Die Bedrohungslage ändert sich: Wetterextreme nehmen ebenso zu wie Sabotageakte. Wie können sich Kommunen, Stadtwerke und Netzbetreiber auf Krisenszenarien vorbereiten? Verbandssprecher Jan Syré sucht das Gespräch mit Experten, um die entscheidenden Aspekte herauszuarbeiten.

Naturkatastrophen wie im Ahrtal 2021 und gezielte Sabotageakte auf kritische Infrastrukturen haben die Bedeutung einer vorausschauenden Krisenvorsorge deutlich gemacht. Was aber sind die wichtigsten Erkenntnisse aus der Flutkatastrophe im Ahrtal, wenn es um die Krisenvorbereitung geht?
Bauingenieur Markus Becker war Mitglied des Ahrtal-Krisenstabs 2021 – er bringt seine Erfahrungen so auf den Punkt: „Krisenvorbereitung darf nicht nur auf dem Papier stattfinden.“ Was aber heißt das? Im Ahrtal mussten viele Abläufe improvisiert werden, weil Pläne entweder nicht aktuell oder nicht ausreichend kommuniziert waren – besonders wichtig sei die Einbindung aller relevanten institutionellen Akteure, betont Becker. „Wichtig ist, wirklich alle Fachleute einzubinden, auch wenn sie schon im Ruhestand sind. Sie kennen sich aus, und sie werden gebraucht.“
Mobile Gasdruckregelanlage für den Kriseneinsatz
Natürlich geht es nicht nur darum, Fachleute und Experten einzubinden – im Notfall müssen auch Anlagen laufen, die Kommunikation und Versorgung sicherstellen. Hier kommt zum Beispiel die Ohra Energie GmbH ins Spiel: Sie hat eine mobile Gasdruckregelanlage für den Kriseneinsatz entwickelt. Wie solche Lösungen bei der schnellen Wiederherstellung der Energieversorgung helfen, erklärt Mario Stötzer, Leiter Netzbetrieb:
„Die mobile Anlage ermöglicht es, nach einem Schadensereignis wie Hochwasser oder Sabotage die Gasversorgung in betroffenen Gebieten flexibel und sicher wiederherzustellen. Sie ist transportabel, schnell einsatzbereit und kann an verschiedenen Netzpunkten eingesetzt werden.“ Gerade für kleinere Kommunen seien solche Lösungen entscheidend, da sie oft nicht über redundante Versorgungsstrukturen verfügen. „Die Anlage ist so konzipiert, dass sie auch mit begrenzten Ressourcen vor Ort betrieben werden kann“, so Stötzer.
Interdisziplinäre Besetzung
Was sollten Kommunen beim Einrichten von Krisenstäben beachten? „Ein Krisenstab muss interdisziplinär besetzt sein und über klare Entscheidungswege verfügen“, betont Becker. „Wichtig ist die Vorbereitung: Rollen müssen im Vorfeld festgelegt, Kommunikationsmittel getestet und Notfallpläne regelmäßig aktualisiert werden.“ Auch die Zusammenarbeit mit externen Partnern sollte geprobt und dokumentiert werden. „Transparente Kommunikation nach außen ist ebenso essenziell, um die Bevölkerung zu informieren und zu beruhigen.“
Aus technischer Sicht seien zudem Schnittstellen zu Versorgungsunternehmen unerlässlich, betont Energieexperte Stötzer. „Der Krisenstab sollte frühzeitig Kontakt zu den Netzbetreibern aufnehmen, um im Ernstfall schnell auf deren Unterstützung zurückgreifen zu können.“ Wenn die mobilen Netze ausgefallen sind, ermögliche es die 450 Mega-Hertz-Technologie, die ersten 72 Stunden sicher zu überbrücken. „Diese Kommunikationsmittel müssen natürlich ausreichend vorhanden sein.“
Einen vollständigen Schutz der Netzinfrastrukturen hält Stötzer für illusorisch. „Es gibt immer Restrisiken, sei es durch Naturereignisse oder gezielte Angriffe. Wie will man allein die Strommasten und Trafostationen schützen? Technische und organisatorische Maßnahmen können das Risiko aber minimieren.“
Die Notwendigkeit einer resilienten Infrastruktur
Besonders wichtig sei die Sensibilisierung der Mitarbeitenden und die Überwachung relevanter Anlagen. Hinzu komme laut Bauingenieur Becker, dass bauliche Maßnahmen, wie Hochwasserschutz, in die kommunale Planung integriert werden sollten. „Die Investition in resilientere Infrastruktur zahlt sich im Ernstfall aus.“
Und wie kann die Versorgung mit Gas, Strom und Wasser nach einem Schadensereignis schnell wiederhergestellt werden? Für Stötzer, der auch Mitglied eines Krisenstabs ist, sind Flexibilität und Vorbereitung die Schlüssel. „Mobile Anlagen wie unsere Gasdruckregelanlage zum Beispiel. Zudem sollten Notfallpläne auch Szenarien wie den Ausfall ganzer Netzabschnitte berücksichtigen. Kooperationen mit benachbarten Kommunen und Unternehmen helfen, Ressourcen zu bündeln.“ Becker schätzt das ebenso ein: „Im Ahrtal hat sich gezeigt, dass die schnelle Wiederherstellung der Strom- und Wasserversorgung oft von der Verfügbarkeit mobiler Technik und dem Engagement der lokalen Akteure abhängt.“
Welche Relevanz hat das – wie ist die Bedrohungslage einzuschätzen? Die Häufigkeit und Intensität von Extremwetterereignissen nehmen tatsächlich zu, betont Becker. „Auch das Risiko gezielter Sabotage wächst, insbesondere angesichts geopolitischer Unsicherheiten, die dann auch vor Ort spürbar werden können. Kommunen müssen daher ihre Risikoanalysen regelmäßig aktualisieren und ihre Vorsorgemaßnahmen anpassen.“
Anpassung und Zusammenarbeit
Auch wenn der Schutz der Versorgungsnetzinfrastruktur nie vollständig garantiert werden kann: „Durch vorausschauende Planung und innovative Technik lässt sich das Risiko reduzieren und die Resilienz deutlich erhöhen“, resümiert Stötzer. „Angesichts einer sich verändernden Bedrohungslage – sei es durch Naturkatastrophen oder Sabotage – sind Anpassungsfähigkeit und Zusammenarbeit unerlässlich.“ Die Zukunft verlange von kommunalen Akteuren eine neue Kultur der Resilienz. „Mit offenen Augen für Risiken und mit dem Willen, gemeinsam Lösungen zu entwickeln und umzusetzen – und vor allem, auch die Bevölkerung vorzubereiten und, wenn möglich, rechtzeitig einzubinden.“
Mehr Hinweise zur Krisenvorsorge gibt es online beim VST – Verband Sichere Transport- und Verteilnetze/KRITIS e.V.
Jan Syré
Der Autor
Jan Syré ist Mitglied des Vorstands und Politischer Sprecher im VST – Verband Sichere Transport- und Verteilnetze/ KRITIS e.V.



