Sandro Zehner: „Auf die Akzeptanz der Nutzer kommt es an“

Sandro Zehner: „Digitale Prozesse müssen sich in erster Linie an den Bürgern ausrichten und nicht an den Verwaltungsvorschriften“. Foto: Kornaker

Digitalisierung muss klar auf Beteiligung setzen. Nur wenn Bürger und Unternehmen als „Kunden“ der Verwaltung sowie auch die Rathausmitarbeiter selbst eng einbezogen werden, kann ein entsprechendes Projekt gelingen. Davon ist der Taunussteiner Bürgermeister Sandro Zehner überzeugt.

Herr Bürgermeister Zehner, Bürgerschaft, Unternehmen, Politik oder Verwaltung: Wer ist der wesentliche Treiber des Themas Digitalisierung in der Stadt Taunusstein?

Zehner: Digitalisierung verändert maßgeblich die Art und Weise, wie wir als Gesellschaft leben, einkaufen, Medien konsumieren oder arbeiten. In den letzten Jahren hat dieses Thema auch bei uns enorme Fahrt aufgenommen. Die Bürger verlangen immer mehr von der öffentlichen Verwaltung jene stetige Dienstleistungsverfügbarkeit, die die großen Internetkonzerne etabliert haben. Mit Unterstützung der örtlichen Politik haben wir systematisch auf diese Herausforderungen reagiert. Der Beginn war im Prinzip der flächendeckende Ausbau Taunussteins mit hochleistungsfähigem Internet, um gerade auch in den kleineren Stadtteilen die Bürgerinnen und Bürger überhaupt in die Lage zu versetzen, digitale Angebote nutzen zu können. Seither haben die digitalen Kommunaldienstleistungen bei Politik und Verwaltung klare strategische Priorität, um den berechtigten Erwartungen unserer Bürgerschaft sowie der Unternehmen zu entsprechen.

Digitalisierung braucht schnelle Erfolge

Im Rahmen der Strategieentwicklung war Ihnen die Einbindung der Bürgerschaft von großer Bedeutung. Hatten Sie keine Sorge, dass im Rahmen des partizipativen Prozesses Erwartungen geweckt werden, die Sie am Ende nicht erfüllen können?

Zehner: Ein partizipativer Prozess kanalisiert und weckt auch Erwartungshaltungen, das stimmt. Uns war es aber von Anfang an wichtig, die Bürger und Bürgerinnen, die Unternehmen, die Vereine und auch insbesondere unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Verwaltung aktiv einzubinden, um eine hohe Identifikation mit dem einzuschlagenden Umsetzungspfad zu erreichen. Die Digitalisierung lebt von der Akzeptanz derer, die sie nutzen. Um dies zu fördern, wollen wir uns beispielsweise zunächst auf die Digitalisierung von Prozessen konzentrieren, die tatsächlich häufiger von Bürgern nachgefragt werden. Es geht darum, „Quick Wins“, also schnelle Erfolge zu erzielen.

Wie sind Sie mit nicht erfüllbaren Erwartungen umgegangen?

Zehner: Im Prozess haben wir klar gesagt, wo wir Erwartungen nicht zeitnah erfüllen können, weil wir beispielsweise keine Umsetzungskompetenzen haben. Aus unseren Erfahrungen mit Partizipationsprozessen gilt jedenfalls der Grundsatz, dass der offene Dialog miteinander die beste Gewähr bietet, dass man nicht schlecht übereinander spricht.

Die Digitalisierung hat nicht nur positive Aspekte. Viele Menschen fürchten beispielsweise den Verlust von Daten. Wie gehen Sie in Taunusstein mit diesen Sorgen um?

Zehner: Bei einer Bürgerversammlung wurde uns auch diese Frage gestellt. Wir reagieren auf solche Sorgen mit zwei konkreten Maßnahmen: Zum einen erarbeiten wir derzeit eine völlig neue städtische IT-Landschaft. Hierbei wird gerade die Komponente des technischen Datenschutzes eine herausgehobene Rolle spielen. Zudem müssen alle städtischen Angebote und Dienstleistungen den Vorgaben der EU-Datenschutzgrundverordnung genügen. Auch wollen wir als Verwaltung aktiv die Menschen für dieses Thema sensibilisieren, damit sie sich selbstbestimmt mit ihren Daten in der digitalen Stadt Taunusstein bewegen können.

Interessierte Mitarbeiter weiterbilden

Wie nehmen Sie die rund 340 Mitarbeiter der Stadtverwaltung mit in das digitale Zeitalter?

Zehner: Mit Information und Beteiligung. Wir haben im Rahmen des Projektes eine Umfrage unter unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gestartet, um von deren Hoffnungen und Ideen, aber auch von möglichen Bedenken zu hören. Persönlich habe ich über Digitalisierung und ihre konkreten Auswirkungen für die Verwaltung in einer Personalversammlung berichtet. Im nächsten Schritt stellen wir in unserem Intranet eine eigene Digitalisierungsplattform zur Verfügung, die sich ausschließlich mit dem Thema befasst. Es soll dabei auch möglich sein, untereinander zu chatten und die eigene Meinung zum Thema zu äußern. Wir werden die Möglichkeiten erweitern, in den Digitalisierungsprojekten mitzuarbeiten und wir werden digital affine Kolleginnen und Kollegen zu Multiplikatoren weiterbilden.

