Barbara Stamm: „Wir müssen den Frauen Lust auf politische Gestaltung machen“

Barbara Stamm: „Frauen müssen sich trauen und Macht einfordern.“ – Foto: Bayerischer Landtag

„Frauen dürfen nicht vor der Macht zurückschrecken.“ Das sagt Barbara Stamm, ehemalige Landtagspräsidentin in Bayern. Ein Gespräch über Erfahrungen, Strategien und Gestaltungsmacht als Frau in der Politik vor den Kommunalwahlen in Bayern am 15. März 2020.

Frau Stamm, was am Oberbürgermeisteramt hat Sie besonders gereizt, als Sie 1990 in Würzburg angetreten sind?

Stamm: Mir hat generell die Stadtratsarbeit vor Ort viel Freude bereitet: Nah am Geschehen, in der direkten Begegnung mit den Menschen und in der Übersichtlichkeit und Intensität der konkreten Themen. Eine Stadt mit den Menschen gemeinsam zu gestalten und zu entwickeln, hat mich sehr gereizt. Ich schätze die Nähe zu den Menschen und habe sie in allen meinen Ämtern und Funktionen immer gesucht. Tagsüber Gespräche, die Akten dann in den Abendstunden.

Was sagen Sie Frauen, die überlegen anzutreten?

Stamm: Durchatmen und antreten! Frauen müssen sich bemerkbarer machen. Sie müssen zeigen, wir sind da! Mit viel Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein an Politik herangehen. Und Macht anstreben: Macht im Sinne von Verantwortung den anderen gegenüber, ausgehend von der Würde des Menschen. Aber ohne Macht geht eben nichts. Macht im guten Sinne ist ein Instrument, um verantwortungsvoll zu arbeiten. Davor dürfen Frauen nicht zurückschrecken.

Denken Sie, dass Frauen im (Ober)Bürgermeisteramt andere Akzente setzen als Männer? Wieso brauchen wir überhaupt mehr als zehn Prozent (Ober-)Bürgermeisterinnen?

Stamm: Ich erlebe, dass Frauen andere Akzente setzen. Das heißt nicht, dass sie alles besser machen. Aber sie ergänzen Politik und die Gestaltung der Kommunen um ihre Erfahrungen. Die Bandbreite der Themen wächst. Beispiel Pflege: Wenn ich selbst Angehörige pflege oder gepflegt habe, blicke ich anders auf das, was Beschäftigte in Pflegeberufen tun und benötigen. Ich bringe zusätzliche Aspekte in die politischen Entscheidungsprozesse ein. Ich weiß aber auch konkret aus Erfahrung, was Ältere oder kranke Menschen in meiner Stadt brauchen, um dort gut leben zu können und gut versorgt zu sein. Das bereichert.

Kommunizieren Frauen nicht auch anders als Männer?

Stamm: Auch der Stil und Umgang in Politik und Kommune kann sich ändern. Frauen sagt man eine spezifische Kommunikationsfähigkeit nach. So habe ich schon immer zu Runden Tischen eingeladen und diese moderiert: Alle, wirklich alle, die von einem Thema tangiert waren, mussten dabei sein. So konnten die Schnittstellen bei strittigen Themen herausgearbeitet und Kompromisse gefunden werden. Mein Motto war immer: „Wir sind hier beieinander, um auszuloten, was geht. Und nicht um darüber zu sprechen, was alles nicht geht. Das ist im Vorfeld schon ausreichend geschehen.“ So konnte ich viele Probleme lösen. Solche Fähigkeiten können Frauen in Spitzenfunktionen gut einbringen.

Wie kann erreicht werden, dass mehr Frauen kandidieren?

Stamm: Es ist grundsätzlich wichtig, dass Menschen für politische Ämter kandidieren und ihre Fähigkeiten, ihr Wissen und ihre Vielfalt einbringen. Das gilt für Frauen und Männer gleichermaßen. Heute müssen wir als Verantwortliche in Parteien und Kommunen uns stärker bemühen, genauer hinschauen und mögliche Kandidatinnen und Kandidaten umfassender ansprechen. Gerade Frauen müssen ermutigt werden.

Haben Sie einen konkreten Rat?

Stamm: Ein zentrales Mittel ist Mentoring: Erfahrungen weiterzugeben, mit Rat zu unterstützen, Hintergrundwissen zu vermitteln – das stärkt interessierte Frauen. Ich habe und hatte immer Mentees, die ich ein Stück begleitet habe. Im Landtag habe ich mich kontinuierlich für Praktikantinnen und Praktikanten bei den Abgeordneten und in der Landtagsverwaltung eingesetzt. Diese Aufgabe fällt in der Kommune dem Oberbürgermeister oder der Oberbürgermeisterin zu. Das muss von oben gewollt und gestaltet werden. Da liegt die Verantwortung. Wir müssen den Frauen Lust auf politische Gestaltung machen. Und ihnen ihre Verantwortung bewusstmachen. Darüber hinaus benötigen wir generell eine bessere und umfassendere politische Bildung: Grundkenntnisse über Demokratie, die Bayerische Verfassung und wie ein Parlament konkret arbeitet.

Was müssen Parteien, politische Vereinigungen, Städte-, Gemeinde- und Landkreistage oder Parlamente auf allen Ebenen dafür anders machen als bisher?

