Imagegewinn für die Stadt

In Einkaufslaune: Der Erfolg von verkaufsoffenen Sonntagen lässt sich zum Beispiel an einer hohen Kunden- und Passantenfrequenz ablesen. - Foto: Antonioguillem/Fotolia

Verkaufsoffene Sonntage sind in der Gesellschaft umstritten. Die Befürworter sehen darin ein wirksames Instrument der kommunalen Wirtschaftsförderung und der Imagepflege des Standorts. Damit die Veranstaltungen erfolgreich verlaufen, müssen Verwaltung, Gewerbeverein und Unternehmen zusammenarbeiten.

Das Thema „Verkaufsoffener Sonntag“ ist in Deutschland oft konfliktbehaftet. Es hat rechtliche, religiöse, wirtschaftliche, kulturelle und historische Aspekte. In diesem Beitrag geht es um die Frage, wie der Verkaufsoffene Sonntag unter heutigen Bedingungen als Instrument der kommunalen Wirtschaftsförderung zu beurteilen ist und wie er sinnvoll gestaltet werden kann.

Ein kurzer Rückblick auf die Geschichte zeigt: Im Zuge der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion hat der römische Kaiser Konstantin die Sonntagsruhe eingeführt, um den „Tag des Herrn“ zu heiligen. Erst im 19. Jahrhundert wurde diese Regelung abgeschafft. Seitdem wurde der gesetzliche Schutz des Sonntags immer wieder verändert. Heute gilt Artikel 140 des Grundgesetzes (= Art. 139 der deutschen Verfassung von 1919 ): „Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.“

Gesetzgebung ist Ländersache

Die Sonntagsruhe hat also in Deutschland Verfassungsrang; aber seit 2006 ist die Gesetzgebung zum Ladenschluss Sache der Bundesländer. Einige orientieren sich am alten bundesdeutschen Ladenschlussgesetz (Bayern, Hessen, Sachsen-Anhalt, Thüringen), andere nutzen den Spielraum und wenden Landesgesetze an. Demnach erlaubt Baden-Württemberg drei verkaufsoffene Sonntage pro Jahr. Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein gestatten vier, Brandenburg sechs, Berlin acht und Nordrhein-Westfalen elf. Sonderregelungen gelten zeitlich zum Beispiel für die Adventssonntage und örtlich für Kurorte, für Bahnhöfe und Flughäfen.

Vor allem die Kirchen dringen darauf, die Ladenöffnung am Sonntag restriktiv zu handhaben. Von ihnen und anderen Gegnern einer weitgehenden Freigabe werden vor allem diese Argumente geltend gemacht:

  • Auch wenn in Deutschland Kirche und Staat getrennt sind, gilt noch immer das Verfassungsgebot, das den Sonntag grundsätzlich schützt und Ladenöffnung einschränkt

  • Die Sonntagsruhe ist unabhängig von religiösen Vorstellungen ein Kulturgut, dessen Achtung und Bewahrung allen Bürgern des Landes zugute kommt; vor allem ist er für Familien wichtig, wenn beide Eltern berufstätig sind

  • Die Arbeitnehmer im Einzelhandel müssen vor Überbeanspruchung geschützt werden

  • Auch viele Inhaber familiengeführter Unternehmen im Facheinzelhandel empfinden verkaufsoffene Sonntage vor allem als Belastung

  • Verkauf am Sonntag führt nur zur Verlagerung der Umsätze vom Werktag auf den Sonntag

  • Viele Stammkunden meiden die an verkaufsoffene Sonntage oft überfüllten Innenstädte

  • Das Verkehrsaufkommen in der Stadt erhöht den Immissionsdruck

All diese Gegenargumente sind ernst zu nehmen, um den öffentlichen Frieden in der Gemeinde zu wahren. Es braucht also gute Pro-Argumente, wenn doch verkaufsoffene Sonntage in der Kommune durchgeführt werden sollen. Welche sind dies ?

Ein drängendes Problem vieler Städte ist die seit Langem zu beobachtende Schwächung der Innenstädte bis hin zur Verödung. Das Gemeinwesen bleibt nur vital, wenn am Standort eine hohe Wertschöpfung erzeugt wird. Dabei geht es natürlich um die wirtschaftliche Leistung der Unternehmen, aber auch um die kulturelle und soziale Wertschöpfung, die eine Stadt als Wohnort lebenswert und als Einkaufsort attraktiv machen.

Mehr als je zuvor stehen alle Kommunen untereinander in einem scharfen Standortwettbewerb. Kunden sind heute hochmobil und fahren dorthin zum Einkaufen, wo das Angebot attraktiv ist und ihnen günstige Bedingungen zum Einkaufen geboten werden.

Erfolg stellt sich nicht von allein ein

Dem Fachhandel in den Innenstädten fehlen erhebliche Umsatzanteile, die schon seit Langem die oft zu groß dimensionierten Einkaufszentren auf der grünen Wiese und seit einigen Jahren stark zunehmend die Internetanbieter abziehen. Dagegen arbeiten die Kommunen mit oft sehr aufwendigen Stadtmarketing-Maßnahmen an. Hauptziel des Stadtmarketings ist es, die Kaufkraft der Bürger aus der Stadt und ihrem Umland am Standort und vor allem in der Innenstadt zu halten. Als wirksam hat sich die Kombination von Gemeinschaftswerbung und Gemeinschaftsevents bewährt. Ein zugstarkes Event ist in der Regel der verkaufsoffene Sonntag. Befragungen aus jüngerer Zeit zeigen, dass mehr als 60 Prozent der Deutschen einen solchen Tag zum Einkaufen nutzen.

