Arbeit, die Sinn stiftet

Müllwerker: Die kommunalen Entsorgungsbetriebe zählen vielerorts zu den beliebtesten Arbeitgebern. Aufgabe der Unternehmen ist es, die vielfältigen beruflichen Möglichkeiten besser zu kommunizieren. Foto: BSR

Die Gewährleistung der Entsorgungssicherheit wird nach Ansicht von Alexander Gosten, Vorstandssprecher der Deutschen Gesellschaft für Abfallwirtschaft, verstärkt als ein hohes Gut erkannt. Gleichwohl, so sagt er, muss die Branche sich mehr anstrengen, die richtigen Bewerber zu bekommen.

Herr Dr. Gosten, die Mitarbeiter der Müllabfuhr haben in den vergangenen Wochen Anerkennung erfahren wie sonst nur an Weihnachten …

Gosten: Im Grunde bedauerlich, dass es dazu einer Krise bedarf. Vielen Bürgern ist wieder bewusst geworden, dass neben der Versorgung auch die Entsorgung zu den elementaren Dienstleistungen unserer Gesellschaft gehört. Die kommunalen Entsorgungsbetriebe zählen vielerorts zu den beliebtesten Arbeitgebern, und viele Bürger wissen die Bedeutung und die Leistung der Belegschaft auch in normalen Zeiten sehr zu schätzen. Ein Umdenken scheint mir eher in Teilen der Politik und der gesellschaftlichen Eliten einzusetzen. In diesen Kreisen wird die Müllabfuhr eher als schlichte altmodische körperliche Arbeit abgetan, weil unterstellt wird, dass schon alles recycelt würde und das Wort „Abfall“ aus dem Duden bald gestrichen wird. Jetzt wird die tägliche Gewährleistung der Entsorgungssicherheit nach meiner Einschätzung wieder verstärkt als ein hohes Gut erkannt, das nicht selbstverständlich in unserer globalisierten Welt ist.

Zeigt sich die Systemrelevanz der Kreislauf- und Abfallwirtschaft in einer entsprechenden Stellennachfrage? Wie ist die Personalsituation der kommunalen und privaten Unternehmen der Branche?

Gosten: Grundsätzlich zählen viele Entsorgungsbetriebe in ihren Regionen als krisenfeste und gute Arbeitgeber. Viele Betriebe erhalten Initiativbewerbungen in großer Zahl. Natürlich kommt auch viel Nachwuchs aus den eigenen Reihen. Gleichwohl gibt es in Deutschland auch einen Mangel an bestimmten Qualifikationen, den auch die Entsorgungswirtschaft bemerkt. Die Entsorgungswirtschaft ist auch nicht so schick wie Porsche oder Google. Das heißt, für bestimmte Nachwuchskräfte ist die Entsorgungswirtschaft nicht attraktiv, zumal die Branche mit Gestank und zum Teil schwerer körperlicher Arbeit assoziiert wird. Insgesamt muss sich die Branche, wie viele Branchen, mehr anstrengen, die richtigen Bewerber zu bekommen, und muss aufzeigen, dass sie sehr vielfältig ist.

Stichwort demografischer Wandel: Was lassen die Unternehmen sich einfallen, um Nachwuchs zu gewinnen?

Gosten: Je nach Region und Unternehmen steht ein Strauß von Maßnahmen zur Verfügung. Es beginnt mit guten Angeboten für Auszubildende und junge Studierende. Eine gute Arbeitgebermarke muss entwickelt und gepflegt werden. Es werden gezielt Personengruppen angesprochen, die sich in der Vergangenheit vielleicht nicht direkt angesprochen gefühlt haben. Die vielfältigen Aufgaben und beruflichen Möglichkeiten müssen mehr verdeutlicht werden. Die Aufgaben sind heute viel komplexer als in der Vergangenheit. Dies ist leider in der Bevölkerung noch nicht vollständig im Bewusstsein angekommen.

Wie gelingt es zum Beispiel der Berliner Stadtreinigung, auf die berufliche Vielfalt der Abfallwirtschaft aufmerksam zu machen?

Gosten: Traditionell hat die BSR deutlich mehr Bewerbungen als Ausbildungsplätze. Dennoch ist die Präsenz auf Messen und Großveranstaltungen und die kontinuierliche Pflege und Weiterentwicklung der Arbeitgebermarke eine Daueraufgabe für die kommunalen Dienstleistungsunternehmen. Je nach Region muss der „richtige Ton“ getroffen und das „richtige Image“ angesprochen werden.

Die Abfallentsorgung dient unmittelbar dem Umweltschutz und dem Gemeinwohl. Welche Bedeutung spielen diese Werte Ihrer Wahrnehmung nach bei der Berufswahl junger Menschen?

Gosten: Diese Begriffe sind nach meiner persönlichen Erfahrung viel zu abstrakt und spielen nur bei ganz jungen Studierenden eine größere Rolle. Begegnet ist mir öfters die bewusste Entscheidung, für ein Kommunalunternehmen zu arbeiten, das zuerst allen Bürgern und dem Umweltschutz verpflichtet ist. Diese bewusste Verpflichtung hat für einige junge Menschen einen sinnstiftenden Wert.

Spielt der berufliche Quereinstieg in die Abfallwirtschaft eine Rolle für das Personalmanagement der Branche? Werden entsprechende Qualifizierungsprogramme aufgelegt?

Gosten: Ich habe viele Quereinsteiger erlebt, die nur die Branche, nicht aber ihren eigentlichen Beruf gewechselt haben. Ist ein Elektriker, Schlosser, Baggerfahrer oder Ingenieur wirklich ein Quereinsteiger? In der Branche gibt es Landwirte, Chemiker, ehemalige Zeitsoldaten und so weiter. Ich kenne persönlich auch einen ehemaligen Ausbilder von Sternekoch Tim Raue, der in einer Führungsposition außerhalb der Kantine tätig ist. Das gilt auch für einen ehemaligen Lufthansakoch, der Personalvorstand in einer Entsorgungsfirma geworden ist.

Die Berufe der Abfallerfassung und -verwertung und Stadtreinigung sind körperlich anstrengend. Inwieweit können die Arbeitgeber für Erleichterung sorgen?

Gosten: Ein erheblicher Teil der Belegschaft ist inzwischen mit Tätigkeiten befasst, die keine besondere körperliche Anstrengung erfordern. In bestimmten Bereichen wird der körperliche Einsatz aber sicher noch eine Weile erhalten bleiben. Wir sind ständig dabei, die Arbeitsorganisation und die technischen Hilfsmittel zu verbessern und es gibt schon Ideen, wie diese belastenden Tätigkeiten zukünftig weiter reduziert werden können.

Interview: Jörg Benzing

Zur Person
Dr.-Ing. Alexander Gosten (Jg. 1959) ist Vorstandssprecher der Deutschen Gesellschaft für Abfallwirtschaft (DGAW, www.dgaw.de), Berlin, sowie Prokurist und Geschäftseinheitenleiter Abfallbehandlung/Stoffstrommanagement der Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR, www.bsr.de)