Pfandbecher to go

Kampf den Wegwerfbechern: Der Zweckverband Abfallwirtschaft Region Hannover wirbt vor dem Rathaus der niedersächsischen Landeshauptstadt für seinen Pfandbecher „Hannoccio“. - Foto: AHA-Zweckverband

„Life in plastic, it’s fantastic“, reimte Mitte der 199er-Jahre ironisch die Popband Aqua. Für viele Städte ist bei Plastikmüll jedoch Schluss mit lustig: Im täglichen Kampf gegen Müllberge auf Plätzen und in Fußgängerzonen setzen sie verstärkt auf umweltfreundliche Pfandbechersysteme.

Nicht nur an den Wochenenden, wenn auf den Partymeilen das Leben tobt, sondern auch unter der Woche quellen in vielen Städten die Mülleimer mit Plastikabfällen über. Um zumindest die Plastikflut an Einweg-Bechern einzudämmen, nutzen immer mehr Kommunen recyclingfähige Mehrwegbecher für Heißgetränke wie Kaffee oder Tee.

Ein Pionier auf diesem Gebiet ist das junge bayerische Unternehmen Recup. Seit der Pilotphase in der Innenstadt von Rosenheim vor zwei Jahren hat das Start-up die Vision eines Mehrwegbecher-Pfandsystems kontinuierlich vorangetrieben, wie Pressesprecherin Johanna Perret sagt. Seit Kurzem nutzt auch die Stadt Wolfsburg die Recup-Pfandbecher. Die Einführung des Systems wurde von Wolfsburg Wirtschaft und Marketing, der Autostadt und dem Volkswagen-Werk begleitet. Volkswagen als größter Arbeitgeber der Stadt stellte mittlerweile alle werksinternen Kaffeebars auf das Pfandsystem um. „Das Beispiel Wolfsburg zeigt, welchen großen Hebel die Kommunen erzeugen können und wie sich die Implementierung eines Pfandsystems durch unterschiedliche Akteure stützen und in der Bevölkerung verankern lässt“, betont Johanna Perret.

Bewusstsein bilden

Neben Rosenheim und Wolfsburg baut auch der Landkreis Schwäbisch Hall (Baden-Württemberg) auf das Pfandbechersystem der Bayern. Der Schwäbisch Haller Landrat Gerhard Bauer sagt: „Das Pfandsystem ist eine schöne Möglichkeit der Bewusstseinsbildung im Kampf gegen Einwegverpackungen.“ Wer beim Kauf des morgendlichen Kaffees schon mit der Frage Mehrweg oder Einweg konfrontiert werde, denke vielleicht auch in anderen Lebensbereichen darüber nach, so Bauer. „Durch das Pfandsystem werden der Konsum an Einwegbechern reduziert und Ressourcen, Abfall sowie Kohlenstoffdioxid eingespart.

Der Kreis Schwäbisch Hall nimmt seit Mai 2018 mit eigenem Becher am Pfandsystem teil. Dafür wurden 20.000 Becher mit der Skyline des Landkreises bedruckt. „Mittlerweile sind die Pfandbecher bei 25 Bäckereien, Cafés, Kantinen und Tankstellen im Kreis erhältlich“, so Gerhard Bauer. Die Mitarbeiter im Landratsamt waren vor allem von dem einfachen Funktionsprinzip des Pfandsystems überzeugt. „Für einen Euro Pfand erhält der Kunde seinen Kaffee im Recup-Becher. Ist der Becher leer, kann er bei einem der weit über 1000 Partner in Deutschland zurückgegeben werden, und der Kunde erhält sein Pfand zurück“, erklärt Bauer.

