Brücke in die Zukunft bauen

„Der Doktor ist da“: Zur Fortführung der ärztlichen Versorgung auf dem Land sollten Gemeinden auch die Option einer kommunenübergreifenden Kooperation prüfen. – Foto: Sanders/Fotolia

Landauf, landab gehen in naher Zukunft viele Hausärzte in den Ruhestand. In dieser Situation ist es eine zentrale Aufgabe der Kommunen, die Sicherung der ärztlichen Versorgung zu unterstützen. Die Praxis zeigt, dass bereichsübergreifende Kooperationen von Kreisen, Kassen und Kliniken sinnvoll sind.

Der drohende Ärztemangel auf dem Land ist seit Jahren ein kommunalpolitischer Dauerbrenner. Im Landkreis Stade in Niedersachsen zum Beispiel versucht man, die zukünftigen Versorgungsprobleme durch direkte Ansprache des hausärztlichen Nachwuchses abzuwenden. Um angehende Ärzte mit den Vorteilen des Arbeitens und Lebens in der Region vertraut zu machen, organisieren elf Kommunen und der Landkreis gemeinsam zweiwöchige Praktikumsplätze für Medizinstudenten und ermöglichen ihnen zusätzlich kostenfreie Unterkunft, Verpflegung sowie Freizeitaktivitäten.

Angestoßen hatte diese Initiative mit dem Titel „Landgang“ der „Arbeitskreis Gesundheit“ des Landkreises. Für dieses Projekt, das zunächst bis Ende März 2020 läuft, investieren Kommunen und Landkreis jeweils 3000 Euro pro Jahr (insgesamt 100.000 Euro). Im „Gesundheitsnetzwerk Elbe“ sind ferner die Industrie- und Handelskammer (IHK) Stade, die Hochschule 21 in Buxtehude sowie die Elbe-Kliniken Stade und Buxtehude beteiligt.

Bislang sind zwölf Landärzte mit von der Partie. „Bereits vor dem Projektstart haben sich zwei Praktikanten beworben“, berichtet Susanne Brahmst, Dezernentin für Soziales, Jugend, Familie und Gesundheit. Den gelungenen Auftakt führt sie auch darauf zurück, dass alle Gemeinden an einem Strang ziehen und anstehende Aufgaben flexibel übernommen werden. Das ist nicht selbstverständlich, weil der Handlungsdruck keinesfalls gleich ist.

Satellitenpraxis in Dochtersen

So sucht man in Drochtersen, einer Einheitsgemeinde des Landkreises Stade mit rund 11.300 Einwohnern bereits seit einem Jahr nach einem Nachfolger für eine Hausarztpraxis. Zuvor hatte die Gemeinde sich mit den örtlichen Hausärzten und der Kassenärztlichen Vereinigung beraten. Doch es fand sich bislang niemand, der die Praxis übernehmen wollte. „Das wäre weniger dramatisch, wenn die verbliebenen fünf Hausärzte nicht in den nächsten Jahren ebenfalls in den Ruhestand gingen“, erklärt Bürgermeister Mike Eckhoff.

Immerhin zeichnet sich inzwischen ein alternativer Weg ab. Ein Hausarzt aus einer Nachbargemeinde im Landkreis hat signalisiert, in Drochtersen eine Satellitenpraxis zu eröffnen und zu diesem Zweck einen Arzt einzustellen. „Die Bereitschaft zur Veränderung ist vorhanden“, stellt Eckhoff fest und hofft, dass diese Möglichkeit bald zu einer Lösung führen wird.

Einen besonderen Gestaltungswillen bewies der Gemeinderat im schleswig-holsteinischen Büsum (5000 Einwohner). Denn der Luftkurort im Kreis Dithmarschen an der Nordseeküste hat im Jahr 2015 die Trägerschaft für eine hausärztliche Gemeinschaftspraxis übernommen. Seitdem sind die Ärzte, die zuvor freiberuflich tätig waren, beim Ärztezentrum Büsum, einem Tochterunternehmen der Gemeinde, angestellt. Der Ärztegenossenschaft Nord obliegt die Geschäftsführung.

„Das Durchschnittsalter der fünf niedergelassenen Hausärzte hatte bereits 2013 bei 63,5 Jahren gelegen“, berichtet Harald Stender, Koordinator der Gemeinde Dithmarschen für die ambulante Versorgung. Doch trotz intensiver Suche sei es nicht gelungen, Nachfolger für die Praxen zu finden. Das hat sich inzwischen geändert: Fünf Hausärzte praktizieren zurzeit im Ärztezentrum, davon drei in Teilzeit.

