Science-Fiction war gestern

Lernen mit dem Tablet: Der Umgang mit digitalen Technologien und der Aufbau von IT-Kompetenzen müssen in die Lehrpläne der Schulen aufgenommen werden. - Foto: Iakobchuk/Adobe Stock

Die Digitalisierung verändert Wirtschaft, Alltag – und Bildung. Darauf müssen die Schulen vorbereitet sein. Das gelingt am besten, wenn Bund, Länder und Kommunen gemeinsam die technischen und personellen Voraussetzungen für Lernformen wie das Blended Learning schaffen.

Die digitale Revolution ist in vollem Gang. Seit den 1990er-Jahren hat das Internet Wirtschaft und Gesellschaft zusehends verändert. In den 2020er-Jahren wird es zu einem weiteren elementaren Bruch kommen. Industrienationen wie Deutschland werden flächendeckend Veränderungen erfahren, wie wir sie früher nur aus Science-Fiction-Filmen kannten: Robotik, Automatisierung, lernende Maschinen und starke Künstliche Intelligenz halten Einzug in alle Wirtschafts- und Dienstleistungssektoren. Und auch in unserem Zuhause oder im Auto werden digitalisierte Anwendungen zur Normalität. Der flächendeckende Ausbau der Glasfaserinfrastruktur legt die Grundlage für die digitalen Anwendungen der kommenden Jahre.

Die Bandbreite beim Up- und Download limitiert die Möglichkeiten der digitalen Anwendungen. DSL gewährt uns bis heute Bandbreiten im unteren Megabit-Bereich. Im Privaten ermöglicht dies etwa das Streamen von Filmen oder Video-Anrufe. In der Wirtschaft ist mittlerweile der Großteil des industriellen Austauschs automatisiert und vernetzt. Zulieferung, Produktion, Vertrieb, Logistik, Finanzen, Buchhaltung – alle Bereiche der Wertschöpfungskette sind online und laufen digital.

Mit der neuen Glasfaserinfrastruktur befinden wir uns bald im Gigabit-Bereich. Die Möglichkeiten der digitalen Anwendungen sind so bahnbrechend, dass Soziologen von „disruptiven Technologien“ sprechen, die einen ähnlichen Bruch in der Wirtschaftsgeschichte erzeugen werden wie einst Webstuhl, Dampfmaschine, Elektrizität oder das Internet. Doch nicht nur den Industriezentren und Großstädten stehen Umwälzungen bevor, sondern gerade auch der ländliche Raum kann in der nahen Zukunft von den digitalen Anwendungen profitieren und große Entfernungen in Lichtgeschwindigkeit überbrücken.

Veränderungen im Bildungssektor

Vor allem im Bildungssektor wird die Digitalisierung massive Veränderungen mit sich bringen. Einerseits, weil unsere Kinder in der Schule auf das spätere digitalisierte Berufsleben vorbereitet werden müssen. Andererseits, weil sich das Lernen an sich digitalisieren muss. Die Bundesregierung will mit dem „Digitalpakt Schule“ daher über fünf Milliarden Euro für die Bundesländer bereitstellen, damit diese in digitale Bildung investieren können. Doch wie soll das genau aussehen?

In einer modernen Schule werden die Grundlagen für einen sicheren Umgang mit digitalen Medien gelegt. Kompetenzen wie der vorsichtige Umgang mit den eigenen Daten im Netz, das Identifizieren von verlässlichen Informationsquellen und die sichere Kommunikation über digitale Kanäle sind heute Voraussetzungen für den Start in die Berufswelt.

Gleichzeitig können digitale Lernwerkzeuge wie Apps, Smartboards und Übungssoftware den Schülern helfen, sich Wissen anzueignen und zu festigen – individuell angepasst an das eigene Lerntempo. Dazu benötigten die Schulen einen schnellen Internetzugang für alle Klassen und digital-kompetentes Personal. Der Fokus darf also nicht nur auf der Beschaffung der innovativen Bildungsmedien liegen, sondern auch auf der Aus- und Weiterbildung der Lehrer. Zudem werden Schulen in Zukunft IT-Experten brauchen, die die Administration der digitalen Unterrichtsmaterialien übernehmen.

Der Einsatz moderner Technik allein bedeutet bei einem hochgradig sozialen und individuellen Prozess wie dem Lernen noch keinen Fortschritt. Wir benötigen daher neue pädagogische Konzepte für E-Learning-Angebote. Neben der virtuellen Lernsituation muss die reale Präsenz zwischen Schülern und Lehrern neu gestaltet werden, um nachhaltige Lernergebnisse zu generieren. Dieser hybride Lernansatz, das Blended Learning, verbindet die Effektivität und die sozialen Möglichkeiten des Lernens in Gruppen und Klassenzimmern mit den Chancen, die Online-Plattformen für die Aufbereitung von Lerninhalten bieten.

Drei Varianten des Blended Learnings muss in Zukunft jeder Lehrer lernen und verinnerlichen:

  • 1. Anreicherungskonzept: Präsenzveranstaltungen werden durch den Einsatz neuer Medien angereichert. Dies geschieht bereits, wenn eine Powerpoint-Präsentation zum Einsatz kommt oder Visualisierungen und rechnergestützte Simulationen genutzt werden. Auch die Nutzung digitaler Begleitmaterialien, beispielsweise Skripte, fällt in diesen Bereich.

