Offen für Neues im ländlichen Raum

Beratung von „Raumpionieren“ in Klein Priebus: Viele Städter suchen auf dem Land Freiräume zum Leben ohne all den multi-sensorischen Lärm, der ganztägig auf sie einwirkt. - Foto: Kohlschmidt

Dem Wachsen der Ballungszentren steht die Sehnsucht vieler Städter nach einem Leben auf dem Land gegenüber. Diese Stimmung sollten Gemeinden in strukturschwachen Räumen aufgreifen. Das Werben um Zuzügler markiert zugleich den Kern der Kommunalentwicklung: Menschen Heimat geben.

Die einen wollen möglichst schnell weg, die anderen wollen zurückkommen, und die nächsten überlegen noch, ob sie lieber in der Stadt oder auf dem Land leben wollen oder aber beides miteinander verbinden können. Wie immer lassen sich auch in unserer Zeit deutliche Migrationsbewegungen in die eine oder andere Richtung feststellen.

Die jungen Landbewohner wollen vor allem in die Städte. Sie wollen, abgesehen von Beruf und Bildung, etwas erleben, die Welt sehen und den vermeintlichen Muff des Dorfes hinter sich lassen. Das Studium beginnt in einer deutschen Universitätsstadt und dann geht es hinaus in das große Abenteuer namens „Welt“. Das ist grundsätzlich gut so. Das erweitert den Horizont und damit das Denken und Fühlen, um in einem Lebensmodell zu münden, das durchaus die Tradition der dörflichen Heimat mit den Erfahrungen aus der großen weiten Welt verbindet. Bedenklich ist aber, dass in manchen Regionen ganze Jahrgänge von jungen Menschen abwandern und viele von ihnen nicht mehr zurückkommen.

Seitdem es Städte und damit ein spannendes und verdichtetes Angebot an Kultur, Bildung, Kurzweil und Arbeitsangeboten gibt, ziehen Menschen dorthin. Das ist überall auf der Welt so, aber noch nie war es so, wie wir es heute erleben. Die demografische Zeitbombe tickt. Nicht mehr lange, dann ist ein Viertel der deutschen Bevölkerung älter als 65 Jahre – und das bei steigender Lebenserwartung. Manch einer spricht schon von japanischen Verhältnissen: Dort wurden in den vergangenen Jahren mehr Windeln für Erwachsene verkauft als für Babys.

Anstrengendes Stadtleben

Beobachten lässt sich auch, dass das Leben in den Städten immer teurer und immer anstrengender wird. Viele Städter – und nicht nur die älter gewordenen Zugezogenen – wollen am liebsten raus aus der Enge, der Lichtverschmutzung des Himmels, weg von den schwindenden Freiräumen und Grünflächen und all dem multi-sensorischen Lärm, der ganztägig auf sie einwirkt. Es hat einen guten Grund, dass ein Magazin wie die „Landlust“ mit einer Auflage von über einer Million Exemplaren so erfolgreich ist, und ebenso sind die vielen Zeitungsartikel der letzten Jahre begründet, die das Thema Stadtflucht thematisieren. Der mehr als meterhohe Stapel an Bucherscheinungen, die sich dem Neo-Dorfleben widmen, ist ein zusätzlicher Unterstrich zu diesem Trend.

Festhalten lässt sich demnach: Der ländliche Raum dünnt auf der einen Seite aus, aber er bedient grundsätzlich ein großes Sehnsuchts-Potenzial. Er wird nicht nur von den potenziellen Rückkehrern, sondern auch von den „Neuen“, den vor allem urban geprägten Zuzüglern, als Option in vielerlei Hinsicht angesehen. Diese Option gründet auf einer romantisierenden Vorstellung vom Leben im gesunden und grünen Umfeld sowie – und das ist ein gewichtiges Pfund – in den (teilweise sehr) günstig zu erwerbenden Immobilien und den damit verbundenen Freiräumen.

Gleiches gilt für die rasant fortschreitende Entwicklung der individuellen Mobilität und die zunehmende Abdeckung durch das Breitbandnetz, was nicht nur ein Go!-Argument für Unternehmen ist, sondern generell für alle, die in der Plug-and-play-Gesellschaft leben und damit standortunabhängig arbeiten können.

Das Dorf hat wieder Zukunft

Der Profit für Gemeinden liegt auf der Hand: Leerstehende Immobilien werden mit Leben gefüllt, und als Bonus bringen die Neuen und die alten Neuen ihr urbanes Lebensmodell mit und injizieren damit im besten Sinne den ländlichen Raum. Dadurch steigt die Außenwirkung und Attraktivität einer Gemeinde und die sich entwickelnde Zukunft wird ins Dorf geholt.

