucher, aber auch als Unternehmen. Vor 20 Jahren wurde das Konzept des Anruf-Sammel-Taxis (AST) eingeführt – das ist nichts anderes als Mobility as a Service. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass der Zugang über Smartphones heute sehr viel einfacher ist. Für mich ist in Zukunft alles ÖPNV, sprich: öffentlich, zugänglich, günstig, aber vor allem: überall verfügbar.

Ralf Frisch

Der Autor
Ralf Frisch ist Solution Director MaaS – Mobility as a Service bei der PTV Group mit Sitz in Karlsruhe