Bürgermeister Andreas Brohm: „Zukunft gibt es in jedem Dorf“

Bürgermeister Andreas Brohm: „Wir wollen online mit jeder unserer Dienstleistungen für unsere Kunden und Partner erreichbar sein.“ - Foto: Stadt Tangerhütte

Die Digitalisierung führt zu einer Renaissance des Landlebens, ist Andreas Brohm, Bürgermeister von Tangerhütte (Sachsen-Anhalt), überzeugt. Im Interview erläutert er Stand und Perspektiven des Breitbandausbaus in seiner Stadt und der Region und benennt Fehler in der Förderpolitik des Bundes.

Herr Bürgermeister Brohm, Turbo-Internet über Glasfaser und Digitalisierung gelten als zwingende Voraussetzungen für die Zukunftsfähigkeit des ländlichen Raums. Wie viel Zukunft hat denn angesichts der aktuellen Breitbandversorgung Ihre Stadt beziehungsweise die Einheitsgemeinde Tangerhütte?

Brohm: Bei uns steht die Zukunft vor der Tür. Wir sind Mitglied im Zweckverband Breitband Altmark (ZBA), der in den kommenden Jahren die Altmark flächendeckend erschließen wird. FTTH, das heißt Glasfaseranschluss bis in die Wohnung, in jedem Dorf ist unsere Zukunft. Damit wird die Altmark besser erschlossen sein als der Rest im Land Sachsen-Anhalt. Das ist ein wichtiger Baustein für die weitere positive Entwicklung unserer Region.

Wie äußern sich Unternehmen und Bürger in Ihrer Gemeinde zur schlechten Breitband- und Mobilfunkversorgung? Gibt es Beispiele von produzierenden Betrieben und Handwerksfirmen, die aufgrund einer fehlenden oder schlechten Anbindung Nachteile geltend machen?

Brohm: In unserer Gemeinde haben sich mehr als 60 Prozent der Einwohner für den FTTH-Anschluss angemeldet. Das zeigt, wie unzufrieden man mit der aktuellen Situation ist und wie wichtig die Breitbanderschließung. Eine Unterversorgung ist ein No-Go für jede Ansiedlung und auch akut ein Grund für unsere Unternehmer, die Region womöglich zu verlassen.

Und im Rathaus – wie weit ist die Verwaltung betroffen von einer ungenügenden Breitbandversorgung?

Brohm: Auch unsere Arbeitsweise digitalisiert sich. Wir wollen online mit jeder unserer Dienstleistungen für unsere Kunden und Partner erreichbar sein. Dazu brauchen wir das leistungsfähigste Netz und keine Brückentechnologien.

Wiederholt haben Sie in jüngster Zeit öffentlich den schleppenden Breitbandausbau in ländlichen Regionen und die falsche Ausbaustrategie des Landes Sachsen-Anhalt kritisiert. Wo liegen die Probleme?

Brohm: Die Probleme liegen in den Förderregularien von Bund und Land. Diese sind zu kompliziert und überfordern kommunale Strukturen. Der willkürliche Ausbau der Telekom mit Kupferkabeln torpediert zusätzlich das Vorhaben. Es fehlt am politischen Willen von oben, eine einheitliche zukunftsorientierte Lösung umzusetzen. Vielmehr besteht der Wunsch, Kupferanschlüsse so lange wie möglich am Netz zu halten. Das Land Sachsen-Anhalt hat der Vectoring-Förderung den Vorzug eingeräumt.

Was ließe sich besser machen? Was ist vonseiten des Bundes nötig, was vonseiten des Landes?

Brohm: Grundsätzlich sollte der Bund das Ziel formulieren: FTTH in jedes Haus. Entsprechende Strukturen zur Errichtung und Betreibung der Netze müssen vorgegeben und gefördert werden. Es sollte kein Kupfer mehr gefördert oder indirekt subventioniert werden. Jemand muss der Telekom verbieten, ihr Netz schützen zu dürfen. Das geht nur mit der Bedingung FTTH.

Berühren die aktuellen ungünstigen Voraussetzungen das Vorhaben, im Rahmen des Zweckverbandes Breitband Altmark (ZBA) die Altmarkregion flächendeckend mit Glasfaser nach dem FTTB-Konzept zu erschließen?

Brohm: Sie bestätigen unsere Bemühungen der vergangenen Jahre. Unser Projekt steht vor der Umsetzung. Ich hoffe, dass wir nun jedes Dorf erschließen dürfen. Bislang durften nur Ortschaften mit weniger als 2000 Einwohner durch den ZBA erschlossen werden. Das Land Sachsen-Anhalt wird die rote Laterne bei der FTTH-Erschließung in Deutschland nur abgeben, wenn die Altmark ihr Projekt umsetzt.

Wann werden sich in Ihrer Gemeinde Unternehmen und Bürger an die Glasfaser anschließen können?

