Bürger beteiligen in Zeiten der Digitalisierung

Junge Familie: Die Kommunalverwaltung sollte ihr Informationsangebot wie auch die Formen der Bürgerbeteiligung an der Erkenntnis ausrichten, dass der Gebrauch digitaler Medien bereits heute alle Lebensbereiche prägt. Foto: Syda Productions/Fotolia

Digitale Kommunikationsformen bergen viele Möglichkeiten, das Leben im ländlichen Raum zu beleben und die junge Generation an die Gemeinde zu binden. Kommunal orientierte Apps können helfen, den Alltag besser zu bewältigen und öffentliche Dienstleistungen gezielt an die Bürger zu vermitten.

Ohne den ländlichen Raum ist kein Staat zu machen. Ohne bürgerschaftliches Engagement ist kein ländlicher Raum zu gestalten – zu komplex sind mittlerweile auch hier die Herausforderungen der Zukunft, als dass sie einigen wenigen überlassen werden. Gerade im ländlichen Raum macht sich der demografische Wandel mit der Alterung der Gesellschaft und dem Anstieg der Hochbetagten bemerkbar. Der Wegzug von Jüngeren überwiegt den Zuzug, viele Gemeinden schrumpfen in der Einwohnerzahl. Zudem gilt es, Neuzuwanderer mit ausländischen Wurzeln zu integrieren. Und nicht zuletzt ist die Frage, wie die notwendige digitale Anbindung gelingen kann, damit der Nutzen des digitalen Lebens in der Fläche ankommt. Hier ist das Wissen und das Engagement der Vielen gefragt.

Ein Mehr an Bürgerbeteiligung wird seit Jahren gefordert, da unterscheiden sich Stadt und Land nicht. Gerade im ländlichen Raum findet sich eine hohe Aktivität in den Vereinen, oft ist es ein engagierter „harter Kern“ derer, die sich einbringen. Die Themen sind ländlich orientiert und meist pragmatisch auf die Lebensbewältigung fokussiert. Es gilt, diese Aktivität einer breiteren Schicht als bisher zugänglich zu machen. Beteiligung muss gestaltet werden. Für ihr Gelingen braucht es Kriterien.

Partizipation muss eingeübt werden

Am Anfang steht immer der offene Zugang zu Informationen und die Mitnahme der Menschen vor Ort in der Entwicklung von Entscheidungen. Partizipation muss eingeübt werden und fest verankert sein. Spontane und situative Formaten schlagen ins Gegenteil um, weil sich die Bürger nicht ernst genommen fühlen, wenn sie nur vorgefasste Entweder-Oder-Entscheidungen abnicken sollen.

Kurz: Bürgerbeteiligung ist ein langfristiger Prozess und Erfolge müssen messbar sein. Hier ist der Perspektivwechsel hin zu einer Politik 2.0 gefragt. Um diesen Quantensprung zu bewerkstelligen, stehen viele digitale Hilfsmittel bereit. Gute Beispiele sind digitale Plattformen, die einen Austausch der Meinungen und eine öffentliche Diskussion ermöglichen, wie etwa Liquid Friesland, eine Online-Plattform des Landkreises Friesland. Wie Online-Konsultationen mit Bürgern gelingen können, ist in einem Leitfaden (PDF-Download) beschrieben, den unter anderem das Bundesministerium des Innern und die Bertelsmann-Stiftung erarbeitet haben.

Auch Bürgerhaushalte sind gerade in kleinen Gemeinden ein gutes Mittel, um die vielfältigen Ideen der Menschen vor Ort einzubinden. Am Anfang aber muss der politische Wille stehen. Eine gute Beteiligungskultur ist eine Grundlage auch für das bürgerschaftliche Ehrenamt. Wer etwas für die Gesellschaft leistet, möchte ebenfalls mitreden, mitgestalten und mitentscheiden. Das kann durch die Online-Beteiligungsformate erleichtert werden oder eben durch ortsspezifische Apps, die Hilfe und Kommunikation in Echtzeit ermöglichen. Die Social Media-Kanäle sind gleichfalls hilfreich. Diese Formate bieten zum Beispiel in der Flüchtlingshilfe oder in Katastrophenfällen die Möglichkeit passgenauer Organisation von Leistungen und ehrenamtlichen Einsätzen. So schnell kann keine staatliche Stelle vernetzen, wie es die sozialen Netzwerke können. Ein Grund mehr für die Einrichtung solcher Netze vor Ort.

