Der Zukunft Raum geben in Eggenfelden

Stadtzentrum Eggenfelden: Smart-City-Ideen gedeihen auch auch dem Land. Das Regiolab Bayern kombiniert Entwicklungsräume mit modernster IT, Coworking Spaces und Lernwerkstätten. - Foto: Stadt Eggenfelden

Die Stadt Eggenfelden ist es gelungen, in einem denkmalgeschützten Gebäudeensemble ein digitales Innovationszentrum für den ländlichen Raum zu etablieren. Das Projekt Regiolab Bayern wird bundesweit beachtet. Erster Bürgermeister Wolfgang Grubwinkler skizziert in seinem Beitrag das Konzept.

Was macht eine Stadt, die im Besitz eines einmaligen historischen Ensembles einer niederbayerischen Hofmark ist, deren Wirtschaftsgebäude jedoch verfallen und die sich der Verpflichtung zum Erhalt des historischen Erbes bewusst ist? Die Leitidee der Stadt Eggenfelden zur Entwicklung der Schlossökonomie Gern war der Ausbau zu einem Kulturzentrum mit Ausstellungsräumen, Musikschule sowie einem Kultur- und Stadtsaal.

Diese Pläne von 1992 und den Folgejahren blieben auf halber Strecke stecken, weil nach der Jahrtausendwende das Geld für eine rein öffentliche Nutzung ausging. Auch die laufenden Unterhalts- und Betriebskosten belasteten den städtischen Haushalt zusehens. Ein privater Investor brachte noch einmal Schwung in die Entwicklung und machte aus dem historischen Bullenstall die neue Firmenzentrale, eine vom Denkmalschutz ausgezeichnete Sanierung. Doch dann war über zehn Jahre Stillstand. Besonders die alte Brauerei und Mälzerei stellte als ortsbildprägende Brache eine offene Wunde im sonst attraktiv hergerichteten Umfeld dar.

Nach meinem Antritt als Bürgermeister 2014 rückte Frage nach der Zukunft in der Schlossökonomie wieder in den Vordergrund. Allerdings wurde nicht mehr die krampfhafte und kostspielige Suche nach öffentlichen Nutzungen weiter verfolgt. Bei der Suche nach einer Nutzung, die Revitalisierung des denkmalgeschützten Gebäudes mit wirtschaftlicher Wertschöpfung verbindet, haben mich folgende Prämissen angetrieben:

  • Denken vom Ende her. Der Fokus liegt auf einer dauerhaften Nachnutzung des Gebäudes.

  • Wertschöpfung statt Verbrauch. Die neue Nutzung soll sich nach einer angemessenen Anlaufphase weitgehend selbst tragen, indem Leistungen angeboten werden, die wirtschaftlich verwertbar sind.

  • Orientierung am Marktbedürfnis. Ein Geschäftsfeld soll bedient werden, das über ein hohes Marktpotenzial verfügt. Zudem sollen die Kräfte in der Region gestärkt werden.

  • Innovationscharakter. Die Leistungen sollen sich von herkömmlichen Angeboten abheben durch hohen technologischen Standard und eine einzigartige Kombination von Leistungsbausteinen.

  • Ausstrahlungskraft. Die Wirkung soll weit über den regionalen Kreis hinausgehen und im besten Fall auch internationale Beachtung finden. Ein Leuchtturm soll entstehen.

Als Geschäftsfeld wurde der Megatrend Digitalisierung ausgewählt. Ein Innovationszentrum für digitale Entwicklung und Planung soll entstehen, das die modernsten Instrumente und Verfahren der Visualisierung und Simulation in den ländlichen Raum bringt und dadurch „Waffengleichheit“ mit den Metropolen herstellt. Dem Mittelstand werden standortnah Zukunftsperspektiven in der Bewältigung der digitalen Revolution eröffnet.

