Im Krankenhaus in guten Händen

Mutter und Kind auf Station: Die Corona-Pandemie belegt die Bedeutung der Krankenhäuser. Sie sind das medizinische Rückgrat der Daseinsvorsorge. - Foto: Gorodenkoff/Adobe Stock

Krankenhäuser sind Kern der kritischen Infrastruktur. Wir brauchen sie flächendeckend, wohnortnah und in herausragender Qualität. Auch in Notsituationen muss die medizinische Versorgung der Bürger dauerhaft gewährleistet sein. An dieser Feststellung sollte sich die Debatte über Strukturreformen orientieren.

Seit mehreren Monaten dreht sich in Medien, Politik und im Privaten fast alles nur noch um Corona. Im März schreckten uns Bilder aus Italien auf. Ängste, dass sich Ähnliches bei uns wiederholen könnte, waren allgegenwärtig. Heute schaut die Welt neidvoll auf Deutschlands Krankenhäuser. Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Pandemie ist, dass Krankenhäuser zentraler Bestandteil der Daseinsvorsorge sind und eine hohe Kapazität in Notsituationen ein Glücksfall ist. Corona bestätigt fulminant, dass Krankenhäuser das medizinische Rückgrat der Daseinsvorsorge sind.

Reservekapazitäten bedeuten Überlebenschancen – und eben nicht Ineffizienz und Geldverschwendung. Und eine ganz wesentliche Erkenntnis ist, dass die Existenz von vielen, auch kleinen Krankenhäusern hilft, räumliche Infektionsherde besser einzugrenzen. So schlimm Corona ist, so leidvoll jeder einzelne Tote, so wichtig sind die Lehren aus der Pandemie für die weitere Strukturdebatte über die medizinische Versorgung.

Die wichtigste ist: Viele gut ausgestattete, flächendeckend frei verfügbare Krankenhäuser mit hoch qualifiziertem Personal sind eine nicht zu unterschätzende Ressource und können Leben retten. Sie sind aber auch volkswirtschaftlich ein entscheidender Pluspunkt, denn sie verhindern noch längere und gravierendere Lockdowns.

Diese Erkenntnis gibt gleichzeitig die Marschrichtung vor, mit welchen Maßnahmen wir den Krankenhausbetrieb sowohl personell als auch finanziell ökonomisch aufrechterhalten müssen. Wir brauchen ein Ende der kalten Strukturbereinigung. Die willkürliche Schließung durch Unterfinanzierung gefährdet dauerhaft die Versorgung. Das heißt, dass wir die Deckelung über die Grundlohnrate beenden und durch eine bedarfsorientierte Mittelbereitstellung ablösen müssen. Hinzu kommt, dass endlich die Investitionsmittel bereitgestellt werden müssen, die die Krankenhäuser wirklich brauchen. Sechs bis acht Milliarden Euro müssen gesetzlich abgesichert finanziert werden.

Dieses Geld ist dringend erforderlich, um die Krankenhäuser zukunftssicher aufzustellen. Die Krankenhäuser brauchen Mittel für die Digitalisierung genauso, wie für die Modernisierung der baulichen und medizintechnischen Infrastruktur. Wir müssen moderne Arbeitsplätze schaffen, die es unseren Beschäftigten ermöglichen, gut, gerne und sicher zu arbeiten.

Öffnung für mehr ambulante Leistung

Die Hoheit über die Krankenhausplanung muss den Ländern voll umfänglich zurückgegeben werden. Denn sie haben – das wird in dieser Zeit sehr deutlich – die medizinische Versorgungssicherheit auch im Katastrophenfall zu gewährleisten. Deshalb sollen Vorgaben aus dem Gemeinsamen Bundesausschuss nur noch Orientierungsfunktion haben dürfen. Ein zentraler Bestandteil, um auch das Personal für das Krankenhaus zu sichern, ist ein umgehender Bürokratieabbau. Die überbordende Bürokratie, die Pflegekräfte und ärztliches Personal bis zu vier Stunden pro Tag bindet und von ihrer eigentlichen Arbeit abhält, ist so nicht hinnehmbar. Sie führt zu Frustration bei den Mitarbeitern, die man sich in Zeiten von Fachkräftemangel nicht leisten kann.

