Kommunale Bibliotheken: Zentren für Bildung und Begegnung

Sonic-Chair in der Bibliothek von Erlangen: Wie kaum eine andere kommunale Einrichtung setzen sich Bibliotheken seit Jahren mit Fragen der Digitalisierung auseinander. – Foto: dbv/Janko

Die Bücherei von früher hat sich zu einem Kommunikationszentrum und Ort medialer Bildung entwickelt. Bibliotheken können ihr Potenzial jedoch nur entfalten, wenn sie von ihren Trägern unterstützt werden, den digitalen Wandel zu gestalten. Das Soforthilfeprogramms des Bundes ermöglicht jetzt einen wichtigen Innovationsschub.

Auch in der digitalen Welt bleibt die grundlegende gesellschaftliche Aufgabe von Bibliotheken unverändert, nämlich allen Menschen Zugang zu Informationen und Wissen sowie Lese-, Informations- und Medienkompetenz zu vermitteln und damit gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Was sich ändert, sind die Antworten der Bibliotheken auf den gesellschaftlichen Wandel. Ihre Räume, Angebote und die Vermittlungsformen werden zeitgemäß und zukunftsfähig neugestaltet. Die Verschiebung des Fokus weg vom Buch hin zum Menschen, der im Mittelpunkt dieser Entwicklungen steht, hatte tiefgreifende Auswirkungen auf das institutionelle Selbstverständnis und die daraus resultierenden neuen Angebote. Analoges und Digitales verschränkt und verstärkt sich gegenseitig.

Bibliotheksangebote bleiben teilhabeorientiert. Dies schließt heute die digitale Teilhabe zwingend ein. Wie kaum eine andere kommunale Einrichtung setzen sich Bibliotheken bereits seit Jahren mit Fragen der Digitalisierung auseinander und wirken der digitalen Spaltung der Gesellschaft entgegen. Bibliotheken sind vertrauenswürdige Anbieter auch digitaler Dienstleistungen, die Orientierung und Unterstützung bieten.

Ihr Wissen über Recherchewege, Informationsbeschaffung und -bewertung geben sie weiter und unterstützen damit die Entwicklung von Kindern zu selbstbestimmten, mündigen Bürgern. Sie beziehen in ihre Angebote der kulturellen Bildung auch digitale Medien mit ein. Eine sinnvolle Nutzung von digitalen Ressourcen wird so konkret erlebbar.

Gleichzeitig hat sich das Bedürfnis nach geschützten, nicht kommerziellen Einrichtungen verstärkt, die Menschen in einer von Digitalisierung geprägten Welt verlässlich begleiten. Viele Bibliotheken haben durch die Schaffung verschiedener Bereiche für Kommunikation, zum konzentrierten Lesen, zum gemeinschaftlichen Arbeiten, mit flexiblen Bereichen für Veranstaltungen, mit Ruheinseln, einem Lesecafé oder der Ausstattung eines Makerspace ihre Aufenthaltsqualität erhöht und sich so zum Mittelpunkt ihrer Kommune etabliert.

Eine noch weitergehende Entwicklung zeigt sich in der zunehmend partizipativen Einbeziehung der Bibliotheksnutzer in die Gestaltung der Bibliotheksangebote: Sie werden eingebunden in die bedarfsgerechte Neugestaltung der Räumlichkeiten oder bieten mit den digitalen Werkzeugen und Möglichkeiten der Bibliothek eigene Vorträge und Workshops an.

Das Potenzial von Bibliotheken als generationsübergreifende Lern- und Bildungsorte ist jedoch noch nicht in allen Kommunen voll ausgeschöpft und strategisch weiterentwickelt worden. Bibliotheken können es jedoch nur entfalten, wenn sie in den kommunalen Digitalstrategien mitgedacht und von ihren Trägern dabei unterstützt werden, den Wandel zu gestalten.

Rolle der Bibliotheken im ländlichen Raum

In ländlichen Gegenden, in denen es oft keine ärztliche Versorgung, Lebensmittelläden oder soziale Treffpunkte mehr gibt, stärken Bibliotheken als öffentliche Einrichtungen den sozialen Zusammenhalt der Menschen. Sie vernetzen sich mit anderen Einrichtungen, insbesondere mit Schulen und Kindergärten, aber auch mit lokalen Vereinen und entwickeln Angebote im Bereich der Sprach- und Leseförderung. Sie öffnen den Zugang zum Internet, zu sozialen Medien und zu digitaler Technologie, unterstützen ihre Kunden bei deren Nutzung und vermitteln ihnen Medien- und Informationskompetenz.

