Das Miteinander gestalten

Moschee in Usingen im Taunus: Wenn Religion in Form von Sakralbauten in den öffentlichen Raum tritt, verlangt sie von Kommunalpolitik und Kommunalverwaltung eine bewusste Auseinandersetzung und Gestaltung. - Foto: Fotografci/Fotolia

Die Zukunft der Städte hängt nicht zuletzt davon ab, ob es gelingt, die durch Zuwanderung wachsende kulturelle Vielfalt gemeinsam zu gestalten. Dafür braucht es produktive Orte, die Identität stiften und die Geschichte weitererzählen. – Teil 2 unserer Beitragsreihe.

Religion und religiöse Symbolik prägen seit jeher das städtische Leben. Oft überragen jahrhundertealte Sakralbauten die Häuser einer Stadt und sind nicht selten identitätsstiftend für die Einwohnerschaft. Was wäre Köln ohne den Dom, Ulm ohne das Münster? Umso mehr gilt dies in der Einwanderungsgesellschaft, denn mit den eingewanderten Gläubigen haben auch deren Religionen in Deutschland eine Heimat gefunden.

Das gemeinschaftliche Miteinander unterschiedlicher Religionen ist herausfordernd. Gerade auf der lokalen Ebene stellt sich mit zunehmender Vielfalt die Frage, wie das Zusammenleben zum Wohle aller gestaltet werden kann. Konflikte entstehen meist dann, wenn die Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen sichtbar werden. Am deutlichsten erleben wir dies in den vergangenen Jahren mit Muslimen, deren Anteil an der Bevölkerung seit den 1950er-Jahren auf rund fünf Prozent gewachsen ist.

Religion im öffentlichen Raum

Religiöse Alltagspraxis, vor allem Gebetsrituale, finden selten im öffentlichen Raum statt. Sichtbar wird die religiöse Vielfalt neben am Körper getragenen Symbolen, wie Kreuz, Kippa, Kopftuch oder Gebetskette, vor allem durch Bauwerke. Lange Zeit wurden Moscheen an den Rand gedrängt. In Gewerbegebieten entstanden unscheinbare „Hinterhofmoscheen“. Die Kinder und Enkel muslimischer Einwanderer, geboren und aufgewachsen in Deutschland, streben heute immer stärker danach, eigene repräsentative Gotteshäuser für ihre Gemeinden zu errichten.

Wenn Religion in den öffentlichen Raum tritt – wie im Fall von Sakralbauten, aber auch im Hinblick auf Friedhöfe und Bestattungsriten –, verlangt sie von Kommunalpolitik und Verwaltung eine bewusste Auseinandersetzung und Gestaltung. Religion ist dann keine Privatsache mehr, sondern höchst politisch und äußerst bedeutend für das städtische Miteinander.

Über die Lage, Gestaltung und Nutzung von Moscheen entbrennen nicht selten hochgradig emotionale Konflikte. Am deutlichsten rücken Moscheen ins Stadtbild, wenn sie im Zentrum errichtet werden. Solche zentralen Lagen rufen schnell jene auf den Plan, die sich schwer damit tun, der Realität der Einwanderungsgesellschaft auch baulich ein Zeichen zu setzen.

Besonders heftig wird meist darum gerungen, ob ein Minarett errichtet werden darf. Und es geht dann auch darum, wie viel Verkehr verursacht wird, ob es genug Parkplätze gibt und die Anwohner sich gestört fühlen. In Zeiten, in denen die Debatte über den Islam sowieso aufgeheizt ist, werden auch die Gottesdienste selbst argwöhnisch betrachtet und bieten Anlass für weiteren Zwist.

Fast alle deutschen Großstädte kennen mittlerweile solche Konflikte um Moscheebauten. Der Umgang damit ist der Prüfstein für das Zusammenleben in der Stadt: Gelingt es, die unterschiedlichen Interessen auszugleichen und ein neues Selbstbild zu formulieren? So präsentiert zum Beispiel die Tourismus-Website der Stadt Köln nicht mehr nur den Dom als Wahrzeichen, sondern führt auch die Zentralmoschee in Ehrenfeld als architektonische Sehenswürdigkeit auf.

Produktive Orte

Freilich ist es nicht leicht, ein städtisches Selbstbild zu erstellen, das die gesamte Vielfalt umfasst. „Produktive Orte“ nennen wir jene Plätze, Einrichtungen und Veranstaltungen, die dazu beitragen, ein neues Gemeinschaftsgefühl hervorzubringen. Es sind beispielsweise die (Stadtteil-)Bibliotheken und Museen, die Begegnung und Dialog ermöglichen, die neue Nutzungsformen und -gruppen erschließen sowie notwendige Dienstleistungen bereitstellen. Als Treffpunkte und Bildungsorte werden sie immer wichtiger. Ein anderes Beispiel sind Paraden und Festivals, bei denen die Vielfalt der Stadt öffentlich und im besten Fall unter deren Schirmherrschaft gefeiert wird.

Handlungsempfehlungen

In der vielfältigen Stadt ist es wichtig, die unterschiedlichen Einwohner- und Interessengruppen in die Gestaltung des öffentlichen Raums einzubeziehen. Nur so ist gewährleistet, dass verschiedenartige Ansprüche anerkannt und Veränderungen akzeptiert werden. Für den Umgang mit sakralen Bauten wären staatliche Leitlinien sehr nützlich, würden sie doch für alle Beteiligten die Verlässlichkeit erhöhen und verhindern, dass religionspolitische Grundsatzentscheidungen jeweils vor Ort zu treffen sind.

Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft müssen zudem Verantwortung für den interreligiösen Dialog übernehmen und ihn als einen Prozess verankern, der neben Austausch und Verständigung ebenso demokratische Wertebildung umfasst. Stadtentwicklung und Integrationspolitik sind stärker zu verzahnen – dabei sollte die Leistungsfähigkeit der produktiven Orte genutzt werden. Dies ist ohne zusätzliche Ressourcen allerdings kaum möglich. Doch es lohnt sich, in Stadt(teil)bibliotheken, in Begegnungszentren oder in Festivals zu investieren – für die Zukunft unserer kulturell vielfältigen Städte.
Kai Unzicker / Andreas Grau

Die Autoren
Dr. Kai Unzicker ist Senior-Projektmanager im Programm Lebendige Welt bei der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh, Andreas Grau ist dort Projektmanager

Info: Studie
„Kulturelle Vielfalt in Städten. Fakten – Positionen – Strategien“, Hrsg. Bertelsmann Stiftung 2018, Gütersloh (Autorinnen: Prof. Felicitas Hillmann, Hendrikje Alpermann)

Teil 1 dieses Beitrags ist in der gemeinderat, Ausgabe 9/2018, erschienen.