Innenstadt im Wandel: Lübeck erprobt neue Wege der Transformation

Wie kann Innenstadt heute funktionieren? Lübeck hat mit einem Transformationsprojekt neue Nutzungen, Kooperationen und Räume erprobt. Wie das gelingen konnte, welche Herausforderungen zu meistern waren – und was sich andere Städte abschauen können, schlüsselt Karoline Lenz auf.

Innenstadtentwicklung in Lübeck
Infostand für den Lübecker Transformationsprozess „Übergangsweise“ im „Übergangshaus“. Einer der Kernaspekte aus Sicht der Stadt: „Der Wandel ist gekommen, um zu bleiben. Entscheidend ist, ihn gemeinsam und aktiv zu gestalten.“ Foto: LTM

Der Wandel der Innenstädte ist keine Option mehr, sondern längst Realität. Die Frage ist, wie
ihm begegnet wird. Mit dem Bundesförderprogramm „ZIZ – Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“ bot sich der Hansestadt Lübeck die Möglichkeit, auf die sich zuspitzenden Herausforderungen in der Innenstadt nicht nur zu reagieren, sondern den Wandel aktiv zu gestalten.

Aufbruch mit Hilfe von Fördermitteln

Vor dem Hintergrund von Onlinehandel, verändertem Konsumverhalten und den Folgen der Coronapandemie war deutlich geworden, dass die bisherigen Instrumente der Innenstadtentwicklung angesichts von Leerständen, Frequenzrückgängen und Funktionsverlusten an ihre Grenzen stoßen.

Lübeck hat diese Chance frühzeitig ergriffen und mit „Übergangsweise“ von 2022 bis 2025 einen Transformationsprozess gestartet, der mit rund vier Millionen Euro Bundesmitteln neue Nutzungen, Kooperationen und Formen der Innenstadtentwicklung unter realen Bedingungen erproben konnte.

„Übergangsweise“ verstand sich von Beginn an als lernender Transformationsprozess. Ziel war es, die Innenstadt als lebendiges, vielfältiges Zentrum zu stärken und neue Nutzungen und Formate zu testen. Im Kern stand ein kooperativer Ansatz: Verwaltung, Wirtschaftsförderung, Stadtmarketing, Politik sowie Akteure aus Kultur, Wirtschaft und Zivilgesellschaft arbeiteten gemeinsam an Lösungen.

Vorhandene Räume neu nutzen

Die Umsetzung erfolgte in mehreren ineinandergreifenden Bausteinen. Besonders prägend war die Zwischennutzung von Immobilien, allen voran das Übergangshaus im ehemaligen Karstadt-Gebäude. Ebenso wichtig war die Aktivierung leerstehender Gewerbeflächen durch kreative Zwischennutzungen im Projekt „Übergangsraum“.

Im Rahmen des Projekts „Wandel.Erleben“ wurden darüber hinaus öffentliche Räume wie der Koberg als Übergangsgarten und der Schrangen als Übergangswiese temporär neu inszeniert und auf andere Weise erfahrbar gemacht. Flankiert wurde der Gesamtprozess durch intensive Dialog- und Beteiligungsformate.

Weniger Leerstand und mehr Aufenthaltsqualität

Rückblickend zeigt sich: Die größte Herausforderung lag weniger in der Umsetzung einzelner Maßnahmen als im Umgang mit Unsicherheit und widersprüchlichen Interessen. Eigentümer begegneten neuen Nutzungen teilweise zurückhaltend, rechtliche Rahmenbedingungen erschwerten Umnutzungen, und für viele Ansätze fehlten zunächst belastbare Erfahrungswerte. Der Prozess erforderte neue Formen der Zusammenarbeit bei begrenzten personellen Ressourcen. Als zentraler Erfolgsfaktor erwies sich ein pragmatischer, umsetzungsorientierter Ansatz.

Der Aufbau einer interdisziplinären Arbeitsstruktur trug maßgeblich dazu bei, Abstimmungen zu beschleunigen und Kompetenzen zu bündeln. Ebenso wichtig war die bewusste Zulassung von Experimenten: Temporäre Nutzungen, Pilotprojekte und iterative Formate ermöglichten es, Lösungen direkt im Stadtraum zu testen und weiterzuentwickeln. Die erzielten Wirkungen sind sichtbar: Leerstände konnten reduziert, erprobte Nutzungen teilweise verstetigt und die Aufenthaltsqualität in zentralen Lagen verbessert werden.

Projekte wie das Übergangshaus haben neue Zielgruppen angesprochen und die Innenstadt stärker als Ort für Bildung, Kultur und Begegnung positioniert. Gleichzeitig bleibt die Transformation eine langfristige Aufgabe, insbesondere für weniger frequentierte Lagen und großf lächige Handelsimmobilien.

Stärke im Zusammenspiel vieler Akteure

Eine zentrale Erkenntnis aus dem Projekt liegt im gemeinschaftlichen Charakter des Prozesses. „Übergangsweise“ hat gezeigt, dass Innenstadtentwicklung unter heutigen Bedingungen nur im Zusammenspiel vieler Akteure gelingen kann. Tragfähige Netzwerke, kontinuierlicher Dialog und transparente Entscheidungsstrukturen sind keine Begleiterscheinungen, sondern zentrale Voraussetzungen für Veränderung.

Ebenso prägend ist die entstandene „Kultur des Ausprobierens“. Die Möglichkeit, im Rahmen des Förderprojekts neue Wege zu gehen, hat nicht nur konkrete Projekte hervorgebracht, sondern auch das Selbstverständnis der beteiligten Akteure verändert. Transformation wurde als gestaltbarer Prozess erlebbar, mit Offenheit für temporäre Lösungen und lernende Strukturen.

Für andere Städte lassen sich aus dem Lübecker Prozess mehrere zentrale Erkenntnisse ableiten: Transformation benötigt Zeit, vor allem aber die Bereitschaft, frühzeitig ins Handeln zu kommen. Zwischennutzungen sind ein wirkungsvolles Instrument, um Dynamik zu erzeugen und neue Akteure einzubinden. Integrierte, ressortübergreifende Zusammenarbeit ist entscheidend, um komplexe Herausforderungen zu bewältigen. Und nicht zuletzt sind Kommunikation und Beteiligung wesentliche Treiber, nicht Ergänzung des Wandels.

Ein Perspektivwechsel in der Innenstadtentwicklung

Mit dem Abschluss des Förderzeitraums ist „Übergangsweise“ formal beendet. Die angestoßenen Strukturen, Netzwerke und Arbeitsweisen wirken jedoch weiter. Die zentrale Aufgabe besteht nun darin, erfolgreiche Ansätze zu verstetigen, gewonnene Erkenntnisse in reguläre Prozesse zu überführen und die begonnene Transformation konsequent fortzusetzen.

„Übergangsweise“ steht damit exemplarisch für einen Perspektivwechsel in der Innenstadtentwicklung: weg vom abgeschlossenen Projekt, hin zu einem dauerhaften, gemeinschaftlich getragenen Lern- und Entwicklungsprozess. Der Wandel ist gekommen, um zu bleiben. Entscheidend ist, ihn gemeinsam und aktiv zu gestalten.

Karoline Lenz


Die Autorin

Karoline Lenz ist Leiterin Strategie und Destinationsmanagement der Lübeck und Travemünde Marketing GmbH.


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