„Lebenslanges Lernen“

Klassische Schreibkräfte in öffentlichen Verwaltungen gehören der Vergangenheit an. Foto: Adobe Stock/nikodash

Die Anforderungen an Beschäftigte des öffentlichen Dienstes befinden sich im Wandel. Das hat mit der Digitalisierung zu tun, aber auch mit gesellschaftlichen Veränderungen. Ansgar Hollah vom Bundesinnenministerium über neue Studiengänge, Soft Skills und Künstliche Intelligenz.

Herr Hollah, vom Abfallbetrieb bis zur Wirtschaftsförderung – die Berufsgruppen im öffentlichen Dienst sind mannigfaltig. Welche Jobs wird es in zehn Jahren noch geben, welche nicht?

Hollah: Die Basis für einen funktionierenden Öffentlichen Dienst sind und bleiben gut ausgebildete und engagierte Beschäftigte, auch im Zeitalter der Digitalisierung und vor dem Hintergrund eines zunehmenden Einsatzes von künstlicher Intelligenz. Eine umfassende Vorhersage, welche Berufsbilder im öffentlichen Dienst möglicherweise entfallen, kann derzeit nicht gegeben werden. Gleichwohl zeichnen sich in der Arbeitswelt grundsätzliche Tendenzen ab: In Deutschland werden weniger als zehn Prozent aller Berufsbilder vollständig verschwinden. Jedoch werden in der Bundesrepublik bis 2030 rund 40 Prozent mehr Arbeitsstunden nachgefragt werden, die besondere technologische, soziale und emotionale Fähigkeiten erfordern, also Fähigkeiten in IT-Sicherheit oder Führung auf Distanz. Die Nachfrage nach einfachen Tätigkeiten wie Sachbearbeitung wird dagegen um 20 Prozent sinken. Dies wird auch durch den zunehmenden Einsatz von KI und Automatisierung begründet sein. Die öffentliche Verwaltung ist von diesen Trends keineswegs ausgenommen. Denn auch sie muss sich digitalisieren, um ihren komplexer werdenden Aufgaben sowie steigenden Anforderungen der Bürger nachzukommen. Es entsteht also eher eine Verschiebung der Aufgabenbereiche als ein Wegfall der Stellen, zum Beispiel von der automatisierten Antragsbearbeitung hin zur intensiveren Beratung. Eine genaue Prognose ist hingegen schwierig, da dies davon abhängt, wie schnell die Digitalisierung in den jeweiligen Bereichen umgesetzt wird.

Wie haben sich die Tätigkeitsfelder und die Qualifikationsanforderungen im Laufe der vergangenen zwei Dekaden verändert?

Hollah: Nicht erst durch die Covid-19-Pandemie hat die Digitalisierung nicht nur in der Industrie, sondern auch in der Verwaltung verstärkt Einzug gehalten. Zum Beispiel sind mit dem Onlinezugangsgesetz und dem Gesetz zur Förderung der elektronischen Verwaltung gesetzliche Anforderungen hinzugekommen, die von der Verwaltung erfüllt werden müssen. Dies hat unmittelbaren Einfluss auf fast alle Bereiche des öffentlichen Dienstes. Als Antwort hat das Bundesinnenministerium unter anderem zusammen mit der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung den Studiengang „Digital Administration and Cyber Security“ eingeführt.

Welche Inhalte verbergen sich dahinter?

Hollah: Dieser Studiengang verbindet Verwaltung mit Inhalten der Informatik. Bereits in den vergangenen Dekaden haben sich die Qualifikationsanforderungen an die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes verändert. Da inzwischen ein großer Teil der Arbeitsprozesse in der öffentlichen Verwaltung digital abläuft, sind derartige Grundkompetenzen für den größten Teil der Beschäftigten daher unerlässlich. Gleichzeitig haben sich die Rolle und das Tätigkeitsbild von Führungskräften stark gewandelt. Heute führen Führungskräfte vermehrt durch Vorbildfunktion und agieren zunehmend als Mentoren und Coaches. Sozio-emotionale Fähigkeiten, sogenannte Soft Skills, werden daher insbesondere für Führungskräfte zunehmend wichtiger. Darüber hinaus gilt: Anders als vor 20 Jahren reichen heutzutage die in der Ausbildung erworbenen fachlichen Kenntnisse und Fähigkeiten nicht mehr aus, um ein ganzes Berufsleben lang erfolgreich zu arbeiten. Lebenslanges Lernen ist eine unverzichtbare Voraussetzung für die dauerhafte Leistungsfähigkeit des Einzelnen und der Verwaltung insgesamt.

Und was bedeutet das konkret?

Hollah: Alle Beschäftigten müssen sich permanent neue Kenntnisse und Fähigkeiten aneignen, um sich neuen Anforderungen anzupassen. Wichtigste Voraussetzung dafür ist der Erwerb von Schlüsselkompetenzen. Das sind Kenntnisse und Fähigkeiten, die es einem ermöglichen, sich in wechselnden Arbeitsbereichen
zurechtzufinden und sich ständig neuen Herausforderungen zu stellen. Das gilt insbesondere auch für die neuen Anforderungen, die mit der Digitalisierung in der Verwaltung verbunden sind.

