Es geht um Stabilität

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Die Stadtplanung steht vor schwierigen Aufgaben. Um den Anforderungen der Smart City gerecht werden zu können, müssen klassische städtebauliche Disziplinen mit den Megatrends unserer Infrastruktur im Bereich Mobilität, Energie, Kommunikation kombiniert werden. Zudem muss die Widerstandsfähigkeit des Planungsgeschehens gegenüber Veränderungen gestärkt werden.

In Deutschland leben bereits über 70 Prozent der Bürger in Städten. Städte sind also ein Spiegel unserer Gesellschaft. Die Anforderungen an die Städte von morgen steigen. Globalisierung, Re-Urbanisierung, Konnektivität, Shareconomy sind einige der Schlagworte. Gesellschaftlicher Wandel treibt als Motor die Änderungen unserer herkömmlichen Erwartungen an Wohnen, Arbeit und Leben kontinuierlich an.

Im Bereich Städtebau entstehen neue Herausforderungen durch eine stärkere Verknüpfung klassischer städtebaulicher Disziplinen mit den Megatrends unserer Infrastruktur im Bereich Mobilität, Energie, Kommunikation. Die Stadt wird zur Smart City.

Dem folgt der Trend zur Großstadt, in welcher vielleicht leichter oder häufiger die Voraussetzungen gegeben sind. Wenngleich wir in Deutschland noch keine Megacity haben, wachsen insbesondere auch unsere Metropolen überproportional. Durch diesen starken Zuzug sehen sich unsere Wachstumsregionen gezwungen, Strategien zur koordinierten und beschleunigten Entwicklung aufzulegen, um einerseits den Bedürfnissen Rechnung zu tragen und um andererseits den negativen Folgen zu begegnen. Die Potenziale zum Wachstum beruhen auf Nachverdichtung, Aktivierung von Flächenbrachen und Wachstum am Rand. Dabei entstehen auch städtebauliche Großprojekte, die im besonderen Maße die sich ergebenen Chancen nutzen müssen. Natürlich gelten diese Chancen im anderen Maßstab auch außerhalb der Metropolen.

Die Überlegungen von heute sollen die Entwicklung der Städte von morgen nachhaltig sichern. An die städtebauliche Projektsteuerung stellt dies auch im Aufbau einer interdisziplinären Projektorganisation erhöhte Anforderungen und fordert neue Wege.

Bereits heute sind städtebauliche Projekte eine anspruchsvolle Aufgabe. Die spezifischen Aufgaben sind natürlich abhängig vom Bedarf des Projektes und seinen Randbedingungen. Dabei wird die städtebauliche Entwicklung nicht nur als planerische Aufgabe verstanden, sondern schließt die Phasen der Realisierung der langfristigen Ansiedlung mit ein. Diese Phasen mit zu betrachten ist wesentlich, verdeutlicht es nochmals die Komplexität und Tragweite der Aufgabe Stadtentwicklung.

Planungsprozesse werden komplexer

Grundsätzlich können die Aufgaben in die Handlungsbereiche Regional-/Landesplanung, kommunale Bauleitplanung, Freimachen, Herrichten, Erschließung, Hochbau unterteilt werden. Mit der Steuerung von Stadtentwicklungsprozessen sollen diese Handlungsfelder zusammengeführt werden. Es müssen zur Sicherstellung des Erfolgs Lösungen in allen Handlungsbereichen gefunden werden.

Mit Fokus auf die kommunale Bauleitplanung ergeben sich Projektorganisationen, um den Anforderungen des Baugesetzbuches (BauGB) und gegebenenfalls ergänzender Satzungen und Programme zu genügen.

Beurteilt an der Zahl der Schnittstellen, die es in den erforderlichen Verfahrensschritten zu koordinieren gilt, ist die Komplexität bereits heute beachtlich. Aufseiten des Trägers des städtebaulichen Projekts (Kommune oder privater Investor) bedarf es oftmals der kapazitiven oder inhaltlichen Organisationsergänzung.

Wie wird sich dies zukünftig ändern, wenn wir die globalen Megatrends betrachten? Welchen Einfluss haben Veränderungen in der Mobilität? Wie wird sich der motorisierte Individualverkehr durch Elektromobilität und Shared Mobility ändern, welcher Modal Split wird erreicht, in welchem Maße und für welche Leistungsfähigkeit müssen wir das Infrastruktursystem Straße einplanen? Wie wird sich der ruhende Verkehr ändern, wenn sich neue Arbeitsformen etablieren, welche Anforderungen wachsen aus einer verstärkten Nahmobilität?

