Nachhaltigkeitssiegel: Maßstab oder Marketing?

Geprüft: Bei der nachhaltigen Beschaffung helfen Gütesiegel weiter. Allerdings sollte genau hingeschaut werden, denn nur wenige Auszeichnungen berücksichtigen die Nachhaltigkeit in ihrer ganzen Komplexität. - Foto: Coloures-Pic/Adobe Stock

Längst betrifft das Thema Nachhaltigkeit nicht mehr nur den Ankauf von Recyclingpapier für den Drucker im Vorzimmer. Ganze Dienstleistungsketten und Produktionsbedingungen werden kritisch betrachtet und mit einem Siegel versehen. Doch nach welchen Kriterien richten sich die Auszeichnungen?

Es wimmelt nur so von Formulierungen, Logos und Versprechen. Alle eint die Rettung des Planeten, und immer kann und soll der Einzelne entschieden daran mitwirken. Seitens der Kommunen ist nüchternes Auswerten angesagt, um sinnvolle Investitionen von Aktionismus zu unterscheiden. Nicht alles, was prämiert wurde, dient der Ressourcenschonung. Bei der Entscheidungsfindung kommt daher der Kompetenzstelle für nachhaltige Beschaffung (KNB) eine Schlüsselrolle zu. Seit 2012 beraten deren Mitarbeiter – die Kompetenzstelle ist dem Innenministerium unterstellt – die Entscheider der öffentlichen Hand bei nachhaltigen Beschaffungen aller Art. Unter anderem zählt der IT-Sektor dazu, eine bekanntermaßen milliardenschwere Branche.

In Zeiten der zunehmenden Vernetzung, die unweigerlich immer neue Entwicklungsstufen diverser Hardware hervorbringen wird, genießt die nachhaltige Beschaffung von Servern, Tablets und Co. ein steigendes Interesse. Zusammen mit dem Branchenverband Bitkom berät die KNB Rathäuser beim Einkauf von IT-Produkten. In Form einer eigens angefertigten Mustererklärung können Kommunen interessierte Anbieter darauf verpflichten, dass die neuen Monitore nachhaltig, das heißt unter menschenwürdigen Bedingungen hergestellt wurden.

Beschaffung mit dem Logo im Kopf

Menschenwürde und Umweltschutz, nicht erst die Nachhaltigkeitsdebatte der letzten Jahre, haben zu einer regelrechten Siegel-Schwemme geführt. Auszeichnungen und Prämierungen haben schon immer einen besonderen Reiz auf den Konsumenten ausgeübt. Der Name verpflichtet, zu was auch immer. Verbände und private Dienstleister haben das erkannt und widmen sich nur zu gerne dem Bedürfnis vieler Konsumenten, die richtige und vor allem verträgliche Kaufentscheidung zu fällen.

Hinsichtlich der Siegel und der Institutionen, die diese vergeben, gilt mehr als anderswo: Gut ist, was einen überprüfbaren Namen hat. Selbst bei den prominenten Gütezeichen ist Vorsicht geboten. Denn ein Großteil folgt der Logik der Nachfrage: Je mehr Auszeichnungen ein Produkt oder ein Hersteller besitzt, desto stärker die Wirkung nach außen. Und genau danach scheinen sich viele Zertifizierer zu richten. Nicht wenige werben offensiv mit dem Zugewinn an Renommee, sobald Website und Verpackung ein bestimmtes Siegel tragen.

Für die kommunale Beschaffung bietet sich daher unsere „Kleine Siegelkunde“ (s. Randspalten links u. rechts) als Wegweiser an. Der wichtigste Aspekt: Nur wenige Auszeichnungen berücksichtigen die Nachhaltigkeit in ihrer ganzen Komplexität. Längst nicht alle Unternehmen lassen sich in die Karten schauen und behalten den einen oder anderen Umstand lieber für sich. Andererseits herrschen bei den die Siegel vergebenden Institutionen unterschiedliche Prioritäten vor. Beispiel Laptop: Das Siegel „Blauer Engel“ gibt über die Punkte Rohstoffproduktion und Handel/Transport keine Auskunft, während das schwedische Label TCO gerade den Abbau beziehungsweise die Erzeugung der Rohstoffe untersucht hat. Beim Punkt Transport aber verzichtet es ebenfalls auf Angaben. Komplett außen vor bleibt dieses Sachgebiet – soziale Umstände von der Herstellung über den Transport bis zum Lebenszyklus – beim Anbieter TÜV Rheinland.

Till Röcke

Der Autor
Till Röcke, Remagen, ist Autor und freier Journalist

Info: Kleine Siegelkunde

Blauer Engel: Das erste Gütesiegel der Bundesrepublik – seit 1978 vergeben – steht primär für den Gedanken der Nachhaltigkeit. Die Sektion „Gewerbe und Kommunen“ deckt von Kita-Spielgeräten aus Recyclingkunststoff bis zu Abgasemissionen und zulässigem Schallpegel bei Kehrmaschinen nahezu jede Facette der kommunalen Beschaffung ab. Neben dem Bund als Inhaber des „Blauen Engels“ und seiner Vergabestelle, der RAL gGmbH, wirken zahlreiche Institutionen bei der Auszeichnung mit. Dazu gehören Vertreter aus Handwerk und Gewerbe ebenso wie Umwelt- und Naturschutzverbände.

EU Ecolabel: Das größte Siegel auf EU-Ebene. Seit 1992 wurden rund 40 000 Produkte und Dienstleistungen damit ausgezeichnet. Es besteht eine enge Zusammenarbeit mit nationalen staatlichen Stellen, etwa dem Bundesumweltamt.

TCO: Die schwedische Nichtregierungsorganisation TCO Development vergibt ihr Siegel für nachhaltig hergestellte IT-Produkte seit 1992. Aktuell wurden bereits 3500 Notebooks, Monitore und Co. zertifiziert.

Grüner Strom: Das Label war 1998 das erste seiner Art. Vergeben wird es vom gleichnamigen Verein, der wiederum von mehreren Friedens- bzw. Naturschutzorganisationen getragen wird. Ausgezeichnet werden ausschließlich Anbieter von 100 Prozent Ökostrom mit einer Aufschlüsselung der erhaltenen Subventionen.

TÜV: Ein vertraut klingender Name, der inzwischen für eine international agierende Unternehmensgruppe steht. Firmen zahlen gut für eine Überprüfung durch den TÜV, der sich in drei Aktiengesellschaften mit den Titeln TÜV Rheinland, TÜV Süd und TÜV Nord aufteilt. Bei der Zertifizierung zählt der Aspekt der Nachhaltigkeit nur als einer unter vielen.

Ausführliche Infos: Eine allgemeine und doch detaillierte Übersicht für Konsumenten sowie für kommunale Beschaffer relevanter Produktgruppen bietet das Portal www.siegelklarheit.de. Es wird vom Bund verantwortet und zeigt die unterschiedlichen Schwerpunkte bei der Siegelvergabe.