Der Markenname „RegioLAB Bayern“ ist Programm. Unter dem Leitsatz „Zukunft erproben“ stellt das „Labor“ Räume, Technologien und Services bereit, die sonst nur schwer im ländlichen Raum beschafft werden können. Das Prinzip der Sharing Economy macht Hightech und Know-how auch für kleine Betriebe erschwinglich. Verfügbar sind 3D-Scanner, 3D-Drucker, Mixed-Reality-Projektionen, Building Information Modeling, ein virtuelles Demolabor und ein Ausstellungsraum. Durch das „Mieten statt kaufen“ wird das Regiolab zum Impulsgeber und Entwicklungsbeschleuniger abseits der Metropolen. Auf diese Weise wird Stadtentwicklung zur Wirtschaftsentwicklung – und umgekehrt.

Auf rund 1900 Quadratmeter bietet das Regiolab eine Kombination an Entwicklungsräumen, Coworking Spaces, 3D-Erlebnisräumen und Lernwerkstätten für Firmen, aber auch Schulklassen und interessierte Bürger, die sich in der neuen digitalen Welt zurechtfinden wollen. Damit Gruppen auch längere Zeit ihr Projekt im Innovationszentrum verfolgen können, gibt es ein Boarding House direkt im Gebäude. Chill-out-Zonen und eine Cafeteria sind Treffpunkte der Entspannung, Kommunikation und Vernetzung.

Mit der konzeptionellen Planung, die durch Workshops zu den Bedarfen der unterschiedlichen Zielgruppen gespiegelt wurde, eng verflochten war die bauliche und betriebswirtschaftliche Planung. Die Planung der Gebäudesanierung musste europaweit ausgeschrieben werden. Das Geschäftsmodell wurde in ein Raumprogramm übersetzt und in einem Vorentwurf so verfeinert, dass die ursprünglichen Kostenannahmen durch eine Kostenschätzung für Förderanträge bei Denkmalschutz und EU-Strukturfondsförderung verifiziert werden konnten.

Bund und Land unterstützen das Projekt

Das Investitionsvolumen für die Gebäudesanierung wird sich um die zehn Millionen Euro bewegen. Im Bemühen um finanzielle Unterstützung für das ambitionierte Vorhaben eines digitalen Innovationszentrums zeigten sich die staatlichen Stellen als überaus kooperativ. Das Regiolab ist zum Premiumprojekt des nationalen Städtebaus gekürt worden, und das Land Bayern unterstützt das Projekt auf politischer wie Verwaltungsebene.

Neben der klassischen städtebaulichen Förderung, die erst die räumliche Gestaltung ermöglicht, wird sich auch die regionale Wirtschaft finanziell einbringen. Die Stadt hat nämlich das Gebäude an die städtische Wirtschaftsfördergesellschaft als Besitzgesellschaft verpachtet. Die Wifö kümmert sich um die baulichen Aspekte. Für den Betrieb wird die privatwirtschaftliche Betreibergesellschaft Regiolab Bayern GmbH und Co. KG verantwortlich zeichnen. Die Gesellschaft befindet sich gerade in Gründung und wird zum Großteil von privaten Investoren finanziert.

Die ursprüngliche Skepsis, ob private Unternehmen sich an dieser Maßnahme zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur beteiligen würden, hat sich nicht bewahrheitet. Die Unternehmen sehen den Nutzen für sich und die Region und setzen auch mit Beteiligungskapital auf eine Marktentwicklung, die sich durchaus rechnen kann. Im Businessplan soll nach dem dritten Betriebsjahr der Break-even erreicht werden. Die Baumaßnahmen sollen im Laufe des Jahres 2020 abgeschlossen werden, mit Betriebsaufnahme wird zum Jahreswechsel 2020/21 gerechnet.

Wolfgang Grubwinkler

Der Autor
Wolfgang Grubwinkler ist Erster Bürgermeister der bayerischen Stadt Eggenfelden