Das Zulassen neuer Formen für die Organisation von öffentlicher Beteiligung fällt schwer: Die Deutungshoheit verschiebt sich und oftmals verändern sich auch tradierte Machtverhältnisse. Das macht sich besonderes in kleinen Gemeinden bemerkbar, in denen der Bürgermeister sehr häufig als Alleskönner erachtet wurde. Es sind nicht mehr die bekannten Aktiven, sondern der Kreis erweitert sich.

Dieser digitale Brückenschlag allerdings birgt viele Möglichkeiten das Leben im ländlichen Raum beleben zu können, auch die jüngere Generation an die Gemeinde zu binden und deren Wissen abzuholen. Der ländliche Raum muss neu bewertet werden. Längst ist dieser nicht nur als landwirtschaftlich geprägt zu verstehen.

Landleben online organisieren

Eine Anbindung an das digitale Hochgeschwindigkeitsnetz eröffnet Chancen und Räume für Wertschöpfung der nächsten Art. Gerade hier entstehen Formen einer nachhaltigen und ökologischen Versorgung. Es werden zum Beispiel umweltschonende Ideen entwickelt und getestet.

Diese Entwicklung zieht junge Familien an, die dem städtischen Leben den Rücken kehren wollen, um ihre Kinder in einer natürlichen Umgebung großzuziehen. Junge Familien benötigen eine gewisse Versorgungsinfrastruktur, die digital leichter zu organisieren ist. Telemedizin, Mobilitätsketten, neue Formen der Arbeit wie Coworking, die an die Kitas direkt angeschlossen sind oder gar auch Pflegeplätze für die ältere Generation machen das möglich. Nichts überbrückt Distanzen so gut wie digitale Technik. Nichts vernetzt die Menschen in ihrem Tun und in ihrer Haltung so schnell wie digitale Kanäle.

Als Bürgermeister einer kleinen Stadt oder Gemeinde darf man sich dafür interessieren, ob jugendliche Hacker im Ort wohnen. Diese „hidden champions“ verstehen sich in der Nutzung von offenen Daten und deren Verwendung für das Gemeinwohl. „Jugend hackt“ beispielsweise ist ein Format, in dem sich diese Jugendlichen in regionalen Treffen zusammenfinden. Ihr Ziel ist es, mit Daten eine Idee für Softwareprojekte zu entwickeln, die „die Welt ein bisschen besser machen“. Beispielsweise werden Wetterdaten visualisiert oder intelligente Ampelschaltungen entwickelt, die Wartezeiten vermeiden. In der Flüchtlingshilfe hat „Jugend hackt“ 2015 das Projekt „Germany says Welcome“ erarbeitet. Es handelt sich sowohl um eine App als auch um eine Plattform im Netz für Informationen, Hilfe und Unterstützung bei der Integration. Flüchtlinge und freiwillige Helfer finden auf dieser Plattform die notwendige Möglichkeit zum bedarfsgerechten Austausch.

Gleiches Potenzial hat der Transfer von Wissen aus den Werkstätten der Open Knowledge Labs „Code for Germany“, die sich mittlerweile in 24 Städten in Deutschland gebildet haben. Die Labs könnten ebenfalls auf den ländlichen Raum ausstrahlen. Es sind regionale Gruppen von Designern, Entwicklern, Journalisten und Interessierten, die sich regelmäßig treffen, um an nützlichen Anwendungen rund um offene Daten zu arbeiten. Sie entwickeln Apps, die informieren, die Gesellschaft positiv gestalten und die Arbeit von Verwaltungen und Behörden transparenter machen.

Gerade kommunal orientierte Apps können helfen, den Lebensalltag besser zu bewältigen. Ganz zu schweigen davon, dass etwa kommunale Dienstleistungen viel gezielter an die Bürger vermittelbar sind. Genauso kann hier das Wissen der Vielen einfließen, auch das der Zugewanderten, die oftmals einen ganz anderen Blick mitbringen und Neues ermöglichen, um Traditionelles zu erhalten. Die Bürgerschaft organisiert sich heute im Netz. Dieser Trend ist eine Perspektive für den ländlichen Raum – sowohl für bürgerschaftliches Engagement wie auch für das Leben auf dem Land an sich.

Anke Knopp

Die Autorin
Dr. Anke Knopp ist Project Manager im Programm „Lebenswerte Kommune“ der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh

Zum Weiterlesen: Unsere Themenseite bietet den Überblick über alle Fachbeiträge der edition “Zukunft für den ländlichen Raum”