Berliner Regenwasseragentur: Blick nach oben

Buntes Laub vor dem Fenster: Das Team der Regenwasseragentur berät und begleitet Bauherren bei großen und kleinen Bauvorhaben rund um das Niederschlagsmanagement. - Foto: Süss

Das gibt’s – bislang – nur in Berlin: eine Regenwasseragentur. Regen macht sie nicht. Aber die Experten wissen alles über den Umgang mit Niederschlag in einer Stadt, die zuweilen mit Starkregen zu kämpfen hat und im Übrigen das Zentrum der Sahelzone Deutschlands ist.

Die zumeist eher dürregeplagte Bundeshauptstadt Berlin hat seit Mai 2018 eine Regenwasseragentur. Kein Widerspruch, sondern Reaktion auf ungestümes Stadtwachstum und immer heftigere Witterungsausschläge. Im Sommer regnet es an der Spree oft wochenlang gar nicht. Die Region ist mit nur noch selten erreichten 580 Litern Jahresniederschlag Zentrum der Sahelzone Deutschlands.

Wenn sich der Himmel aber öffnet, dann schüttet es gern wie aus Kannen, was in einer so dicht besiedelten wie versiegelten Großstadt immer mehr Probleme für Mensch und Umwelt macht. Denn die Kanalisationssysteme sind für Land-, nicht aber für Starkregen ausgelegt. Sie laufen in Gewässer über oder stauen auf Straßen zurück oder fluten Keller.

Gegen beide Extreme – heiße Dürre und Regenfluten – will sich Berlin besser wappnen, resilienter oder gar Schwammstadt werden, wie es so schön heißt. Die Stadt hat verstanden, dass das eine gesellschaftliche Aufgabe ist, zu der die Wasserwirtschaft gute Beiträge leisten, sie aber keinesfalls allein lösen kann. „Dezentral statt zentral“, sagt Dr. Darla Nickel, die Chefin der Berliner Regenwasseragentur. „Auf jedem Grundstück, jedem Haus kann viel dafür getan werden, die Stadt widerstandsfähiger und damit lebenswerter und gesünder und schöner zu machen“, erläutert Nickel. Regenwasser kann man verdunsten, versickern und für Nutzungen speichern. Alles besser, als es schnöde abzuleiten.

Das Ziel der rot-rot-grünen Landesregierung ist, die Flächen, von denen Regenwasser in die Mischwasserkanäle fließt, um ein Prozent zu reduzieren. Jedes Jahr. Das ist eine Herausforderung. Und deshalb spielt Berlin auf einer immer breiteren Klaviatur: Regen-Einleitbegrenzungen für Bauherren, Förderprogramme für Gründächer und eben die Regenwasseragentur als „Beratungs- und Informationsspinne im Netz“.

Begleiten, beraten, sensibilisieren

Das dreieinhalbköpfige Team der Agentur, die vom Land Berlin finanziert wird und bei den Berliner Wasserbetrieben angesiedelt ist, hat vor allem drei Aufgaben: Beraten und Begleiten (bei großen und kleinen Bauvorhaben), in Dialog zu Umsetzungsstrategien kommen (mit Planern, Verwaltung, Investoren und anderen Wissensträgern) sowie Sensibilisieren (die Berliner Bevölkerung). Dabei gibt es spätestens seit dem Baukastenforschungsprojekt KURAS (Konzepte für urbane Regenwasserbewirtschaftung und Abwassersysteme) Schwammstadtwissen zuhauf. Diese Lösungen über Fachkreise hinaus populär zu machen, anzuwenden, das Exotische zu Standards zu führen, das ist die Mission der Berliner Regenwasseragenten.

Beim Gründach beispielsweise geht der Trend ins Blaue, zum grün-blauen Dach. Dieses ist unter dem bepflanzten Substrat mit Retentionsboxen aus stabilem Kunststoff verstärkt und kann so noch mehr Wasser speichern und verdunsten. Mit dem richtigen Ventil und einer Wetterapp lässt sich ein solches Dach sogar vor mächtigen Gewittern gezielt entleeren.

Versickerungsmulden, Mulden-Rigolen-Systeme und Baumrigolen sind in unterschiedlichsten Ausformungen eigentlich die intelligente Wiederentdeckung des guten alten Straßengrabens, nur dass sie heute immer öfter als blühende Beete daherkommen. Fassaden werden, natürlich regenwassergetränkt, so begrünt, dass sie im Sommer als natürliche Jalousie Schatten und Kühlung spenden und im Winter Licht und damit Wärme ins Haus lassen. Dank der Zisterne im Keller oder Garten kann Regenwasser eine Wiederverwendung im Garten oder als WC-Spülwasser finden.

Und der Fußballplatz oder die Grünanlage neben selbstverständlich bewachsenen Straßenbahngleisflächen dürfen gern auch bei der nächsten Sanierung ein paar Handbreit tiefergelegt werden, damit sie bei besonders ungestümen Gewittergüssen als temporäre Polder dienen können. Das ist allemal besser, als wenn Dreckwasser in die Gewässer schwappt.

„Jeder Regentropfen, der nicht in einem Abwasserkanal landet, ist ein guter Tropfen“, gibt Nickel die Richtung vor. Hört sich rabiat an, meint aber in fast allen Fällen grüne Flächen und bedeutet, im Sommer unschätzbar wichtig, ein wenig Kühle durch die Verdunstung von Wasser. „Schwammstadt-Lösungen bringen Natur zurück in die Stadt und den lokalen Wasserhaushalt ins Lot“, sagt Nickel. Und sie sind schön – ein wenig Pflege vorausgesetzt. Ihre technische Wirksamkeit sieht man höchstens mit dem Fachblick. Aber wer hat den schon? In jedem Fall lohnen solche Planungsanpassungen für Neubauten und Umbauten im Bestand. Denn durch Abkopplung von Flächen oder durch deren Nutzung als Schwamm lässt sich langfristig viel Geld sparen, das sonst für die Regenwasserentsorgung flösse.

Stephan Natz

Der Autor
Stephan Natz ist Pressesprecher der Berliner Wasserbetriebe

Info: Regenwasseragentur

Das Portal www.regenwasseragentur.berlin informiert in Texten, Bildern und Filmen über das in Deutschland bislang noch einzigartige Projekt der Regenwasseragentur. Beispiele vermitteln, wie Gründächer zu Oasen für Insekten werden können und wie sensibel – also wassersensibel – heute in Berlin geplant und gebaut wird. Außerdem wird gezeigt, dass Grün- und Solardächer eine vorteilhafte Symbiose eingehen können.