Stamm: Das Sichtbarmachen von Frauen in politischen Spitzenämtern ist eine Kernaufgabe. Bei der Besetzung von Gremien, Listen und Podien müssen die Verantwortlichen – Frauen wie Männer – darauf achten, dass nicht nur eine oder wenige Alibifrauen zu sehen sind, sondern dass das vorhandene Potenzial voll ausgeschöpft wird. Wir müssen diejenigen unterstützen, bei denen wir sehen, die tun der Kommune gut und schauen, wo wir jemanden Herausragenden haben. Frauen finden wir oft im vorpolitischen Feld. Sie müssen wir ansprechen und gewinnen. Wir in den Spitzenfunktionen müssen darauf aufmerksam machen, wenn zu wenige Frauen vorgeschlagen oder sichtbar werden. Wir können Veranstaltungen mit reinen Männerpodien boykottieren oder Vorschlagslisten mit nur wenigen Frauen ablehnen. Journalistinnen sollten keine Podien mehr moderieren, auf denen nur eine Frau vorkommt. Es sind heute genügend gute Frauen vorhanden. Und die engagierten Frauen müssen das auch wollen: Sichtbar sein und sich öffentlich darstellen. Und hier sehe ich eine Verantwortung des Städte-, Gemeinde- und Landkreistages: Die Gruppe der (Ober-)Bürgermeisterinnen in Bayern sichtbar zu machen. Als Berufsgruppe, als reelle Berufsoption für engagierte Frauen. Die Amtsinhaberinnen müssen sich gut vernetzen. Am besten über die politischen Ebenen hinweg – und mit den Männern, die eine angemessen Beteiligung von Frauen an Kommunalpolitik für selbstverständlich halten.

Was sollten Frauen anders machen als bisher?

Stamm: Weniger kritisch mit sich selbst und anderen Frauen umgehen. Sich Ämter und Machtgestaltung zutrauen. Man muss nicht schon alles können und mitbringen, bevor man kandidiert. Man kann und darf in ein Amt auch hineinwachsen. Mit dem Zögern und dem hohen Anspruch an sich selbst, stehen sich Frauen auch im Weg. Und ganz wichtig: Sich vernetzen. Lobbyarbeit in Sachen „Mehr Frauen in Führung“. Der Austausch untereinander stärkt. Und die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Frauen und Männern.

Wie muss das (Ober-)Bürgermeisteramt künftig ausgestaltet sein, um überhaupt noch qualifizierten Nachwuchs zu gewinnen?

Stamm: Sitzungszeiten und Sitzungskultur in der Politik schrecken Frauen durchaus ab. Auch die umfassende Verfügbarkeit und die Arbeitszeiten rund um die Uhr werden als Belastung angesehen – nicht nur von Frauen. Alle in der Politik sollten anfangen, offen damit umzugehen, wenn Termine im privaten Bereich anstehen: Nicht mehr als Floskel sagen „ich habe noch andere Verpflichtungen“. Das wäre schon ein erster großer Schritt. Zudem Jobsharing auf allen Führungsebenen nicht nur zu diskutieren, sondern zuzulassen und zu fördern. Man muss Dinge probieren und praktizieren, statt zu erklären, was alles angeblich nicht geht. Unsere Gesetze lassen hier bereits genügend Spielraum, der aber von den Verantwortlichen oft nicht zugestanden oder genutzt wird.

Was ist Ihr Fazit zu der Frage, wie wir mehr Frauen in politische Führungsfunktionen bekommen?

Stamm: Mein Fazit aus meiner politischen Laufbahn als Frau in Führungsämtern hat zwei Botschaften. Die eine Botschaft lautet: „Man darf nicht müde werden“. Köpfe und Kultur in der Politik müssen sich bewegen, Frauen müssen sich trauen und Macht einfordern. Die andere Botschaft lautet: „Geduld haben wir genug gehabt!“. Wir als Gesellschaft müssen nun endlich verstehen, dass wir Frauen gleichberechtigt einbinden und ihr Potenzial nutzen müssen. Wir brauchen dringend ihre Erfahrungen, ihr Können und ihr Wissen. Wir können darauf nicht verzichten. Darum an alle: „Hört auf zu lamentieren, nutzt eure Chance!“

Interview: Hanne Weisensee

Zur Person: Die CSU-Politikerin Barbara Stamm (Jg. 1944) war von 2008 bis 2018 Landtagspräsidentin in Bayern

Die Interviewerin
Dr. Hanne Weisensee betreibt das Beratungsbüro Weisensee Politikcoach in Berlin und Bamberg

Zum Weiterlesen: „Frauen gehen in Führung“ – Politikberaterin Hanne Weisensee benennt in ihrem Beitrag die Qualität weiblicher Führungsarbeit. Sie zeigt auf, was erforderlich ist, damit Veränderungen in Gang kommen, und appelliert an die Frauen, sich Führung zuzutrauen.

Literatur: Bürgermeisterin werden – Fahrplan ins Amt. Praxistipps und Coachingtools, Hanne Weisensee, Richard Boorberg Verlag, Stuttgart, 2019, 182 S., 39 Euro (ISBN 978-3-415-06536-9)