Insgesamt müssen wir den Bereich fürs Personal interessanter machen. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft als Krankenhausträger hat gemeinsam mit Verdi und dem Deutschen Pflegerat ein Pflegepersonalbedarfsbemessungsinstrument – die PPR 2.0 – entwickelt. Die Kliniken bekennen sich zu diesem Instrument. Damit einher geht gleichzeitig die Forderung nach der Abschaffung der bundeseinheitlichen Pflegepersonaluntergrenzen.

Kleinere Kliniken sind Teil der Gesamtversorgung

Für die kleinen Krankenhäuser überall im Land ist diese Pandemie die Chance, ihre Bedarfsnotwendigkeit einmal mehr unter Beweis zu stellen. Die immer wieder verbreitete Mär von dem schlechten Krankenhaus, nur weil es klein ist, hat sich eindeutig als Trugschluss erwiesen. Fachärztliche Kompetenz gibt es auch in diesen Kliniken.

Natürlich, und das wird auch nach der Pandemie weitergehen, werden wir Strukturreformen ins Auge fassen müssen. Es wird weitere Tendenzen zur Zentralisierung von komplexen Leistungen geben. Aber gleichzeitig werden wir kleinere Kliniken verstärkt als Ausgangspunkt der Gesamtversorgungsstruktur ansehen müssen. Die Öffnung für mehr ambulante Leistung vor dem Hintergrund, dass immer weniger niedergelassene Ärzte gerade in der Fläche vorhanden sind, ist ein unabdingbarer Schritt. Die Logik der Daseinsvorsorge durch leistungsstarke Krankenhäuser gebietet, Krankenhäuser viel offensiver für ambulante Leistungen zuzulassen. Die ambulante spezialfachärztliche Versorgung ebenso wie die ambulante Notfallversorgung müssen unabdingbare Bestandteile sein.

Damit einher geht die Erkenntnis, dass das Fallpauschalensystem mit auf Durchschnittskosten basierenden und belegungsabhängigen Erlösen als Optionsmodell noch eine Zukunft haben kann. Zur Absicherung der Daseinsvorsorgefunktion wird es aber nicht an allen Standorten die erforderlichen Finanzierungsmittel beisteuern können. Daher muss es möglich sein, regionale und hausindividuelle Versorgungserfordernisse stärker zu berücksichtigen.

Schlussendlich gibt uns diese Pandemie die Möglichkeit neu zu denken. Der Schock, den Corona anfänglich auslöste, und die Erfahrung, dass unsere Krankenhäuser zu den besten der Welt gehören, sollten uns als Leitplanken für die Zukunftsplanung dienen. Wir brauchen die Krankenhäuser in Deutschland flächendeckend, wohnortnah und in ihrer herausragenden Qualität. Wir brauchen das Bewusstsein, dass der Wert von Daseinsvorsorge kein reiner Kostenfaktor ist.

Der durch das Corona-Virus ausgelöste gesamtwirtschaftliche Lockdown kostet Billionen. Das wesentliche Ziel des wirtschaftlichen Herunterfahrens war, eine Überlastung der stationären Versorgungskapazitäten zu vermeiden. Eindrucksvoller kann nicht dargestellt werden, dass Krankenhäuser keine volkswirtschaftlichen Kostenfaktoren sind. Sie sind vielmehr Kern der kritischen Infrastruktur, der eine funktionierende Wirtschaft und Wohlstand überhaupt erst möglich macht. Wenn das zur Grundlage für politische Debatten wird, sind wir in der Lage, eine Strukturreform herbeizuführen, die der Versorgungsnotwendigkeit gerecht wird.

Georg Baum

Der Autor
Georg Baum ist Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft in Berlin