Bernhard Langenbrinck: Der Blick geht über die Grenzen

Bernhard Langenbrinck: "Das Modell der Gewinnung von Fachkräften aus dem Ausland ist tragfähig und notwendig." - Foto: privat

Städte und Gemeinden werden künftig verstärkt auf ausländische Fachkräfte angewiesen sein. Davon ist Bernhard Langenbrinck, Hauptgeschäftsführer des Kommunalen Arbeitgeberverbands Nordrhein-Westfalen, überzeugt. Das Recruiting im Ausland habe sich bewährt und sollte fortgesetzt werden.

Herr Langenbrinck, der Bund verstärkt wieder seine Bemühungen zur Gewinnung von ausländischen Fachkräften für die heimische Wirtschaft. Wie stellt sich die Personalsituation der Kommunen aktuell dar?

Langenbrinck: Bei vielen kommunalen Arbeitgebern werden aufgrund des demografischen Wandels mittelfristig rund ein Drittel des Personals in den Ruhestand wechseln. Insoweit besteht auch bei kommunalen Verwaltungen und Unternehmen ein nachhaltiger Fachkräftebedarf.

Auch deutsche Kommunen haben vereinzelt schon im Ausland Kampagnen gestartet zur Gewinnung von Fachkräften. Für Sie ein tragfähiges Modell?

Langenbrinck: Ja. Schon jetzt werden bei kommunalen Arbeitgebern ausländische Fachkräfte gewonnen und eingesetzt; das geht von IT-Fachleuten in der Verwaltung über Pflegekräfte in kommunalen Krankenhäusern bis hin zu Busfahrern in kommunalen Nahverkehrsunternehmen. Das Modell der Gewinnung von Fachkräften aus dem Ausland ist dabei nicht nur tragfähig, sondern notwendig. Das im März 2020 in Kraft tretende Fachkräfteeinwanderungsgesetz ist vor diesem Hintergrund zu begrüßen.

Angesichts knapper Ressourcen auf dem Arbeitsmarkt wird jede Kommune ihren eigenen Vorteil suchen. Welche Bedeutung messen Sie einem flächendeckenden kommunalen Tarifsystem bei?

Langenbrinck: Die Notwendigkeit einer flächendeckend funktionierenden Daseinsvorsorge stellt einen Eckpfeiler unserer Gesellschaft dar. Einheitliche flächentarifvertragliche Strukturen haben hier unter anderem den Zweck, einem ungebremsten gegenseitigen Hochschaukeln bei den Beschäftigungsbedingungen und einer gegenseitigen Personalabwerbung der Kommunen, die am Ende niemandem dient, gegenzusteuern. Das bedeutet aber nicht, dass wir gegebenenfalls flexibilisierte Bandbreitenregelungen im Tarifvertrag schaffen, welche dann passgenau auf örtliche Anforderungen zugeschnitten werden können.

Was ist hier konkret möglich?

Langenbrinck: Wir haben schon jetzt eine Reihe von Flexibilisierungselementen bei den öffentlichen Bezahlreglungen, um individuelle Schwerpunkte zu setzen, sei es zum Beispiel über die sogenannte Vorweggewährung von Entgeltstufen, sei es über Möglichkeiten der leistungsorientierten Bezahlung oder die Gewährung von Zulagen zum Zweck der Fachkräftegewinnung und Fachkräftebindung. Auch Fragestellungen individueller Nettolohnoptimierungsmodelle zur Steigerung der Arbeitgeberattraktivität gehören in diesen Diskussionszusammenhang.

Stichwort Ausbildung. Mit welchen Argumenten sollten die kommunalen Arbeitgeber um Nachwuchskräfte werben?

Langenbrinck: Es gibt zahlreiche Gründe, die für eine Beschäftigung im kommunalen öffentlichen Dienst sprechen. Neben dem Aspekt einer sinnstiftenden Arbeit sind Werbeargumente unter anderem die grundsätzlich flexiblen Arbeitszeitbedingungen, welche eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen, die beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten, die Krisenfestigkeit des Arbeitsplatzes, die gesicherte Gehaltszahlung oder auch die betriebliche Altersversorgung.

