In Solingen fährt die Batterie mit dem Bus

Batterie-Oberleitungsbus der Stadtwerke Solingen: Das innovative ÖPNV-Konzept antwortet auf das drängende Problem der zunehmenden Feinstaubbelastung. - Foto: Stadtwerke Solingen

Die Batterie-Oberleitungs-Busse in Solingen können Streckenabschnitte auch ohne Fahrdraht elektrisch fahren. Die Stadt und ihr Verkehrsbetrieb planen zudem die Weiterentwicklung des Oberleitungsnetzes zu einem Smart-Trolleybus-System, das die Versorgung mit grünem Strom sichert.

Auf dem Weg zum klimafreundlichen ÖPNV: Die Stadt Solingen verfügt mit dem Oberleitungsbus (Obus) seit Jahrzehnten über ein herausragendes Potenzial für die Elektromobilität. Unter den heutigen Klimaschutzzielen erhält dies eine völlig neue Bedeutung. Mit 100 Kilometer Streckennetz ist Solingen der größte Obus-Betrieb Deutschlands und damit ein großer Erfahrungsträger im elektromobilen öffentlichen Nahverkehr. Zahlreiche Prototypen, Obusse sowie Hybridbusse, wurden durch die Stadtwerke Solingen getestet und weiterentwickelt.

Auf diesen Erfahrungen aufbauend, leistet Solingen nun einen weiteren Schritt. Das vom Bund geförderte Projekt „BOB Solingen“ erlaubt sowohl der Stadt Solingen als auch ihrem Verkehrsunternehmen durch Einsatz einer neuen Fahrzeuggeneration, den Batterie-Oberleitungsbussen, eine Neudefinition des kommunalen ÖPNV. Durch die Weiterentwicklung leitungsgebundener Busse, ihrer Antriebs-, Kommunikations- und Energieversorgungstechnologien sollen die Voraussetzungen für einen nachhaltigen und wirtschaftlichen ÖPNV ausgebaut, lokal erzeugte Energie genutzt sowie Lärm und Schadstoffemissionen reduziert werden, ohne einen Komfortverlust für die Fahrgäste oder betriebliche Einschränkungen durch Ladezeiten hinnehmen zu müssen.

Derzeit gibt es in Solingen zwei voneinander getrennte Liniennetze, das Obus-Netz und das Dieselbus-Netz. Während sich die Obus-Linien weitgehend an den historischen Straßenbahnlinien orientieren und damit auf den Hauptverkehrsstraßen verkehren, erschließen die Dieselbuslinien Stadtquartiere, Wohnsiedlungen, Gewerbegebiete und Nachbargemeinden. Eine Anpassung von Linienwegen im Obus-Netz war bisher nur mit großen Einschränkungen verbunden.

Kundenwünsche können besser berücksichtigt werden

Mit den Batterie-Oberleitungs-Bussen, die während des Fahrens „am Draht“ geladen werden (In-Motion-Charging) und über den Batteriebetrieb längere Streckenabschnitte ohne Fahrleitung abdecken, ist zukünftig eine rein elektrische ÖPNV-Erschließung des gesamten Stadtgebietes möglich. Langfristig sollen sie die Dieselbuslinien gänzlich ersetzen. Im Idealfall benötigen einzelne BOB-Buslinien in Zukunft dann nur noch Oberleitungen auf etwa einem Drittel des gesamten Linienweges. Damit erlauben die BOB der Stadt, das Busliniennetz nicht nur einzelfallbezogen, sondern linienübergreifend vollständig neu zu strukturieren.

Die zukünftigen Linienwege der Busse können sich aufgrund der neuen flexibleren Ladestruktur erstmalig an den Bedürfnissen der Kunden orientieren. Es können neue umsteigefreie Busverbindungen auf wichtigen Relationen geschaffen und es kann durch Abbau von Erschließungs- und Verbindungsdefiziten der Anteil der Fahrten mit dem ÖPNV wesentlich gesteigert werden. Auf Basis umfassender Nachfrageanalysen wird nunmehr ein neues Busliniennetz und ein dem BOB-Fahrzeugbestand angepasstes Umsetzungskonzept entwickelt.

Auch die Stromversorgung soll in Zukunft klimafreundlich und netzdienlich angepasst und das bestehende Oberleitungsnetz zum Smart-Trolleybus-System weiterentwickelt werden. Bisher fließt der Strom vom Stromverteilnetz in das Oberleitungsnetz. Zukünftig sind Fotovoltaikanlagen geplant, die direkt an das Oberleitungsnetz angeschlossen werden und die Busse mit grünem Strom versorgen.

Lokaler Ökostrom im Netz

So wird der Solinger Nahverkehr perspektivisch nur noch durch lokal erzeugten Ökostrom versorgt. Das Projekt verwendet außerdem die alten Batterien der Busse, um stationäre Speicher im Netz aufzubauen. Diese stabilisieren das Oberleitungs- und Stromverteilnetz. Dank eines intelligenten Lade- und Energiemanagementsystems können Stromlastspitzen in beiden Netzen abgefangen werden. Die Integration erneuerbarer Energien in das elektrische Netz wird so generell verbessert.

Zusätzlich planen die Verantwortlichen, Ladesäulen für Privathaushalte an das Oberleitungsnetz anzuschließen. Mit diesem ausgeklügelten Verfahren zeigt das Projekt beispielhaft, wie intelligente Vernetzung, neue Technologien und ein durchdachtes Konzept zusammenspielen, um dem Klimawandel entgegenzutreten und eine Stadt zukunftsorientiert zu gestalten. Aus diesen Gründen gilt es als Vorreiter für den Klimaschutz und reiht sich in die Riege qualifizierter Projekte der Themenwelt „Mobilität gestalten“ der Landesinitiative Klima-Expo NRW (s. Info) ein.

Gabriele Zauke / Daniel Bogatz

Die Autoren
Gabriele Zauke ist Nahverkehrsplanerin der Stadt Solingen, Daniel Bogatz ist Projektleiter für Mobilität und ÖPNV bei der Neuen Effizienz, Bergische Gesellschaft für Ressourceneffizienz in Wuppertal

Info: Die Klima-Expo NRW identifiziert und prämiert als Initiative der nordrhein-westfälischen Landesregierung Vorreiter in Sachen Klimaschutz. Diese Projekte erfüllen eine Vielzahl an Kriterien, darunter ein hoher Innovationsgrad, Nachhaltigkeit sowohl in ökologischer als auch ökonomischer Hinsicht und Übertragbarkeit auf unterschiedliche Bereiche und Branchen. Die Initiative hat sich zum Ziel gesetzt, den Klimaschutz in Nordrhein-Westfalen voranzutreiben und das technologische und wirtschaftliche Potenzial der Region weiter auszubauen. Als Leistungsschau werden bis zum Jahr 2022 wegweisende Ideen einem breiten Publikum präsentierr.