Ein „Selbstläufer“ sind verkaufsoffene Sonntag aber nicht. Es sind einige Faktoren zu beachten, von denen der Erfolg maßgeblich abhängt:

  • Häufigkeit: Wie bei allen Maßnahmen hängt der Erfolg, gemessen in Passanten- und Kundenfrequenz, zusätzlich generiertem Umsatz und Imagegewinn, vom richtigen Maß ab. In mittelgroßen Städten haben sich drei bis vier Termine pro Jahr bewährt.

  • Wettbewerb: Ein nicht lösbares Problem ist die meist mangelnde Abstimmung der VOS-Termine benachbarter Städte. An den wenigen Sonntagen, die sich unter Beachtung anderer Großveranstaltungen und etwa der Urlaubszeiten überhaupt für die Verkaufsöffnung eignen, setzen oft mehrere Mittelzentren in einer Region ihre Termine gleichzeitig an. Sie versuchen, sich die Kunden aus dem Umland gegenseitig abzuwerben und neutralisieren so einen Teil des ökonomischen Effekts. Verzichtet aber eine Kommune auf verkaufsoffene Sonntage, so verliert sie an Attraktivität und fällt im interkommunalen Wettbewerb zurück.

  • Service: Im Gegensatz zu früheren Zeiten mit strengem Ladenschluss und ohne Internet-Angebote hat sich die Wahlsituation der Kunden grundsätzlich gewandelt. Die bloße Möglichkeit, am Sonntag einzukaufen, wird nicht mehr als Sensation empfunden. Ein verkaufsoffener Sonntag wird heute nur dann als attraktiv wahrgenommen, wenn er aus Sicht der Kunden bedürfnisgerecht gestaltet wird. Für die Geschäfte bedeutet das, sie müssen besondere Angebote bereithalten, zusätzlichen Service bieten und ihre Leistung an diesem Tag vorab entsprechend bewerben. Für die Kommunalverwaltung heißt das: Der Ansturm muss bewältigt werden. Erreichbarkeit (Verkehrslenkung und Baustellenmanagement ), Parkgelegenheiten, Sauberkeit und Sicherheit müssen gewährleistet sein.

Um den verkaufsoffenen Sonntag aufzuwerten und ihm breite Akzeptanz zu sichern, haben sich diese Maßnahmen bewährt:

  • Die Termine werden frühzeitig vor dem Ende des Vorjahres zwischen Kommunalverwaltung und Gewerbeverein abgestimmt. Am besten funktioniert das, wenn die verkaufsoffenen Sonntage als zentraler Bestandeil in ein Jahresaktions-Programm eingebettet sind.

  • Außer den individuellen Aktivitäten der Einzelhandelsgeschäfte werden zugkräftige Gemeinschaftsaktionen durchgeführt wie Bauernmarkt, Blumen- und Gartenmarkt, Autosalon, Modenschauen oder auch Adventsbasar.

  • Im kulturellen Rahmenangebot können sich die Vereine und vor allem die Kirchengemeinden der Öffentlichkeit präsentieren können. Die öffentlichen Plätze werden auf diese Weise bespielt und die ganze Innenstadt wirkt lebendig.

  • Es gibt wetterunabhängige Angebote in Innenräumen, Zelten und auch in Kirchen; bei den Kirchen sollte das kulturelle Angebot (z. B. Orgelkonzert, Auftritt der Chöre, Kirchen- und Turmführung) im Vordergrund stehen.

Die Kosten der kommerziellen Gemeinschaftsaktionen tragen die daran beteiligten Unternehmen selbst. Kulturelle Aktionen werden bezuschusst, und die Finanzierung der notwendigen Gemeinschaftswerbung in der Region trägt die Stadtkasse, denn der wirtschaftliche Nutzen kommt dem ganzen Standort zugute und damit auch den zahlreichen örtlichen Unternehmen wie Gastronomie und Handelsfilialisten, die oft nicht Mitglied im Gewerbeverein sind und regelmäßíg als Trittbrettfahrer von den Anstrengungen der beitragzahlenden Mitglieder profitieren.

Angesichts der eingangs beschriebenen Widerstände und der heterogenen Interessenlage auch unter den Geschäftsleuten ist es erfolgsentscheidend, dass für gute und frühzeitige Kommunikation unter den Akteuren gesorgt wird ( Ziel: Planungssicherheit ) und dass Veranstaltungen am verkaufsoffenen Sonntag der Öffentlichkeit gut kommuniziert und intensiv beworben werden. Wenn diese Empfehlungen konsequent umgesetzt werden, wird der verkaufsoffenen Sonntag ein wirksames Instrument der kommunalen Wirtschaftsförderung und der Standort-Imagepflege sein.

Karl J. Eggers

Der Autor
Dr. Karl J. Eggers, Lambrecht, ist Unternehmens- und Kommunalberater