Naturnahe Lichtkonzepte

Licht; Strand; Promenade; Wattenmeer
Die Promenade in Norddeich in stimmungsvolles Licht getauscht: Natur und Technik sind im Einklang – dank der „Waschmaschinen“, wie die beleuchteten Sitzpoller liebevoll genannt werden. Foto: OCL_Das Deck_Oliver Christen

Licht hilft und stört zugleich – und längst geht es nicht mehr nur darum, Lampen aufzustellen, sondern Konzepte zu erstellen, die sich behutsam in die Umgebung einfügen. Zum Beispiel die Promenadenbeleuchtung in Norddeich: Dort steht die Verbindung von Tourismus und Naturschutz im Blickpunkt.

Sieben Jahre Planungs- und Bauzeit waren erforderlich. Dann konnte im Juli 2022 die neue Strandpromenade in Norddeich (1200 Einwohner) eingeweiht werden: „Das Deck“. Der einzigartige Natur- und Kulturraum an der niedersächsischen Nordseeküste mit dem vorgelagerten Weltnaturerbe Wattenmeer hat eine herausragende Bedeutung für die gesamte Region. Entsprechend behutsam wurde die vorhandene Dünenlandschaft bis an die Nationalparkpromenade neu modelliert und erweitert.

Drei Holzbohlenwege führen vom Fußweg auf dem Deich durch die Dünen zum Wasser und bieten einen atemberaubenden Blick auf das Wattenmeer sowie die Nordseeinseln Juist und Norderney. Meeresterrassen aus Sitz- und Gehstufen, die in die Promenade integriert sind, und eine Eventfläche bieten direkten Zugang zum Wasser und laden zum Verweilen ein. Sämtliche Bereiche sind barrierefrei angelegt. „Das Deck“ bildet auf rund fünf Hektar somit nicht nur ein touristisches Erholungshighlight, sondern betont in vielfältiger Weise die direkte Nähe zum Nationalpark und Weltnaturerbe Wattenmeer.

Diesem hohen Anspruch an Naturschutz auf der einen und Tourismusnutzung auf der anderen Seite trägt auch das Licht Rechnung. Bei der Planung und Entwicklung für die neue Promenadenbeleuchtung lag besonderes Augenmerk auf einer perfekten Entblendung und der Vermeidung von Lichtemission.

Das Runde ist im Eckigen angekommen

Die außergewöhnlichen Rahmenbedingungen durch die Küstenschutzanforderungen und die Positionierung von Leuchten im überflutbaren Salzwasserbereich mit bis zu drei Meter Überflutungshöhe führten zur Neuentwicklung einer speziellen Lichttechnik. In Zusammenarbeit mit dem Hersteller wurde ein Unterwasserscheinwerfer so verändert, dass eine blendfreie Wegebeleuchtung mit angemessener Beleuchtungsstärke und niedrigem Energieverbrauch ermöglicht wurde.

Die 114 Einbauleuchten in den 45 Zentimeter hohen, nahezu quadratischen Sitzpollern sind rhythmisch über die 700 Meter lange Wasserkante angeordnet und tragen eindrucksvoll zu einer angenehmen Lichtsituation bei. Mit der Kombination von rundem Bullauge in eckigem Gehäuse eroberten sich die neuen Leuchten inzwischen bei Anwohnern und Besuchern den liebevollen Spitznamen „Waschmaschinen“.

Die Treppen- und Rampenanlagen zwischen Deich und Wasserkante werden ebenso stimmungsvoll erhellt: Asymmetrisch leuchtende Lichteinsätze sind unsichtbar in die barrierefreien Handläufe integriert, so dass eine spannend anmutende Ausleuchtung der jeweiligen Situation erreicht wird. Die 220 Lichteinsätze mit einer Länge von jeweils 40 Zentimetern erhöhen das Sicherheitsempfinden der Nutzer an drei Treppenanlagen und drei Rampen. Regelmäßig angeordnete Lichtkegel von flachen Bodenaufbauleuchten setzen den Lichtrhythmus auf der Deichkrone fort und ermöglichen Orientierung.

Die Wirtschaftsbetriebe der Stadt Norden waren der Bauherr. Zum Auftrag für „Das Deck“ gehörten die Erstellung sowie Realisierung des Lichtkonzepts und die Entwicklung der Sonderleuchten. Eingeschlossen waren ebenfalls Planung und Umsetzung sämtlicher elektrotechnischer Komponenten wie Kabelverteilerschränke, Marktversorgungen und Leitungsführung mit allen Herausforderungen, die durch die Nähe zur Nordsee entstehen.

Alle Leuchten sind mit LED-Lampen ausgestattet, um den Anforderungen für Energieeffizienz gerecht zu werden. Auch mit der Wahl einer warmweißen Lichtfarbe mit verhältnismäßig geringem Einfluss auf Flora und Fauna wird der Naturschutzgedanke wieder aufgegriffen. Ganz nebenbei wird so auch ein Wohlfühlambiente für die Dunkelstunden mit Sicherheit und Sichtbarkeit ohne störende Einflüsse auf das Weltnaturerbe Wattenmeer geschaffen.

Naturnahe Lichtgestaltung

Eine solche ganzheitliche Betrachtung von Beleuchtungssituationen ist mittlerweile in zahlreichen Projekten verantwortungsvoller Lichtplaner zu finden. Immer öfter wird auch eine Beleuchtungssteuerung eingesetzt, die mit unterschiedlichen Steuerungskomponenten, Sensoren und der entsprechenden Programmierung so konzipiert wird, dass Licht nur noch in der richtigen Menge, am richtigen Ort und zur richtigen Zeit erzeugt wird.

Auf der Internetseite des Nationalparks Wattenmeer findet sich dann auch folgender Hinweis:„Bemerkenswert ist das Beleuchtungskonzept, das Küstenschutzanforderungen genügen musste, aber auch möglichst insektenfreundlich und störungsarm für den Vogelzug umzusetzen war – hier hat die Biosphärengemeinde Norden Vorbildliches geschaffen.“

Wer gutes Licht lernen will – so, wie + es in diesem Beitrag dargestellt ist –, kann Angebote aus dem umfassenden Weiterbildungsprogramm der Deutschen Lichttechnischen Gesellschaft e.V. wahrnehmen. Die Seminare enthalten Themen wie Normierung, Planung und Gestaltung, Sanierung, Berechnung und Steuerung für die Innen- und Außenbeleuchtung. Sie richten sich an Lichtplaner, Architekten sowie Mitarbeiter von Stadtwerken und Kommunen.

Oliver Christen


Der Autor

Oliver Christen ist Gründer des Unternehmens OC-Lichtplanung im niedersächsischen Diepholz. Er ist seit 20 Jahren in der Deutschen Lichttechnischen Gesellschaft e.V. Mitglied und seit 2012 im Vorstandsbeirat der Bezirksgruppe Hansa aktiv.