Brohm: Das wird in den kommenden ein bis zwei Jahren geschehen. Die Deutsche Telekom baut in der Region, so auch in der Einheitsgemeinde, parallel ihr eigenes Netz mit Glasfaser bis zu den Kabelverzweigern aus. Die größten Städte der Region, Altmark, Stendal und Salzwedel, haben sich für eine Kooperation mit dem Monopolisten entschlossen.

Was sagen Sie als Mitinitiator des Zweckverbands Breitband Altmark zu einem Parallelausbau, der ja die Wirtschaftlichkeitsbedingungen des kostspieligeren FTTB-Vorhabens deutlich verschieben dürfte?

Brohm: Wir haben alles versucht, das Verlegen von Kupferkabeln in unsere Gemeinde zu verhindern. Es ist Steuerverschwendung und schädigt unnötig unsere kommunalen Wege, die mehrfach aufgerissen werden müssen. Das werden wir, wie angekündigt, überbauen, und der Kunde wird entscheiden. Ich glaube, dass es sich zum Beispiel Stendal oder Salzwedel auf Dauer nicht leisten können, mit lediglich maximal 50 Mbit/s ihre Bürger und Unternehmen zu versorgen, wenn in den Dörfern vor der Stadt 1000 Mbit/s möglich sind. Da werden wir in den kommenden Jahren eine spannende Dynamisierung sehen.

Zum Argument auch Ihres Landeswirtschaftsministers, privatwirtschaftlichen Aktivitäten sei der Vorrang zu geben vor einem Breitbandausbau mit Steuermitteln, wie ihn der ZBA betreibt, haben Sie sicher Ihre eigene Meinung …

Brohm: Der ZBA würde gar keine Steuermittel benötigen, wenn die Telekom sich nicht die Rosinen herausgepickt hätte. Die Frage, die sich stellt, ist doch, FTTH und zukunftssicher oder Vectoring und wir hinken der Entwicklung weiter hinterher.

Ihre Gemeinde besteht nicht nur aus der Kernstadt, sondern auch aus 31 Ortschaften, von denen die kleinsten nicht einmal 100 Einwohner haben. Welche Vorteile versprechen Sie sich als Bürgermeister für diese Mini-Dörfer vom Glasfaserausbau bis in die Gebäude?

Brohm: FTTH ist eine Grundversorgung wie Strom und Wasser. Warum ist die Größe des Dorfes entscheidend, ob FTTH oder nicht? Wir müssen uns von solchen Denkweisen lösen. Zukunft gibt es in jedem Dorf, und gerade die Digitalisierung wird die Nachteile dünnbesiedelter Regionen neutralisieren. Mit einer zukunftssicheren Daseinsvorsorge, sprich Infrastruktur, wird den Dörfern als Lebens- und Arbeitsort die Zukunft gehören. Wir überwinden damit die Geografie.

Welche digitalen Angebote und Services könnten Bürger und Unternehmen im ländlichen Raum halten oder ihnen eine Ansiedlung dort erleichtern?

Brohm: Die Digitalisierung der Prozesse macht Wege schneller und kürzer, das wird der größte Vorteil für unser Flächenland sein. Dank Online-Handel brauchen wir nicht mehr das große Kaufhaus um die Ecke. Elektronisch sind wir mit dem Arzt in Kontakt und haben das Gefühl, jederzeit gut versorgt zu sein, obwohl die Praxis weit weg ist. Im Homeoffice arbeiten wir entspannt und schalten uns automatisch in die Telefonkonferenz nach Berlin, New York oder Neuruppin. Wir genießen die Vorzüge des Landlebens und sind vernetzt mit der Welt. Schöner kann die Balance zwischen Arbeiten und Leben nicht aussehen. Die Digitalisierung führt zu einer Renaissance des Landlebens – die übrigens bereits in vollem Gange ist.

Interview: Wolfram Markus

Zur Person: Andreas Brohm (Jg. 1979) wurde 2014 mit knapp 73 Prozent zum Bürgermeister der Einheitsgemeinde Tangerhütte gewählt, wo er auch aufgewachsen ist. Er hat in Leipzig und Sofia Betriebswirtschaftslehre studiert. Von 2006 an war er als Musical-Manager, Musikfest-Manager und Kabarettist in Deutschland und Europa unterwegs. Der Quereinsteiger ist unter anderem Vorsitzender der Leadergruppe Uchte-Tanger-Elbe in der Altmark und engagiert sich für die Entwicklung der ländlichen Region.

Info: Tangerhütte

Die Einheitsgemeinde Stadt Tangerhütte liegt im Norden von Sachsen-Anhalt. Eine einzigartige Naturlandschaft an der Elbe, besondere Kultur, sanfter Tourismus, nachhaltige Landwirtschaft und individuelle Unternehmen prägen die Region. Die Einheitsgemeinde bilden 32 Ortschaften mit insgesamt rund 10 800 Einwohnern. Die Einheitsgemeinde unterhält und bewirtschaftet zehn Kitas, drei Grundschulen, 23 Dorfgemeinschaftshäuser, eine Schulküche, einen Wildpark, ein Kulturhaus, Heimatmuseen und 26 Feuerwehren mit einem Haushalt von 15 Millionen Euro.