Werden unsere zukünftigen Mobilitätskonzepte reibungsloser funktionieren, weil die Infrastruktur vernetzt und intelligent ist? Welche gewohnten städtebaulichen Eckwerte müssen wir anpassen? Finden wir über die neue Konnektivität der Bürger zu neuen Planungsdemokratien, ein „like“ für die Beteiligungsprozesse? Welchen Einfluss hat die Energiewende mit dem Atomausstieg auf unsere Stadtentwicklung. Muss die Energieversorgung, in der Hauptlast getragen von großen Kraftwerken, langfristig dezentraler werden, wird perspektivisch jede Stadt, jeder Stadtteil, jedes Haus seine eigene dezentrale Versorgung sicherstellen müssen?

Stadtentwicklung ist immer Langstrecke

Müssen wir nun zu all diesen Fragestellungen zukünftig Experten in die Projektorganisation einbinden, um nachhaltige Städte planen zu können? Selbst wenn, die Antworten auf all diese Fragen kann heute niemand mit abschließender Gewähr geben, sie bleiben abhängig vom Licht, das auf die Glaskugel fällt und uns die Zukunft erhellt. Auch wenn aber das Ergebnis der Entwicklung noch nicht abschließend vorhersehbar ist, so ist dennoch folgendes zu berücksichtigen:

Gerade unsere Städte haben in der Vergangenheit, in Krisenzeiten durch Krieg, Krankheiten und Naturkatastrophen oder in Umbruchzeiten wie Industrialisierung ihre Reaktionsfähigkeit bewiesen. Man muss aber erkennen, dass die Halbwertzeit unserer Infrastruktur in einer immer schneller werdenden Welt kontinuierlich absinkt. Wenn wir früher Infrastrukturen für eine Lebenserwartung von 80 bis 100 Jahren realisiert haben, so haben diese am Beispiel der Kraftwerke heute nach bereits 40 Jahren ausgedient, neu errichtete Kanalsysteme müssen in schrumpfenden Städten rückgebaut werden, Siedlungsstrukturen an anderer Stelle nachverdichtet werden, Nutzungen neu festgesetzt werden, Straßensysteme in ihrer Leistungsfähigkeit optimiert oder bewusst reduziert werden, Flächenbedarfe für Energieversorgung oder Telekommunikation angepasst werden. Bei smarten Strukturen ist die Halbwertzeit noch geringer.

Es ist eine nötige Erkenntnis, nicht zu versuchen, die zukünftigen Entwicklungen, Trends und Strömungen möglichst realistisch vorherzusagen und zu imitieren, sondern sich bewusst zu machen, dass auch diese Prognosen sich in den Zeitfenstern einer Stadtentwicklungsmaßnahme wieder überholen werden. Stadtentwicklung ist nie Kurzstrecke, sondern immer Langstreckendisziplin. Aus dieser Erkenntnis steigt der Bedarf an Resilienz, also der Widerstandsfähigkeit eines Systems gegenüber Veränderungen.

Die Resilienz ist die neue Nachhaltigkeit. Seit 2013 wird diese Anforderung nun intensiver in der Fachwelt diskutiert. Wie plant man nun ein hohes Maß an Resilienz? Die wesentlichen Beurteilungsmaßstäbe sind die Möglichkeiten, Risiken wahrzunehmen und die Möglichkeiten, Informationen über Risiken zu erhalten und auszuwerten sowie der Grad der Vernetzung im System. Es ist entscheidend, die Schnittstellen, die Auswirkungen von Risiken sowie deren Wechselwirkungen zu identifizieren, um so stabilere Systeme zu schaffen.

Es empfiehlt sich Schnittstellensysteme zu etablieren, um vorbeugende als auch reaktive Maßnahmen zu konzipieren und die Situation ständig zu evaluieren. Hier decken sich die Ziele mit den Potenzialen von Smart Cities. Wenn unsere Infrastrukturen smarter werden sollen, so können smarte Systeme auch zur Messung und Evaluierung genutzt werden.

Diese Aspekte sollten noch stärker als bislang in die Planung und Begründung einfließen. Die Beurteilung von Risiken und Auswirkungen sie die Möglichkeiten in der Reaktion sollten noch stärker abwägungserheblicher Belang werden. Resilienz wird so verstanden zu einem Grundsatz der Planung.

Zur Identifikation aller Schnittstellen sowie deren Wechselwirkungen und deren Koordination ist der Aufbau einer entsprechend komplexen intersektoralen und interdisziplinären Projektorganisation erforderlich. Als Aufgabe fordert Resilienz innerhalb der kommunalen Verwaltung eine besondere Kommunikation und Koordination, klare Zielsetzung und übergreifende Führung, Kooperation durch stärkeren Austausch oder mithilfe einer steuernden Stabstelle.

Es lohnt sich. Gerade weil sich in unseren Städten die Infrastrukturen bündeln, liegen dort die großen Herausforderungen der Zukunft.

Henry Alsbach

Der Autor
Henry Alsbach ist Stadtplaner und als Prokurist bei Zerna-Projektmanagement beschäftig. Er leitet das Geschäftsfeld Städtebau und den Standort München