Fahrplan zum Umstieg

Die Region Heilbronn-Neckarsulm ist wie jeder wirtschaftsstarke Ballungsraum geprägt von hohem Verkehrsaufkommen und vielen Pendlern. Die Aufgabenträger und die Kommunen verbessern im Rahmen eines Mobilitätspakts schrittweise das Verkehrsangebot. Mit dabei: das Bahnbetriebsunternehmen Albtal-Verkehrs-Gesellschaft.

Eine einwohnerstarke Region mit hoher Wirtschaftskraft wie der Ballungsraum Heilbronn-Neckarsulm in Baden-Württemberg braucht ein gut funktionierendes Verkehrsangebot. Einen wesentlichen Beitrag für eine wirtschaftlich und ökologisch nachhaltige Verkehrsentwicklung sollen zukünftig intermodale und vernetzte Lösungsansätze leisten. Dabei kommt dem Öffentlichen Personennahverkehr eine entscheidende Rolle zu. Mindestens bildet er ein starkes Rückgrat im Verkehrsmix; im Idealfall aber sogar die komplette Alternative zum Individualverkehr.

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Um gemeinsam Konzepte zu entwickeln, die die verschiedenen Interessen unter einen Hut bringen, wurde im Juli 2017 der Mobilitätspakt für den Wirtschaftsraum Neckarsulm abgeschlossen. Neben Vertretern des Ministeriums für Verkehr Baden-Württemberg, der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg, des Regierungspräsidiums Stuttgart, des Landkreises Heilbronn sowie der Städte Heilbronn und Neckarsulm, Vertretern der ansässigen Industrieunternehmen Audi und Schwarz-Gruppe ist auch die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) als Verkehrsunternehmen aus der Region beteiligt. „Wir sind stolz, dass wir mit der Politik und der Wirtschaft an einem Konzept arbeiten durften, das den Verkehr in und um Neckarsulm weiterentwickelt und zukunftsfähig macht“, sagt Ascan Egerer, technischer Geschäftsführer der AVG.

Zuwachs der Fahrgastzahlen

Die Projektpartner haben in einem breit gefächerten Katalog unter anderem Maßnahmen definiert, mithilfe derer das Angebot auf der Schiene deutlich optimiert werden soll. Einiges wurde bereits umgesetzt und zeigt Wirkung, andere Maßnahmen sind noch in Arbeit. „Im Rahmen des Mobilitätspaktes ist es gelungen, Verbesserungen im Angebot des Schienenpersonennahverkehrs zu vereinbaren und umzusetzen. Hier entstehen echte Vorteile für unsere Fahrgäste“, sagt Egerer.

Die Erfahrungen der AVG zeigen: Wo der Fahrplantakt stimmt, schnelle Verbindungen und möglichst wenig, aber wenn, dann kurze Umstiege angeboten werden, da steigen die Fahrgastzahlen innerhalb kürzester Zeit an. „Die Stadtbahn Heilbronn ist ein Erfolgsmodell. Wenn wir jetzt im Schulterschluss mit Politik und Industrie an verschiedenen Stellschrauben drehen, können wir dieses Erfolgsmodell weiter ausbauen und auch die neuere Stadtbahn Heilbronn Nord noch weiter verbessern.“

Das zweitgrößte Eisenbahnunternehmen Baden-Württembergs verbindet mit seinen Tram-Trains, die auf den Strecken der Deutschen Bahn als Eisenbahnen und innerstädtisch wie in Heilbronn und Karlsruhe als Straßenbahnen unterwegs sind, bereits seit 1999 Karlsruhe über Bretten und den Kraichgau mit Heilbronn. Dort fahren die Stadtbahnen seit 2001 bis hinein ins Zentrum. Verlängert wurde die Strecke im Jahr 2004 bis Heilbronn-Pfühlpark und 2005 bis Öhringen-Cappel.

Liniennetz ausgeweitet

Um noch mehr Menschen den täglichen Weg zur Arbeit, zum Einkauf oder in die Schule mit der Stadtbahn zu ermöglichen, wurde im April 2015 (in Teilen bereits im Dezember 2014) die Stadtbahn Heilbronn Nord in Betrieb genommen. Die Linien S41 und S42 starten beide im Zentrum von Heilbronn, führen vorbei am Theater, an der Konzernzentrale von Kaufland und vorbei am Audi-Werk zur angrenzenden wirtschaftsstarken Stadt Neckarsulm bis nach Bad Friedrichshall. Dort trennen sich die beiden Linien. Die S41 führt weiter über Offenau, Gundelsheim am Neckar, Haßmersheim und Neckarzimmern nach Mosbach. Die S42 fährt über Bad Wimpfen, Bad Rappenau, Babstadt, Grombach und Steinsfurt nach Sinsheim.

Im Rahmen des Mobilitätspakts wurden mit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2017 die ersten Schritte umgesetzt, um das Schienenangebot zu optimieren. Weitere Verbesserungen folgten im Sommer 2018 und die letzten Anpassungen gab es erneut zum großen Fahrplanwechsel im Dezember 2018. „Wir haben dichtere Takte geschaffen, fahren damit nun häufiger und bieten zusätzliche Sitzplätze durch Anhängen eines weiteren Fahrzeugs. In enger Abstimmung mit dem Aufgabenträger und Infrastrukturbetreiber konnten wir Fahrpläne so anpassen, dass attraktive neue Umsteigebeziehungen entstanden sind“, erklärt Egerer. Die betrieblichen Maßnahmen aus dem Mobilitätspakt haben nach ersten Eindrücken bereits zu einer Erhöhung der Fahrgastzahlen geführt.

Doch das in Karlsruhe ansässige Eisenbahnunternehmen sieht für die Strecken noch mehr Potenzial: „Wir wünschen uns, dass jetzt die mit größerem Zeitaufwand verbundenen infrastrukturellen Maßnahmen umgesetzt werden, die wir zusammen mit den Partnern definiert haben.“ Veränderungen an den Signalanlagen, um nur ein Beispiel zu nennen, könnten dafür sorgen, dass auf der ohnehin sehr stark befahrenen Strecke die Stadtbahn dichter hinter dem Regionalzug fahren kann. „Das wäre ein echtes Plus für die Pünktlichkeit“, sagt der AVG-Chef. „Wir sind dazu weiter im Gespräch mit den Projektpartnern.“

Als ein klares Bekenntnis zum ÖPNV sieht Egerer den Plan, die Stadtbahn an einigen Kreuzungen in Heilbronn gegenüber dem Individualverkehr zu bevorrechtigen. Das funktioniert in Karlsruhe sehr gut. Die gelbe Stadtbahn hat Vorfahrt an vielen Kreuzungen, Autos müssen warten. Das macht den Schienenverkehr insgesamt noch attraktiver: Autos bleiben in der Garage, die Luft wird reiner.

Alexander Pischon

Der Autor
Dr. Alexander Pischon ist Geschäftsführer der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft in Karlsruhe