Die Partner übernehmen das Spülen der Becher und zahlen für die Nutzung des Pfandsystems eine Pauschale von einem Euro pro Tag. Caroline Mayer, die Klimaschutzbeauftragte des Landkreises, zieht eine erste positive Bilanz: „Wir hoffen, dass es so weitergeht und wir die Einwegbecher irgendwann komplett aus unserem Landkreis verbannen können.“

Der Hannoveraner Hannoccino

Gegen Einwegbecher kämpft auch die Stadt Hannover. Der Zweckverband Abfallwirtschaft Region Hannover (AHA) setzt immer stärker auf den eigenen Mehrwegbecher namens Hannoccino. Helene Herich vom Zweckverband erklärt das Problem: „Der städtische Müll besteht heutzutage aus bis zu 17 Prozent Einweg-Pappbechern. Diese Pappbecher können aufgrund des Aufdrucks und ihrer mit Kunststoff beschichteten Innenseite schlecht oder gar nicht verrotten.“

Mit dem roten und wiederverwertbaren Hannoccino-Mehrwegbecher wollen Stadt und Zweckverband die Flut von mehreren Millionen Einwegbechern pro Jahr deutlich eindämmen. „Unser Becher wird weitestgehend aus Biobestandteilen wie Biopolymere, Naturharzen, Cellulose und natürlichen Verstärkungsfasern gefertigt. Die Teilnahme der Betriebe an dem Pfandsystem geschieht auf freiwilliger Basis“, betont Herich.

Mit rund 90 Ausgabestellen startete das Pfandsystem in der niedersächsischen Landeshauptstadt im Spätsommer 2017. Nach einem halben Jahr ist die Anzahl der Ausgabestellen auf über 150 angewachsen. „Heute sind es mehr als 65 Kooperationspartner. Dies zeigt, wie gut der Becher von den Kunden und Firmen angenommen wird“, freut sich Helene Herich. Neben Bäckereien im Stadtgebiet ist „Hannoccino“ mittlerweile auch auf den Stadionrängen des Fussballbundesligisten Hannover 96 anzutreffen.

Jeder der 50.000 Mehrwegbecher wird hygienisch gereinigt, bevor er wieder bei den Kooperationspartnern in und um Hannover erneut zum Einsatz kommt. „So sorgen wir für weniger Müll auf den Straßen und sparen dabei Rohstoffe und viel Energie, die sonst in die Produktion der Einwegverpackungen fließen würde“, bilanziert Helene Herich.

Mehr als 400 Mal in Gebrauch

Die Stadt Paderborn (Nordrhein-Westfalen) kooperiert für ihre Mehrwegbecher-Kampagne „Paderborn bechert um“ mit dem Unternehmen Cupforcup aus Düsseldorf. Auf ihren Werbeplakaten für das Pfandsystem kombiniert die Stadt flotte Sprüche („Werde Hoffnungsträger“, „Es gibt mehr als Ein-Weg zum Glück“) mit Informationen über das Funktionieren des Mehrwegsystems und abfallwirtschaftlichen Fakten: „5 Millionen Paderborner Einweg-Kaffeebecher pro Jahr sind zu viel.“

Cupforcup-Geschäftsführer Sven Hennebach erklärt seinen Ansatz: „Unser Angebot richtet sich in erster Linie an Unternehmen. Kommunen, wie beispielsweise Paderborn, stricken rund um die Einführung des Pfandsystems ihre eigene Marketingkampagne. Wir bieten sozusagen die Infrastruktur zum Betrieb des Systems.“

Im Unterschied zu konkurrierenden Unternehmen bedruckt Cupforcup seine Becher nicht mit Stadtmotiven. Warum? „Dadurch ist gewährleistet, dass der Becher nicht als Souvenir wahrgenommen und von den Kunden auch zurückgebracht wird“, sagt Hennebach. Nur dadurch sei sein Pfandsystem letztlich umweltfreundlicher als die Verwendung von Einwegbechern. Denn die Produktion des Bechers ist zunächst aufwendiger und ressourcenintensiver als bei Einwegbechern. Hennebach: „Erst ab der achten Nutzung sparen wir richtig Ressourcen, dann aber richtig! Mindestens 400 Mal kann man den Becher verwenden.“

Andreas Scholz

Der Autor
Andreas Scholz, Schwäbisch Hall, ist freier Journalist