Es waren gleich mehrere Angriffe kurz nacheinander: der versuchte Drohnenanschlag am Flughafen Leipzig, der Anschlag auf das Umspannwerk in Bergheim, der Hackerangriff auf Berlin – und mehr. Wie ist die Gefahrenlage einzuschätzen? Was können, was sollten Kommunen tun? Antworten von Jan Syré für den VST KRITIS.

Die Nachrichten waren beunruhigend – oder wie schätzen Sie die aktuelle Gefahrenlage für die kritische Infrastruktur ein?
Jan Syré: Die Gefahrenlage war, und sie ist ernst. Wir erleben eine Phase, in der Angriffe häufiger, gezielter und professioneller werden – oft kombiniert aus digitalen und physischen Mitteln. Was früher als Ausnahme galt, ist heute Teil einer neuen Normalität. Deutschland ist kein „zu komplexes“ oder „zu gut geschütztes“ Land, das Angreifer abschreckt.
Im Gegenteil: Unsere kritische Infrastruktur bietet viele Angriffsflächen, und wer Schaden anrichten will, findet diese Angriffsflächen. Die Vorfälle der letzten Monate zeigen, wie verletzlich unsere Versorgungssysteme sind – und wie schnell lokale Ereignisse nationale Wirkung entfalten können. Sowohl vor Ort real als auch in den überregionalen Medien.
Hat sich die Sicherheitslage tatsächlich verschärft – oder ist sie stärker im öffentlichen Bewusstsein?
Jan Syré: Beides. Die Lage hat sich objektiv verschärft, und gleichzeitig ist das Bewusstsein endlich dort angekommen, wo es sein müsste. Fachleute warnen seit Jahren vor Verwundbarkeiten, aber erst sichtbare Vorfälle wie Leipzig oder Berlin haben das Thema in die breite Öffentlichkeit getragen.
Für uns als Verband ist das ein Wendepunkt: Sicherheit ist nicht mehr nur ein technisches Thema, sondern ein strategisches Thema der Daseinsvorsorge. Die Gesellschaft merkt, wie abhängig wir von funktionierenden Versorgungsnetzen sind – und wie schnell es kritisch wird, wenn sie ausfallen. Die Formel ist einfach: Ohne Strom geht kaum etwas, und ohne Wasser wird die Versorgungslage endgültig kritisch.
Sicherheitskonzepte für kritische Infrastrukturen weiterentwickeln
Erfordern die Anschläge ein neues Verständnis von Sicherheit?
Jan Syré: Ja, eindeutig. Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass wir jede Anlage, jeden Strom- oder Telefonmast und jede Leitung – auch unterirdisch – vollständig schützen können. Das gilt für alle Sparten. 100-Prozent-Schutz ist weder realistisch noch finanzierbar. Sicherheit bedeutet heute: Angriffe erschweren und gleichzeitig Systeme so gestalten, dass sie auch unter Stress funktionieren. Schutz und Resilienz gehören zusammen. Ein Angriff mag stattfinden – die entscheidende Frage ist, ob er uns aus der Bahn wirft oder ob die Versorgung weiterläuft. Dieser Paradigmenwechsel ist überfällig.
Welche Rolle können Drohnen in Sicherheitskonzepten spielen?
Jan Syré: Drohnen sind heute Risiko und Werkzeug zugleich. Als Bedrohung können sie Sicherheitszonen überwinden und Anlagen erreichen, die früher schwer zugänglich waren. Deshalb brauchen wir klare rechtliche Befugnisse und technische Abwehrsysteme. Gleichzeitig sind Drohnen ein enorm wertvolles Instrument: Sie ermöglichen schnelle Inspektionen, erkennen Schäden frühzeitig und dokumentieren Sabotageversuche.
Mit Hilfe von KI können wir diese gewonnenen Datenmengen auch hervorragend analysieren. Aber Technik allein reicht nicht. Kommunen und Betreiber brauchen klare Prozesse: Wer sieht die Daten? Wer entscheidet? Wer reagiert – und vor allem: wie reagiert man? Erst wenn diese organisatorischen Voraussetzungen stehen, entfalten Drohnen ihren vollen Nutzen.
Wo sehen Sie außerdem Handlungsbedarf?
