Bürger am Steuerrad

Der Bürgerbus Langenlonsheim ist ein Erfolgsmodell: Bürgermeister Michael Cyfka (re.) und der Bürgerbusbeauftragte der Verbandsgemeinde, Ralph Hintz, begrüßen den 3000. Fahrgast. F: VG Langenlonsheim

Für ältere Menschen im ländlichen Raum sind Mobilität und Medienkompetenz die Garanten für soziale Teilhabe. Die demografische Entwicklung sorgt dafür, dass vor allem die Kommunen in ländlichen Regionen neue Wege gehen müssen, um die Daseinsvorsorge und die Infrastruktur zukunftssicher gestalten zu können.

Die Mobilität spielt eine entscheidende Rolle für die Teilhabe von Bürgern am gesellschaftlichen Leben. Gerade für ältere Menschen kann es zum Problem werden, wenn die Nutzung eines Pkw nicht oder nicht mehr möglich ist und das Angebot des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) als Folge einer reduzierten Nachfrage weiter zurückgeht. Hier setzt die Idee der Bürgerbusse an, die sich von England ausgehend zunächst in den Niederlanden verbreitet hat, bevor sie auch in Deutschland populär wurde.

Im Kern geht es darum, dass Bürger für Bürger fahren und auf diese Weise die Lücken in ausgedünnten Verkehrsnetzen schließen. Bürgerbusse dienen jedoch nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung des ÖPNV. Sie transportieren Menschen an Orte, für die ein reguläres Nahverkehrsangebot nicht rentabel wäre. Die Verbandsgemeinde Langenlonsheim im rheinland-pfälzischen Landkreis Bad Kreuznach verfügt sogar über einen Bürgerbusbeauftragten. Ralph Hintz hatte zu Beginn seines Ruhestandes einen Aufruf zur Gründung eines Bürgerbusprojekts im Amtsblatt gelesen. Seitdem führt der ehemalige Geschäftsführer ein Team von 30 ehrenamtlich tätigen Mitstreitern, die sich den Fahrdienst und den Telefondienst teilen.

Um den reibungslosen Ablauf kümmern sich ein Fahrdienstleiter und eine Telefondienstleiterin. „Das Interesse ist von Beginn an groß gewesen“, berichtet Hintz. Seit Juni 2012 bietet der Bürgerbus immer dienstags und freitags sowie am Mittwochvormittag seine Dienste an. Der Erfolg ist ermutigend, doch keineswegs ein Selbstläufer, sondern erfordert eine reibungslose Organisation und ein verlässliches Team. Und es braucht eine Person, die die Fäden zusammenhält und für den Zusammenhalt dieser freiwilligen Helfer sorgt.

Der Bürgerbusbeauftragte übernimmt nicht nur Führungsaufgaben, sondern erledigt auch die Öffentlichkeitsarbeit. Damit vor allem ältere Menschen vom Bürgerbus profitieren können, pflegt er enge Kontakte zu örtlichen Seniorengruppen, aber auch zu niedergelassenen Ärzten und Physiotherapeuten. 80 Prozent der rund 200 Stammkunden sind Frauen ab 65 Jahren. „Durch unser Angebot erhalten sie ein Stück persönlicher Unabhängigkeit zurück“, so Hintz. Arztbesuche, Einkäufe und Veranstaltungen stehen an erster Stelle des Bedarfs. Dass die Ärzteschaft das Projekt von Beginn an unterstützt hat, verwundert nicht, denn durch den Bürgerbus wird mancher Hausbesuch überflüssig. „Wir stimmen uns mit dem Praxisteam ab, wann ein Patient wieder abgeholt werden kann. Das ist für alle Beteiligten ein großer Vorteil.“ Das Angebot ist zwar kostenlos, aber die im Bus installierte Spendenbox ist immer gut gefüllt.

Mobilagenten beraten zum ÖPNV-Angebot

Von diesem Geld werden beispielsweise die regelmäßigen Arbeitsfrühstücke im Rathaus bezahlt oder auch mal ein Ausflug für das ehrenamtliche Bürgerbusteam. „Die Anerkennung des Geleisteten ist wichtig, aber auch der Gemeinschaftsgeist wird bei uns groß geschrieben“, betont Hintz, der in ganz Rheinland-Pfalz ein gefragter Vortragsgast ist und Interessenten in anderen Kommunen bereitwillig an seinen Erfahrungen teilhaben lässt.

Zum Erhalt der Mobilität gehören auch gute Informationen und persönliche Beratung über Fahrpläne und die Tarife von Bus und Bahn. Diese bieten zum Beispiel die Mobilagenten in Ostwestfalen-Lippe, die auf ein langjähriges Engagement zurückblicken können. Schon 1998 wurde in den Kreisen Herford und Minden-Lübbecke auf Initiative der Minden-Herforder Verkehrsgesellschaft (MHV) das Angebot einer mobilen Beratung mit dem Informationsbus „ColumBus“ geschaffen, der bis heute im Einsatz ist.

Im Jahre 2005 bewarb sich die MHV erfolgreich auf eine Projektausschreibung des nordrhein-westfälischen Verkehrsministeriums. Es sollte erprobt werden, ob eine Mobilitätsberatung auf ehrenamtlicher Basis ein praktikabler Ansatz sein könnte, um potenzielle Nutzer des ÖPNV im ländlichen Raum bedarfsgerecht zu unterstützen.

