Mensch und Elektronik teilen sich die Arbeit

Buchstäblich Hand in Hand im Führerhaus des Kommunalfahrzeugs: Die Steuerkomponenten Joystick und Bildschirm des Systems M-Control sind miteinander vernetzt. Foto: Mulag

Die Digitalisierung der Kommunaltechnik schreitet voran. Nach dem Basisfahrzeug kommt nun das Anbaugerät an die Reihe, wenn auch noch nicht mit derselben durchgreifenden Konsequenz. Unser Autor hat sich auf der Fachmesse IFAT umgesehen und stellt die aktuellen Trends vor.

Digitale Systeme sind in kommunaltechnischen Fahrzeugen nichts Neues. Lkw oder Geräteträger sind elektronisch vernetzt mit den Anbaugeräten, immer bessere Displays haben die Anwendung beim Fahren und beim Arbeiten erleichtert. Mehr und mehr tragen jetzt auch die Geräte selbst zu schneller und sicherer Arbeit bei. Statt Drehknöpfe auf dem Bedienpult im Blick behalten zu müssen, genügt in bestimmten Situationen der schnelle Tastendruck im Display.

Brandneu zur Fachmesse IFAT in diesem Jahr eingeführt, geht die Gerätesteuerung M-Control von Mulag stark in diese Richtung. Zum Regeln aller Funktionen eines angebauten Mähgeräts genügt eine Hand am Joystick, dazu informiert das Bediener-Infosystem via Kleinbildschirm über die eingeschalteten Funktionen. Und wenn die Arbeit getan ist, lassen sich alle Daten der Tour zur weiteren Verwendung ablesen, bis jetzt noch übertragen über einen Stick. Hier liegt noch großes Potenzial. Ein künftiges Ziel besteht darin, Betriebsdaten zu erfassen und synchron zu übertragen, um Verschleiß und Schäden so frühzeitig zu erkennen, dass eine Auswechslung, zum Beispiel der Messer im Mähkopf, erfolgen kann, bevor das Gerät stehen bleibt. Im Lkw gibt es das schon seit über 15 Jahren.

Eine ähnliche Arbeitsteilung hat Faun in der Lkw-Aufbaukehrmaschine Viajet Streamline installiert. Das jetzt vorgestellte modulare Cockpit besteht aus einem Bedienteil zum Einschalten von Wasserzufuhr, Luftdruck und der Besen, über den Bildschirm werden die Feinheiten reguliert. Die Daten aus Lkw und Aufbau liefert der CAN-Datenbus.

Mobile Datenerfassung

Das Aufzeichnen und Dokumentieren von Winterdienststrecken ist längst überall vertraut, wenn auch nicht unbedingt überall eingeführt. Software-Entwickler berichten von zum Teil großen Vorbehalten bei kommunalen Beschaffern, ohne dass diese es deutlich artikulieren. Geht es hier um Angst vor Überwachung bei Bauhofmitarbeitern und Personalräten? Davon unabhängig haben auch solche Netzwerke einen neuen Standard erreicht mit der Etablierung des Smartphones. Und nach den Programmen für den Winterdienst kommt nun der Sommerdienst an die Reihe.

Das Softwarehaus Agilogik, das schon mit seiner Winterdienst-App eine kommunale Anwendung entwickelt hat, nutzt deren Grundlagen auch für Sommerarbeiten. Exaktes Kartenmaterial, spezielle Streckendaten, Einsatz des Smartphones oder schriftliche Eintragungen des Kontrolleurs zur Datenübertragung auf den Bauhofcomputer bilden die Basis. Das Smartphone funktioniert natürlich auch bei fußläufigen Arbeiten wie der Kontrolle von Geh- oder Radwegen, Überprüfung von Hydranten oder Sinkkästen oder bei der Einschätzung von Sturmschäden an Bäumen. Alle Beobachtungen lassen sich auf der Karte markieren, Fotos können hinzukommen und Notizen. Die Daten landen über den Server auf dem Computer des Amtes, das die Arbeiten veranlassen und dokumentieren kann.