Nun haben vielleicht gerade junge Menschen noch kaum eine Vorstellung vom Tätigkeitsprofil der Kommunalverwaltung. Sehen Sie Bedarf zur Verbesserung der Informationsarbeit?

Langenbrinck: Das Informationsangebot über einzelne Tätigkeitsfelder ist schon derzeit sehr vielfältig. Neben den klassischen Informationsbroschüren werden die jeweiligen Tätigkeitsprofile zunehmend auch auf kommunalen Homepageportalen mit Imagefilmen anschaulich dargestellt. Hier ist bei der Informationsarbeit aber sicher noch Luft nach oben. Wer sich als Schüler schon einmal orientieren möchte, dem empfehle ich im Übrigen, einmal ein Praktikum als Schnupperkurs in der Kommunalverwaltung durchzuführen.

Was bedeutet die Digitalisierung für das kommunale Personalmanagement? Ergeben sich Effizienzgewinne, zum Beispiel im Bereich automatisierter Recruitingprozesse?

Langenbrinck: Die Digitalisierung von Arbeitsprozessen ist eines der Topthemen bei kommunalen Arbeitgebern vor Ort. Die Digitalisierung kann Effizienzgewinne für die Bürgerinnen und Bürger bringen, zum Beispiel in Gestalt kürzerer Bearbeitungszeiten und -wege. Sie kann aber auch im Sinne der Mitarbeiter modernisierte Arbeitsprozesse unterstützen. In diesem Zusammenhang sind sicher die Chancen zu nennen, die automatisierte Recruitingprozesse mit sich bringen. So kann zum Beispiel die Gewinnung neuer Mitarbeiter über den Weg des mobilen Recruiting mit entsprechend gewünschter zielgenauer Streuung heutzutage schnell und effizient papierlos erfolgen.

Softwareanbieter versprechen, die Verwaltungsmitarbeiter von Routinen zu entlasten, sodass sie sich kreativen und wertschöpfenden Tätigkeiten zuwenden können. Trifft das Ihrer Wahrnehmung nach zu?

Langenbrinck: Die Digitalisierung von Arbeitsprozessen wird sicherlich eine Entlastung der Beschäftigten von Routinetätigkeiten mit sich bringen und Freiräume für die Bearbeitung schwieriger und anspruchsvollerer Tätigkeiten schaffen. Als Beispiele für die Entlastung bei Routinearbeiten können aktuell die digitalen Prozesse im Rahmen von An- und Abmeldungen beim Einwohnermeldeamt, bei der Kfz-Zulassung, bei der Bearbeitung von kommunalen Steuern und Beiträgen oder der Bearbeitung von Beihilfeanträgen genannt werden.

Die Lebensarbeitszeit verlängert sich. Wie ist es um das betriebliche Gesundheitsmanagement kommunaler Arbeitgeber bestellt?

Langenbrinck: Das betriebliche Gesundheitsmanagement ist in den letzten Jahren gerade aufgrund der allgemeinen demografischen Situation verstärkt in den Fokus kommunaler Arbeitgeber gerückt. Das Ziel, gesunde und alternsgerechte Arbeitsbedingungen vorzuhalten, um eine längere Lebensarbeitszeit der Beschäftigten zu fördern, ist sowohl im Sinne der Arbeitgeber als auch der Beschäftigten. Das ist zwischenzeitlich allerorts anerkannt, gerade auch bei den Führungskräften. Diesen kommt insofern auch eine wichtige Katalysatorfunktion zu, wenn ein Gesundheitsmanagementkonzept vor Ort passgenau wirken soll.

Interview: Jörg Benzing

Zur Person: Dr. Bernhard Langenbrinck (Jg. 1964) ist Hauptgeschäftsführer des Kommunalen Arbeitgeberverbands Nordrhein-Westfalen (KAV NW) in Wuppertal