Bereits ein Jahr nach dem Start der dreijährigen Modellphase mit sieben eigens geschulten ehrenamtlichen Beratern wurde der Verein „Mobilagenten im ländlichen Raum“ ins Leben gerufen, der die Initiative über den Abschluss des Projekts hinaus bis heute in Eigenregie weiterführt. Wie Renate Caspary aus dem Team der Mobilagenten schildert, sind 40 Prozent der Anrufer über 60 Jahre alt. Diese wollten vor allem wissen, auf welche Weise sie am schnellsten und günstigsten zum Arzt, zum Krankenhaus oder zu einer Behörde kommen könnten. „Erstaunlich ist, dass die Kenntnisse über das ÖPNV-Angebot teilweise sehr gering sind. Das betrifft sogar den innerörtlichen Busverkehr“, betont Caspary.

Häufig zielten die Fragen auch auf die Bedienung von Fahrkartenautomaten. Neben der persönlichen Beratung bieten die Mobilagenten auch Schulungen für Seniorengruppen an. Auch mit Bürgerbussen arbeiten sie eng zusammen. Inzwischen nutzt ein wachsender Anteil älterer Menschen das Internet zur Auskunft. Dennoch bleibt regelmäßig ein „Problem-Rest“, der zum Teil aufwendige Recherchen erforderte, sagt Renate Caspary. Sie ist sich daher sicher, dass die Hilfe der Mobilagenten auch in Zukunft gefragt ist.

Lernprogramme im Internet

Auch Projekte zur Förderung der Medienkompetenz können ältere Lernende motivieren. Da die Zahl älterer Menschen nicht nur wächst, sondern ihre Interessen sehr heterogen sind, bieten neue Medien und vor allem das Internet ein großes Potenzial zur gesellschaftlichen Teilhabe. Es erleichtert den Zugang zu vielfältigen Informationen und ermöglicht neue Formen des Austauschs mit anderen. Dies ist nicht nur für die sogenannten „Jungen Alten“ attraktiv, sondern auch für immobile Menschen, die an der Schwelle zur Hochaltrigkeit stehen und im ländlichen Raum zuhause sind. Allerdings sollte seitens der Älteren die Bereitschaft vorhanden sein, sich für neue Erfahrungen zu öffnen. Hinzu kommt, dass diese Art des Lernens benutzerfreundlich gestaltet werden muss.

Entsprechend zielte das Projekt „Mobila – Mobiles Lernen im Alter“ darauf, neue Lernangebote sowohl für Gruppen als auch für Einzelpersonen zu entwickeln und im Internet zur Verfügung zu stellen. Das Zentrum für Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung (ZAWIW) der Universität Ulm erhielt als Projektträger von März 2014 bis Februar 2015 Fördermittel aus dem Innovationsfonds vom „Bündnis für Lebenslanges Lernen“ des baden-württembergischen Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport.

Unter dem Motto „Innovative Lehr- und Lernformen“ belegte Mobila im Dezember 2015 den zweiten Platz des Landesweiterbildungspreises 2015. Den Initiatoren war es wichtig, neben unterschiedlichen Weiterbildungs- und Bildungsträgern auch Senioreneinrichtungen und Seniorengruppen im ländlichen Raum zu integrieren. Ein Kernelement bestand darin, zusammen mit weiteren Projektpartnern, wie etwa dem „Netzwerk Senior-Internet – Initiativen BW“, spezielle Webinare auf den Weg zu bringen, um ältere Menschen als ehrenamtliche Multiplikatoren zu qualifizieren.

Diese wurden auf die Aufgabe vorbereitet, eigenständig Lerngruppen zu begleiten oder auch selbst Webinare durchzuführen. Das Projekt stieß auf großen Zuspruch, wie 100 geschulte Multiplikatoren und rund 600 erreichte Lernende belegen. Somit ist es gelungen, neue Wege zu erkunden, mit denen die Medienkompetenz älterer Menschen bedarfsgerecht verbessert werden kann. Nach Auffassung von Projektleiter Markus Marquard sind solche Webinare gerade für ländliche Regionen besonders nachhaltig. „Vor allem für immobile Menschen eröffnen sich neue Bildungschancen.“ Vor allem die Nutzung des mobilen Internets sei für Ältere jedoch keinesfalls selbstverständlich. Zurückführen könne man dies auf technische Hürden und fehlende Anwendungsbeispiele, die das Interesse der Zielgruppe weckten, sagt Marquard. Nicht zuletzt deshalb wird das Projekt auch ohne staatliche Fördermittel fortgeführt.

Michaela Allgeier

Die Autorin
Michaela Allgeier, Essen, ist Autorin und Beraterin in den Themenfeldern Demografische Entwicklung und Gerontologie mit den Schwerpunkten Arbeitsmarkt, Gesundheit und Pflege, Wohnen sowie Integration

Info: Mit dem Projekt „Demografiewerkstatt Kommunen“ (DWK) unterstützt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) die Entwicklung von Handlungsansätzen zur Gestaltung des demografische Wandels. Ausgewählt wurden die Gemeinde Adorf /Vogtland, die Stadt Dortmund, der Landkreis Dithmarschen, der Landkreis Emsland, die Stadt Riesa und der Regionalverband Saarbrücken. Die Gemeinde Grabow startet in einem zeitlich versetzten Beratungsprozess mit dem Ziel, Erfahrungen der anderen Kommunen schon gezielt auf ihre Übertragbarkeit hin überprüfen zu können. Konkret geht es um Lösungsansätze bei der Entwicklung einer altersfreundlichen Kommune oder auch um neue Konzepte zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf. Für das Projekt ist beim Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit in Bielefeld eine Geschäftsstelle eingerichtet.

Zum Weiterlesen: Unsere Themenseite bietet den Überblick über alle Fachbeiträge der edition “Zukunft für den ländlichen Raum”