Die Situation der rund 7200 öffentlichen Bibliothekssysteme ist jedoch sehr heterogen. Von den etwa 2000 hauptamtlich geführten Bibliotheken verfügen zwar 82 Prozent über einen Internetzugang, aber von den 5200 vorwiegend im ländlichen Raum liegenden ehren- oder nebenamtlich geleiteten Bibliotheken sind nur 22 Prozent ans Internet angeschlossen. Um gleiche Lebensverhältnisse zu ermöglichen, muss jedoch eine flächendeckende digitale Grundausstattung mit WLAN und Anschluss an das Glasfasernetz auch in kleineren Kommunen sichergestellt werden.

Zu den Herausforderungen der Bibliotheksarbeit in ländlichen Räumen gehört, dass dort nur wenig hauptamtliche Angestellte arbeiten, das Angebot also vielfach durch ehrenamtliches Engagement erbracht wird. Dadurch können selten ausreichende Öffnungszeiten angeboten werden. Erschwerend für die Modernisierung wirken ebenfalls Zeitmangel der Ehrenamtlichen und das geringe Budget für Fortbildungen.

Für kleinere Gemeindebibliotheken ist es daher schwieriger, digitale Teilhabe zu fördern. Kommunen in ländlichen Räumen müssen zusätzliche Anstrengungen unternehmen, damit ihre Bibliotheken moderne Konzepte entwickeln können und eine bedarfsbezogene technische Ausstattung erhalten.

Aktuelle Perspektive: Soforthilfeprogramms des Bundes stärkt die Digitalisierung

Das Soforthilfeprogramm „Vor Ort für Alle“ der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien ermöglicht jetzt einen wichtigen Innovationsschub: Bibliotheken in Orten mit weniger als 20.000 Einwohnern sowie Fahrbibliotheken können für Investitionen und laufende Kosten für ein Jahr (z. B. Lizenzen für E-Learning inkl. Bereitstellung, schnelles Internet) bis zu 25.000 Euro (zzgl. 25 % Eigenmittel) über den Deutschen Bibliotheksverband beantragen.

Die Mittel sollen für Digitalisierungsmaßnahmen eingesetzt werden, aber auch für die Entwicklung zeitgemäßer Bibliothekskonzepte und Angebote, um Bibliotheken als „Dritte Orte“ zu transformieren. Das Programm fördert investive Maßnahmen, die die Infrastruktur und Ausstattung von Bibliotheken verbessert.

Förderfähig sind beispielsweise die Einrichtung für multifunktionale Bereiche oder multifunktionale Nutzung sowie die Bereitstellung von Technik. Ebenso gefördert werden Makerspaces, Bibliothek der Dinge oder VR-Brillen. Auch förderfähig ist die Einrichtung von sogenannten „offenen“ Bibliotheken mit benutzerfreundlichen Öffnungszeiten ohne Personal sowie Maßnahmen zur Schaffung von Barrierefreiheit oder zur Instandsetzung der Außenanlage.

Konzepte sollen praxisorientiert sein, nachhaltig und strukturbildend wirken, sich an den kulturellen Bedürfnissen der Menschen vor Ort ausrichten, Möglichkeiten zur Partizipation bieten und „Dritte Orte“ und Zentren der Begegnung in ländlichen Räumen aufbauen helfen, an denen kulturelle Aktivitäten gebündelt werden. Die so modernisierte Infrastruktur der Einrichtungen bietet die Grundlage für eine erweitere zukunftsorientierte Nutzung der Bibliothek.

Barbara Schleihagen

Die Autorin
Barbara Schleihagen ist Bundesgeschäftsführerin des Deutschen Bibliotheksverbandes (dbv) in Berlin

Bildergalerie: Öffentliche Bibliotheken halten ein breites Angebot für verschiedene Nutzergruppen bereit: Kommunikation, konzentriertes Lesen, gemeinschaftliches Arbeiten, Veranstaltungen, Ruheinseln, Lesecafé und Makerspaces. Unsere Bildergalerie vermittelt einen kleinen Eindruck davon mit Aufnahmen aus Hamburg (Senioren), Halberstadt (Bee-Bot), Potsdam (Jungs mit Tablet) und Luckenwalde.