Diese kollegiale Wissensvermittlung halten Sie für besonders wichtig …

Zehner: Ihr kommt beim Abbau von Berührungsängsten eine Schlüsselrolle zu. Es ist ja eine tolle Sache, einen Wissenstransfer unter den Generationen zu etablieren. Die erfahrenen Kollegen geben bereits heute ihr Fachwissen an den Verwaltungsnachwuchs weiter. Diese Generation – oftmals als sogenannte Digital Natives mit den Themen bereits intuitiv vertraut – kann wiederum mit ihren Kompetenzen und Erfahrungen jetzt mithelfen, Bedenken im Hinblick auf die Digitalisierung und auf neue Prozessstrukturen bei jenen abzubauen, die am Ende ihrer Verwaltungskarriere stehen. Damit kann Digitalisierung eine große Chance sein, als Verwaltung auch generationenübergreifend zusammenzuwachsen, wenn sie gut erklärt und von den Führungskräften aktiv unterstützt wird.

Wie stellen Sie sicher, dass das Taunussteiner Strategiepapier zur Digitalisierung am Ende nicht lediglich ein Papiertiger ist, sondern das Leben und Arbeiten der Menschen vor Ort tatsächlich positiv beeinflusst?

Zehner: Wir haben gemeinsam mit den Menschen in der Stadt, mit der Politik sowie mit unseren externen Beratern, die uns im Projekt „Digitale Stadt Taunusstein“ kompetent begleitet haben, eine sehr ambitionierte E-Government-Roadmap erarbeitet. Sie gibt nicht nur die einzelnen Projekte und Maßnahmen vor, sondern auch die jeweiligen Projektzeiträume. Wir als Verwaltung und auch ich als Bürgermeister werden jetzt an Ergebnissen gemessen. Das Ziel wurde von mir klar formuliert: 2019 stehen die ersten fünf Schlüsselprozesse den Bürgerinnen und Bürgern medienbruchfrei zur Verfügung. Dies wird von mir entsprechend im Haus nachgehalten, da gilt der sehr analoge Grundsatz, dass die Treppe von oben gekehrt wird. Das heißt, der kommunale Spitzenbeamte muss das Thema in der Verwaltung beständig vorantreiben. Das Team im Rathaus ist jedenfalls selbst hoch motiviert, die Digitalisierungsziele zu erreichen. Man hat Spaß, die neuen Dinge umzusetzen. Das ist der beste Garant für Erfolg.

Mit 39 Jahren sind Sie ein recht junger Vertreter im Kreis der kommunalen Verantwortungsträger. Ist der zielstrebige Umgang mit der Digitalisierung eine Generationenfrage?

Zehner: Ich bin der Auffassung, Digitalisierung hat sich fast generationsübergreifend durchgesetzt. Damit wachsen das Verständnis und die Erkenntnis, proaktiv diesen Prozess zu gestalten. Digitale Kompetenzen zu entwickeln wird daher zukünftig ein Schlüsselfeld der Personalentwicklung sein, gerade auch bei Führungskräften. Wir benötigen in Behörden die Fähigkeit, die Digitalisierung dort zu nutzen und einzusetzen, wo sie allseitig Nutzen stiftet, Effizienzen erschließt und die Dienstleistung optimiert. Bei all dem dürfen wir jedoch den analogen Umgang miteinander nicht verlernen. Probleme löst man am besten im direkten Gespräch miteinander. Ich bin solchermaßen Anhänger der These, dass eine nachhaltige Digitalisierung jene Spielräume schafft, um zukunftsfähige analoge Dienstleistungen in der Breite der Bürgerschaft überhaupt noch weiterhin erbringen zu können.

Neue digitale Welt und traditionelles Verwaltungsdenken, kann das überhaupt zusammengehen?

Zehner: Deutschland hat eine hoch leistungsfähige Verwaltung. Sie ist ein großer Standortvorteil, jedoch im Bereich Digitalisierung auch die größte Sollbruchstelle. Digitale Prozesse erfordern vielfach ein neues Prozessdesign, dass sich in erster Linie an den Kunden und Bürgern ausrichten muss und nicht an Verwaltungsvorschriften, die teils noch auf die Zeit der Industrialisierung zurückzuführen sind. Alle beteiligten Ebenen – also Bund, Länder, Kommunen, aber auch Softwarehäuser – müssen daher an einen Tisch.

Inwieweit fühlen Sie sich vom Land Hessen und vom Bund ausreichend im Prozess der Digitalisierung unterstützt?

Zehner: Ziele müssen sich aus dem ergeben, was wir an Qualität von Verwaltungsdienstleistung zukünftig erwarten. Erst im zweiten Schritt muss dann beurteilt werden, wie man dies mit dem gängigen Recht abgleichen kann oder ob man gegebenenfalls neue Rechtsgrundlagen schaffen muss. Wenn wir jedoch mit dem Verweis auf die geltende Rechtslage jedes Gespräch zu Digitalisierung eröffnen, werden wir scheitern. Das kundenorientierte Verständnis haben kommunale Vertreter stärker, da wir in einer unmittelbaren Beziehung zum Bürger Leistungen erbringen. Hier sollte die Bundes- und Landesebene stärker die Kommunen einbinden. Hessen setzt mit einem eigenen Staatsministerium klare Prioritäten. Dies sind die besten Voraussetzungen, dass wir gemeinsam erfolgreich sein werden.

Red.

Zur Person: Sandro Zehner (Jg. 1979) ist seit 2014 Bürgermeister und Kämmerer der Stadt Taunusstein. Zuvor arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im hessischen Landtag und leitete danach den Stabsbereich Koordination bei der Handwerkskammer Frankfurt–Rhein–Main. Zehner ist für den Landesrechnungshof Hessen sowie die Kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement (KGSt) Referent für die Bereiche kommunales Management, Führung sowie Digitalisierung. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.