Jan Syré: Auf Bundesebene brauchen wir ein KRITIS-Regelwerk, das praxistauglich ist und nicht nur auf Papier existiert. Einheitliche Sicherheitsanforderungen, klare Meldewege und Förderprogramme für Resilienzmaßnahmen sind zentral. Auf Landesebene müssen KRITIS-Strategien konkretisiert werden, damit Stadtwerke verlässliche Ansprechpartner haben und in die Katastrophenschutzstrukturen eingebunden sind.
Aber auf kommunaler Ebene liegt der eigentliche Schlüssel: Stadtwerke müssen wissen, welche Anlagen kritisch sind und welche Ausfälle existenzbedrohend wären. Notstromkonzepte, Umschalt- und Überbrückungsmöglichkeiten, Krisenpläne und Personalqualifikation gehören jetzt auf den Prüfstand. Sicherheit beginnt nicht im Ministerium – sie beginnt vor Ort. Und trotz allem Föderalismus durch die Bundesländer wäre es es gut, wir hätten ein nationales ziviles Pendant zum Operationsplan Deutschland der Bundeswehr.
„Resilienz ist mehr als Abschreckung“
In der aktuellen Debatte ist Resilienz ein Stichwort, dem große Bedeutung zugeschrieben wird: Sie schrecke Täter ab, weil Angriffe wirkungslos bleiben. Stimmen Sie zu?
Jan Syré: Resilienz ist tatsächlich ein starkes Abschreckungsmittel. Wenn Angriffe ins Leere laufen, verlieren Täter an Motivation. Aber Resilienz ist mehr als Abschreckung – sie ist die Fähigkeit, handlungsfähig zu bleiben, auch wenn etwas schiefgeht. Sie ist ein Versprechen an die Bevölkerung: Die Versorgung bleibt stabil, selbst wenn jemand versucht, sie zu stören. Resilienz bedeutet robuste Systeme, klare Wiederanlaufpläne, Ersatzkapazitäten und geübte Organisationen. Ein Angriff mag stattfinden – aber er führt nicht zum langanhaltenden Ausfall. Das ist der Kern.
Heißt Resilienz vor allem Redundanz: mehr Leitungen, mehr Wege, mehr Back-up?
Jan Syré: Redundanz ist ein zentraler Bestandteil von Resilienz, aber Resilienz ist mehr als Technik. Ein zweites Kabel bringt nichts, wenn niemand weiß, wie man im Ernstfall darauf umschaltet. Resilienz umfasst technische, organisatorische und kulturelle Elemente. Viele Kommunen haben punktuelle Redundanzen, aber haben sie auch ein systematisches Konzept? Realistisch und dringend notwendig sind regionale Netzkooperationen, gemeinsame Ressourcenpools und standardisierte Wiederanlaufpläne. Resilienz ist ein System – nicht nur ein IT- oder technisches Backup.
Was ist jetzt wichtig für Kommunen, Stadtwerke und Betreiber?
Jan Syré: Das Wichtigste ist Ehrlichkeit: die eigene Kritikalität kennen und die eigene Verwundbarkeit anerkennen. Jede Kommune muss wissen, welche Anlagen unverzichtbar sind – für Krankenhäuser, Strom, Wasser, Abwasser, Wärme oder den ÖPNV. Danach braucht es eine Doppelstrategie: kurzfristige Schutzmaßnahmen und mittelfristige Resilienzmaßnahmen.
Kurzfristig geht es um Zutrittskontrollen, bauliche Sicherungen, Sensibilisierung des Personals und die Überprüfung von Notstrom und Umschaltmöglichkeiten. Mittelfristig geht es um Redundanzen, Kooperationen und regelmäßige Krisenübungen. Und schließlich muss die Kommunalpolitik begreifen: Wer heute in Resilienz investiert, investiert in die Zukunftsfähigkeit seiner Stadt. Letztendlich auch ein Argument „pro Ansiedlung“, beispielsweise für Unternehmen, die einen Standort suchen.
Interview von Sabine Schmidt
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Jan Syré ist Mitglied des Vorstands und Politischer Sprecher im VST – Verband Sichere Transport- und Verteilnetze/ KRITIS e.V.