  • 2. Integratives Konzept: Präsenzphasen und Phasen virtuellen Lernens wechseln sich ab. Das didaktische Konzept und die Lerninhalte sind so abgestimmt, dass E-Learning und Präsenzanteile gleichwertig ineinandergreifen.

  • 3. Konzept virtueller Lehre: Alle Lerninhalte werden virtuell angeboten und vollzogen. Das E-Learning dominiert also klar. Dennoch haben auch diese Formate, beispielsweise an Hochschulen oder in Unternehmen, oft noch einen geringen Präsenzanteil. So werden Phasen der Organisation zu Beginn von Lernreihen oder auch die Auswertung am Ende häufig face-to-face durchgeführt.

Um die deutschen Schulen zu digitalen Schulen zu machen, müssen Bund und Länder an einem Strang ziehen. Statt der bisher unkoordinierten „Bildungsrevolution“ brauchen wir schnell eine „Bildungsevolution“, wie es Wissenschaftler treffend fordern. Erst wenn in allen Bildungseinrichtungen die technischen und personellen Vorausetzungen erfüllt und die innovativen Lernmedien anerkannt und zugelassen sind, wird das digitale Lernen zur Realität. Notwendig sind hierfür einheitliche Prozesse für die Beschaffung, Verwaltung und Nutzung von digitalen Bildungsmedien in Schulen. Dafür müssen Bund, Länder und Kommunen zusammenarbeiten.

Weder zwischen den einzelnen Bundesländern darf es eine digitale Kluft geben, noch zwischen Stadt und Land. Eine Harmonisierung der digitalen Bildung stärkt flächendeckend die Chancen der Kinder und steht für einen starken und funktionsfähigen Föderalismus.

Tim Brauckmüller

Der Autor
Tim Brauckmüller ist geschäftsführender Gesellschafter des Beratungsunternehmens Atenekom. Das Unternehmen beschäftigt sich im Auftrag der öffentlichen Hand mit Infrastruktur- und Regionalentwicklung speziell für den ländlichen Raum, ist Projektträger des Bundesförderprogramms für den Breitbandausbau des Bundesverkehrsministeriums und Betreiber des Breitbandbüros des Bundes

Info: Das braucht die digitale Bildungsevolution

  • 1. Der Umgang mit digitalen Technologien und der Aufbau von IT-Kompetenzen müssen in die Lehrpläne der Schulen und Berufsschulen und die Studienordnungen der Hochschulen aufgenommen werden.

  • 2. Zwischen Digitalisierungsexperten und Schulbuchverlagen müssen Kooperationen gefördert werden, um praxisnahe digitale Lernmaterialien erstellen zu können.

  • 3. Jede Schulform hat eigene Ansprüche an Medienkompetenz und digitale Ausstattung. Daher müssen für jede Schulform eigene Konzepte und Ziele für digitales Lernen entwickelt werden.

  • 4. Wir brauchen einen Berufsschulpakt, der nicht nur die Ausstattung mit digitalen Lerntools finanziert, sondern die Lehrkräfte im dualen Ausbildungssystem besonders stärkt.

  • 5. Eine nationale Instanz muss Vorschläge zur Basis-IT-Infrastruktur, Support, Datenschutz und -sicherheit sowie Lernkonzepte und -inhalte an Bildungseinrichtungen unterbreiten.

  • 6. An jeder Bildungseinrichtung muss mindestens eine Lehrkraft für die Konzipierung, Umsetzung und Aktualisierung von digitalen Inhalten zuständig sein.

  • 7. Für jede Bildungseinrichtung muss der Support und die Instandhaltung von Geräten und Software professionell geregelt werden, damit die Lehrkräfte auch Zeit für die Lehre haben.

  • 8. Eine Aus- und Weiterbildung des Lehrpersonals hinsichtlich des digitalen Lernens ist unerlässlich.

  • 9. Bund, Länder und Kommunen müssen zusammenarbeiten und einheitliche Prozesse für die Beschaffung, Verwaltung und Nutzung von digitalen Bildungsmedien in Schulen definieren.

  • 10. Wir müssen die Schulträger gerade im ländlichen Raum konzeptionell unterstützen.

Tim Brauckmüller

Info: Der Einsatz digitaler Technologien in der Schule ist absolut notwendig, um die Schüler auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vorzubereiten. Dieser Aussage stimmen, laut dem Zukunfts-Monitor des Bundesbildungsministeriums und TNS Emnid, 79 Prozent der Befragten in Deutschland zu. Gleichzeitig denken 72 Prozent, dass der Einsatz digitaler Bildungsmedien im Unterricht unsere Gesellschaft langfristig innovationsfähiger macht. Dabei haben die neuen, vernetzten Lernanwendungen besonders auf dem Land ein großes Potenzial: So meinen 82 Prozent der Befragten, digitale Technologien könnten das Bildungsangebot im ländlichen Raum deutlich verbessern – etwa, wenn Bildungseinrichtungen vor Ort fehlen. Die technische Ausstattung der Schulen und Bildungseinrichtungen ist jedoch noch nicht sehr umfassend. In einer Sonderstudie fand die Initiative D21 heraus, dass Overhead-Projektoren und Desktop-PCs bisher in den Klassenzimmern am weitesten verbreitet sind. Tablets werden im Unterricht hingegen eher selten genutzt. Insgesamt sind 44 Prozent der Lehrer und 34 Prozent der Schüler in Deutschland unzufrieden mit der technischen Ausstattung ihrer Schule.