Es gibt einen großen Zulauf an Weiterbildungsassistenten für den Fachbereich der Allgemeinmedizin. Mittlerweile sind zwei beim Ärztezentrum tätig. „Offenbar spricht sich unsere Initiative bei den jungen Ärzten herum und wird zum Selbstläufer“, sagt Stender und fügt hinzu, „Ärzte der nächsten Generation begreifen das Angestelltenverhältnis offenbar als attraktive Alternative zur klassischen Niederlassung.“ Wichtig sei den Bewerbern zudem der kollegiale Zusammenhalt. Davon könnten gerade junge Ärzte profitieren, denen es erleichtert wird, etwa im Falle schwieriger Diagnosen eine Zweitmeinung auf dem kurzen Dienstweg einzuholen.

Mit dem Kommunalen Gesundheitszentrum Büsum entstand 2016 ein ergänzendes Angebot. Zu diesem Zweck wurde in der Nachbarschaft des Ärztehauses ein Neubau errichtet. Dort finden Patienten beispielsweise eine physiologische Praxis, eine Apotheke und einen Pflegedienst. Für die Kommune entstanden dadurch Kosten in Höhe von 3,6 Millionen Euro. Mit 160.000 Euro beteiligte sich die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein an den Baukosten und übernahm außerdem 40.000 Euro zur Erstellung eines Business-Plans.

Es sei gerade für kleine Gemeinden notwendig, so Stender, ihre Aktivitäten enger abzustimmen, um sich auf einen zentralen Standort einigen zu können. Mittels gemeinsamer Anstrengung gelte es, ein Umfeld zu schaffen, das für junge Leute möglichst attraktiv sei. Außerdem müssten die rechtlichen Rahmenbedingungen beachtet werden. „In Büsum werden die Räume nicht kostenlos zur Verfügung gestellt, sondern es wird eine Miete erhoben. Ein Angebot muss im Rahmen eines sogenannten Interessensbekundungsverfahrens transparent an alle potenziellen Interessenten ergehen“, betont er. Im Zweifel sei die Gemeindeordnung des jeweiligen Bundeslandes zurate zu ziehen.

Beratung für bayerische Kommunen

Damit sich die bayerischen Kommunen als strategische Partner der Kassenärztlichen Vereinigung optimal aufstellen können, bietet ihnen das Land ein kostenfreies Beratungsangebot. Das Kommunalbüro für ärztliche Versorgung, das im Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) am Dienstort Nürnberg angesiedelt ist, konnte bereits zahlreiche Kommunen unterstützen.

Beispielsweise führte der Kontakt des Ersten Bürgermeisters der oberpfälzischen Stadt Waldsassen im Landkreis Tirschenreuth dazu, dass Lösungsansätze in Abstimmung mit allen Verantwortlichen entwickelt wurden. Um den Erwartungen der jungen Ärztegeneration entgegenzukommen, wurde unter anderem ein „Dual-Career-Service“ für deren Ehe- und Lebenspartner auf den Weg gebracht.

In der unterfränkischen Gemeinde Schonungen im Landkreis Schweinfurt führte vor allem die Gründung der Projektgruppe „Ärzteversorgung“ im Jahr 2012, die vom Ersten Bürgermeister geleitet wurde und alle Akteure einband, zum Erfolg. Im Sommer 2015 fassten zwei Hausärzte den Entschluss, sich in der Gemeinde niederzulassen.

„Gerade weil es sich um ein komplexes und teilweise auch emotionales Thema handelt, ist eine objektive Planungsgrundlage notwendig “, erklärt Medizinaloberrat Gunnar Geuter vom bayerischen Kommunalbüro für ärztliche Versorgung. Er empfiehlt den Kommunen, sich auf ihre Handlungsoptionen zu konzentrieren und zugleich ressortübergreifend zu agieren. Außerdem komme der interkommunalen Zusammenarbeit ein erhöhter Stellenwert zu. Innerhalb der Gruppe des ärztlichen Nachwuchses erkennt er drei Megatrends: die Anstellung als Alternative zur Freiberuflichkeit, flexible Arbeitszeitmodelle sowie das Arbeiten im Team.

Michaela Allgeier

Die Autorin
Michaela Allgeier, Essen, ist Autorin und Beraterin in den Themenfeldern Demografische Entwicklung und Gerontologie sowie Integration