Welche Berufsgruppe hat die signifikantesten Veränderungen bezüglich der Ausbildungsinhalte zu verzeichnen?

Hollah: Kaum ein Berufsbild oder eine Berufsgruppe wird von den Veränderungen der Digitalisierung ausgenommen bleiben. Digitalisierung verändert schon jetzt viele Berufsbilder. Von diesem Wandel ist auch die Verwaltung betroffen. Der digitalen Entwicklung entsprechend werden auch die Ausbildungsinhalte aller im öffentlichen Dienst vorkommenden Berufsgruppen schrittweise angepasst. Eine Gemeinsamkeit wird sein, dass digitale Grundkenntnisse inklusive der dazu gehörenden sozio-emotionalen Fähigkeiten grundsätzlich in allen Ausbildungsgängen gelehrt und/oder vertieft werden müssen. Zurzeit werden unter anderem die Ausbildungsberufe Verwaltungsfachangestellter sowie die Ausbildung im mittleren nichttechnischen Dienst der allgemeinen und inneren Verwaltung des Bundes an die durch die zunehmende Digitalisierung ausgelösten geänderten Anforderungen angepasst. Eine durchaus als signifikant zu bezeichnende Veränderung hinsichtlich neuer digitalisierter Ausbildungsinhalte ist die Zusammenfassung der Berufe Bürokauffrau und -mann, Kauffrau und -mann für Bürokommunikation und Fachangestellter für Bürokommunikation zu dem einheitlichen Ausbildungsberuf Kauffrau und -mann für Büromanagement im Jahr 2014.

Für welches Amt im öffentlichen Dienst sehen Sie die größte Herausforderung hinsichtlich Entwicklungen wie beispielsweise der Digitalisierung?

Hollah: Die Herausforderungen der digitalen Transformation betreffen alle Ämter und Funktionen im öffentlichen Dienst. Diese sind enorm, sowohl für die Beschäftigten im IT-, Prozess- sowie Projektmanagement-Bereich, die den Wandel im Wesentlichen steuern, als auch für diejenigen in den Fachabteilungen, die gleichermaßen Veränderungstreiber sind und auch darüber hinaus die neuen Verfahren und Techniken anwenden müssen. Vor der größten Herausforderung stehen alle Ämter des mittleren Dienstes. Die Aufgabenerledigung erfolgte bisher in der Regel klassisch in Papierform. Nun ermöglicht die zunehmende Digitalisierung aller Arbeitsbereiche die automatisierte Bearbeitung einfacher Sachverhalte. Dadurch werden die verbleibenden Aufgaben komplexer, weil nur noch die nicht automatisiert zu verarbeitenden Fallkonstellationen anfallen. Eine weitere Herausforderung für alle Ämter und Funktionen ist übrigens durch den demografischen Wandel und den damit einhergehenden Fachkräftemangel bedingt. Hinzu kommt die Veränderung von Lebensstil und Wertvorstellungen. Die Verwaltungsorganisation der Zukunft wird schneller auf technologische Entwicklungen reagieren und dabei gleichzeitig die Bedarfe der Mitarbeiter im Blick behalten.

Sind im Zuge des technologischen Fortschritts bereits Berufe weggefallen beziehungsweise angepasst worden?

Hollah: In den vergangenen Jahren hat sich der Bedarf für bestimmte Funktionsgruppen merklich reduziert. Man kann die Veränderungen an folgenden Beispielen verdeutlichen: Mit der Einführung von Computerarbeitsplätzen einschließlich Textverarbeitungsprogrammen wurden die Arbeitsplätze klassischer Schreibkräfte sukzessive abgebaut. Darüber hinaus bedarf es nun aufgrund der zunehmenden digitalen Kommunikation weniger Boten- und Hauspostdienstangestellter.

Sind umgekehrt gänzlich neuartige Stellen hinzugekommen?

Hollah: Insgesamt hat sich eine Verschiebung dahingehend ergeben, dass die Nachfrage an MItarbeitern im IT-Bereich deutlich gestiegen ist. Tatsächlich sind aufgrund der rasanten Veränderungen in der Arbeitswelt auch neue Stellen und Berufsbilder im öffentlichen Dienst hinzugekommen. Beispiele hierfür sind unter anderem IT-Systemkaufleute, IT-Fachinformatiker,
Medientechniker und sogar Social-
Media-Experten. In der jüngsten Vergangenheit hat sich zudem der Data Scientist herauskristallisiert, der Informationen und Daten mithilfe von Methoden aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz aus-
wertet.

 

Foto: BMI

 

Zur Person

Ansgar Hollah ist Ministerialdirektor der Abteilung Öffentlicher Dienst des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat mit Hauptsitz in Berlin

 

Interview: Olga Lechmann