Im Verlauf der letzten Jahre wurden an vielen Orten Deutschlands lokale Zuzügler- und Rückkehrer-Initiativen entwickelt, die sich zunehmend um die Gunst von Neubürgern bemühen. Mittlerweile lässt sich ein Wettbewerb gerade um die Macher-Typen und die kreativen Köpfe feststellen, also diejenigen, die nicht nur zum Wohnen kommen, sondern auch anpacken wollen und sich in die Entwicklung des ländlichen Raumes aus dem dann gefundenen Lebensmittelpunkt heraus einbringen. Es gibt viele schöne Regionen in Deutschland und ebenso viele günstige Immobilien, aber das allein reicht eben nicht.

Mehr und mehr Bürgermeister erkennen, dass es Sinn macht, die Neuankömmlinge von Anfang an als „Ermöglicher“ zu unterstützen, denn es zeigt sich immer wieder, dass die, die bereits angekommen sind und ihr Angekommensein positiv kommunizieren, geradezu magnetisch auf diejenigen wirken, die den Schritt noch nicht getan haben, aber nun umso mehr ermutigt sind. So wie der städtische Schwarm anziehend wirkt, so tut es ihm der ländliche Schwarm gleich. Menschen gehen dorthin, wo bereits ähnliche Menschen sind. Sie gehen dorthin, wo sie willkommen geheißen werden und ihresgleichen treffen, also Menschen mit urbanem Hintergrund und einer Weltaneignung, die über den Horizont des Dorfes hinausgeht.

Jan Hufenbach

Der Autor
Jan Hufenbach, Klein Priebus, hat zusammen mit seiner Lebensgefährtin und Geschäftspartnerin Arielle Kohlschmidt das durch die sächsische Staatskanzlei geförderte Projekt „Raumpionierstation Oberlausitz“ entwickelt. Das Neubürger-Projekt Raumpionierstation Oberlausitz richtet sich an potenzielle Zuzügler und Rückkehrer und spricht diese auf einer emotionalen und subjektiven Ebene an. Das Projekt ist in den Jahren 2017 und 2018 durch die sächsische Staatskanzlei gefördert worden. Die Macher werben für die ländlichen Räume und ihre Optionen, die sich aufgrund der demografischen Entwicklung in den Freiräumen der schrumpfenden Regionen ergeben. Ein Aspekt sind die Kosten für Wohneigentum. Aussage: „Für eine Berliner Jahresmiete bekommst Du bei uns ein Haus.“

Info: Das Ankommen erleichtern

Viele ländliche Regionen verlieren Einwohner. Umso wichtiger sind Initiativen, mit denen die Gemeinden um Neubürger werben. Im Folgenden drei Eckpunkte für ein gelingendes Zuzügler- und Rückkehrer-Projekt. Grundsätzlich gilt: Menscheln muss es!

  • Willkommenskultur: Neubürger nicht zu begrüßen, ist eine vertane Chance. Denen die kommen, müssen beide Hände gereicht werden.

  • Angebote: Eine Gemeinde glänzt durch die praktischen, aber ebenso sympathischen Angebote, die sie ihren Bürgern macht. Das Spektrum der Möglichkeiten ist riesig und reicht vom Dorfladen über die Mitfahr-App, über Nachbarschaftshilfe, kulturelle Angebote, Angebote von Vereinen bis hin zur Unterstützung bei Förderanträgen (wie zum Beispiel Leader).

  • Stolpersteine aus dem Weg räumen: Fettnäpfchen finden sich allerorts. Verwaltungsmitarbeiter und allen voran die Bürgermeister sollten alles dafür tun, um den Neuen den Einstieg zu erleichtern.

  • Anschlussmöglichkeiten: Soziale Netzwerke und die persönlich initiierte Anbahnung von Kontakten sind für die Neuen extrem hilfreich.

  • Experimente und Innovation: Stagnation und Engstirnigkeit sind Gift, wenn es um die Gewinnung von Zuzüglern geht. Städter sind kulturgesellschaftlichen Experimenten gegenüber oft positiv eingestellt und erwarten gerade im ländlichen Raum zu gestaltende Freiräume.

  • Nachsicht: Städtern ist die Kontinuität der ländlichen Tradition meist ungewohnt – genauso wie den Menschen des ländlichen Raumes die Vielfalt, Buntheit, aber auch Vergänglichkeit des städtischen Lebens. Hier prallen Welten (und oft genug Vorurteile) aufeinander, die einander blockieren können. Darin liegt aber auch eine Chance: Im besten Fall wirken diese beiden Kräfte befruchtend.

  • Strukturen: Die Stabilität des ländlichen Raumes macht sich unter anderem an den langfristig gewachsenen Strukturen fest, an denen sich ein „Fremder“ im schlimmsten Fall die Zähne ausbeißt. Gemeinden, die es schaffen, sich von einem „das haben wir schon immer so gemacht“ zu lösen, machen sich stark für die Zukunft und damit offen für die vielen Aufgaben, die der demografische Wandel mit sich bringt.

  • Partizipation: Eine Zuzügler- und Rückkehrerinitiative kann nur gelingen, wenn Verwaltung, lokale Akteure und Einwohner gemeinsam den Boden bereiten, der das Gelingen einer gemeinsamen Zukunft von alten und neuen Bewohnern fördert.

Jan Hufenbach