Ähnlich arbeitet der „Infra Green Report“ und „Winter Report“ von DMi, einem niederländischen Softwareentwickler aus der Aebi-Schmidt-Gruppe (ASH). Die Daten werden mit dem Smartphone, Tablet und auch dem Datenerfassungsgerät am Fahrzeug gesammelt und stehen sofort zur Verfügung, einschließlich Anmerkungen und Fotos. Ein Abgleich mit früheren Berichten erlaubt Rückschlüsse beispielsweise auf den Zeitraum einer Verschmutzung. Bislang arbeitet das System nach der einmal eingespeicherten Programmierung. Diese stammt von einer speziellen Erfassungsfahrt. Nächster Schritt soll hier sein, Daten der programmierten Strecke auch vom Büro aus ändern zu können.

Elektronisch Hilfen für kommunale Anwendungen gibt es auch in den Basisfahrzeugen. So hat Mercedes-Benz für den Unimog bei der auf Wunsch lieferbaren Reifendruckregelanlage – sie wird für weichen Untergrund gebraucht, um den Boden zu schonen – die Bedienung drastisch vereinfacht. Der Fahrer muss nicht mehr abschätzen, welchen Reifendruck er während der Fahrt einstellen soll, sondern er tippt auf dem Display eine der drei Möglichkeiten „Straße“, „Sand“ oder „Schlechtweg“ an.

Der Econic von Mercedes hat ein neues Totwinkel-Kamerasystem. Die passenden Bilder spielen sich von selbst ein, beim Anfahren die aus dem Bereich unmittelbar vor der Stoßstange und beim Abbiegen Aufnahmen der seitlichen Fläche – das klappt auch bei ungünstigen Sichtverhältnissen. Letztlich profitieren die Bauhöfe wie alle anderen Anwender von der hoch entwickelten Sicherheitstechnik ganz neuer Lkw-Modelle. Bremsassistent, Abstandshalter mit Notbremsfunktion oder Spurhalteassistent nutzen im Ernstfall auch dem Bauhof-Lkw, wenngleich das Unfallrisiko wegen der im Vergleich zum Fernverkehrslastwagen wesentlich kürzeren Strecken geringer ausfällt. Ganz konkreten Schutz bietet die Notbremsfunktion bei der Baustellenabsicherung. Ein so ausgerüsteter Lkw stoppt von selbst ab, wenn vom Fahrer beim Annähern keine Reaktion kommt.

Was bringt die absehbare Zukunft? Fährt dann der Geräteträger mit Randstreifenmähgerät google-map-gesteuert und vollautomatisch? Nein, sagen die Gerätehersteller dazu. Böschungen, Gräben und Vegetation lassen sich nicht erfassen und programmieren wie eine glatte Straße. Stimmt aber die individuelle Programmierung für den konkreten Arbeitsauftrag vor Ort, ist heute schon ein Mähfahrzeug wie der Aebi Terratrac – analog zum kleinen ferngesteuerten Rasenmäher im Garten – zwar unter Aufsicht, aber ohne Fahrer unterwegs.

Kommt die Drohne oder das am Lkw montierte Kamerasystem, das die Schäden im Radweg selbstständig feststellt und den Reparaturvorgang automatisch auslöst? Theoretisch nicht ausgeschlossen, sagen die Softwarespezialisten, allerdings müssten sich dazu die Strukturen der Bauhöfe ändern. Die Programmierer warten jetzt erst einmal auf den PC mit Android-Technik aus dem Smartphone. Das soll die Endgeräte verkleinern, die Speicherkapazitäten vergrößern und die Anschaffungskosten stark senken. Das bedeutet eine neue Vernetzung und ein Schritt zum Internet der Dinge (Industrie 4.0), das Datenfluss und handfeste Arbeit vernetzen soll.

Matthias Röcke

Der Autor
Matthias Röcke, Sinzig, ist freier Journalist mit Schwerpunkt Technik