Immer mehr Kinder können nicht schwimmen – wie Kommunen gegensteuern können

Schwimmen, Wasser
„Richtig“ Schwimmen statt Planschen – das sollten möglichst alle Kinder lernen können: Dafür machen sich die Rettungsschwimmer stark. Foto: Adobe Stock/MurielleB

Es ist Sommer, und viele Kinder können nicht schwimmen (lernen): Bäder sind geschlossen, Personal fehlt. Christoph Dolz erläutert, was sich die DLRG von den Kommunen erhofft – auch wenn saniert und Energie gespart werden muss.

In nur fünf Jahren hat sich die Zahl der Grundschüler, die nicht schwimmen können, verdoppelt. Zu diesem Ergebnis kam eine von der DLRG in Auftrag gegebene forsa-Umfrage im Herbst 2022. Diese Entwicklung ist alarmierend, gerade vor dem Hintergrund, dass sich Wassersportaktivitäten wie etwa das Stand-up-Paddling großer Beliebtheit erfreuen: Bei Einsätzen erleben unsere ehrenamtlichen Einsatzkräfte immer wieder, dass in Not geratene Personen Nichtschwimmer sind.

Gründe dafür gibt es viele. Großen Anteil hatten sicher die Coronapandemie und die Energiekrise, in deren Folge Schwimmbäder monatelang geschlossen oder auch Wassertemperaturen abgesenkt waren. Schwimmausbildung und -training waren kaum möglich.

Laut Umfrage haben 37 Prozent der Grundschüler kein Schwimmabzeichen, nicht einmal das vorbereitende Seepferdchen. Als sicherer Schwimmer gilt man erst mit dem Schwimmabzeichen Bronze: mit dem „Freischwimmer“.

Bäder sind unerlässlich für die Wassersicherheit

Laut der seit 2020 online zugänglichen Datenbank des Projekts „Bäderleben“ der Hochschule Koblenz gibt es derzeit rund 6500 mehrheitlich öffentliche Bäder. Sie schaffen ein strukturiertes, an die gesamte Bevölkerung gerichtetes und für jeden offenes Bewegungs- und Sportangebot. Dort kommen alle gesellschaftlichen Schichten zusammen.

Besonders wichtig: In den Schwimmbädern findet die Schwimmausbildung statt. Ohne sie kann keine adäquate Ausbildung erfolgen, und die Zahl der Nichtschwimmer wird weiter steigen. Zudem sind Bäder für die bundesweite Wassersicherheit unerlässlich, denn dort finden Ausbildung und Training von Rettungsschwimmern statt. Wenn es keine Schwimmbäder gibt, hat das dramatische Folgen für deren Einsatzfähigkeit und damit die Sicherheit von Badegästen. Auch Einheiten etwa der Wasserrettung im Katastrophenschutz sind betroffen, die bei Hochwasser Deiche sichern oder Menschen evakuieren.

In den letzten 20 Jahren hat sich die Zahl der qualifizierten Bäder um hunderte reduziert: Das sind aber eben jene, in denen Schulschwimmen, Schwimmsport und Schwimmausbildung sichergestellt wird. Selbst wenn kleinere Bäder durch größere ersetzt werden, verlängern sich mitunter die Wege für Schulen und ausbildende Vereine, und die Zeit im Wasser wird knapper. Die in den letzten drei Jahren stark gestiegene Nachfrage nach Schwimmkursen ist nicht zu bedienen. Wartezeiten bei Kursplätzen von mehreren Jahren sind keine Seltenheit.

Sanierungsstau bei den Schwimmbädern

Was fehlt? Wir brauchen eine bedarfsgerechte Analyse der Schwimmbadinfrastruktur. Mit dem Projekt „Bäderleben“ ist dafür eine gute Ausgangsbasis geschaffen. Entscheidend ist jedoch nicht die Zahl der Bäder, sondern die für die Schwimmausbildung geeigneten Wasserflächen.

Neben einer Weiterentwicklung der Bäderlandschaft ist auch der Sanierungsbedarf zu berücksichtigen. Rund die Hälfte der Bestandsbauten weisen einen erheblichen Sanierungsstau auf, so eine Studie der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen und der Bergischen Universität Wuppertal aus dem Jahr 2019.

Bereits drei Jahre zuvor wurde dieser Sanierungsstau mit 4,5 Milliarden Euro beziffert. Wenn er nicht behoben wird, drohen weitere Schließungen. Die perspektivisch notwendige Umstellung auf klimaneutrale Energieversorgung macht zusätzliche Investitionen unumgänglich.

Gemeinsam schwimmt man besser

Bund, Länder, Kommunen und auch Nutzende wie die DLRG sollten mit Badbetreibern an einen runden Tisch: Gemeinsam überlegen, wie die finanziellen Herausforderungen künftig gelöst sowie der Erhalt und die Entwicklung der Bäderlandschaft gesichert werden können. Idealerweise spielen dabei Zuständigkeiten und Verantwortlichkeitsbereiche eine untergeordnete Rolle, um die übergeordneten Ziele nicht aus dem Blick zu verlieren: Schwimmfähigkeit der Bevölkerung, Wassersicherheit in Deutschland, Daseinsvorsorge der Bürgerinnen und Bürger.

Bisherige Förderprogramme sind meist unterdimensioniert oder schlossen Kommunen aus, die den nötigen Eigenanteil nicht aufbringen konnten. Es darf jedoch nicht bloß um Investitionskosten gehen: Bedarf, öffentlicher Mehrwert und Lebenszykluskosten müssen dringend mit einbezogen werden.

Hinzu kommt ein akuter Personalmangel. Laut Bundesverband Deutscher Schwimmmeister fehlen aktuell bundesweit über 2500 Fachkräfte. Gründe seien unattraktive Vergütung und Arbeitszeiten. Aber auch unsichere Zukunftsaussichten während der Pandemie führten dazu, dass sich Fachkräfte umorientierten. Hier könnten Bemühungen zur Anerkennung und Qualifizierung von Fachkräften aus dem Ausland Abhilfe schaffen.

Kommunen arbeiten zusammen

Was können Kommunen tun, um diesen Trends entgegenzuwirken? Vielversprechend ist vor allem die interkommunale Zusammenarbeit, um personelle und insbesondere finanzielle Ressourcen zu schaffen. Das erlaubt Kommunen, beispielsweise nicht nur unabhängig vom Land, sondern auch in privatrechtlichen Gesellschaften zu kooperieren.

So entstand in Rheinland-Pfalz der Zweckverband Regionalbad Bingen-Ingelheim GmbH. Ausgangslage im Landkreis Mainz-Bingen waren zwei marode Schwimmbäder für 28 Schulen und zwölf Vereine. Beide Städte bezuschussten ihr Bad jährlich mit rund 500.000 Euro.

Die Lösung: Das freie Grundstück im nahen Gau-Algesheim nutzen, um dort gemeinsam die neue, bedarfsgerechte „rheinwelle“ zu bauen. Die DLRG war seinerzeit bereits bei der Planung beratend involviert. Mittlerweile schreibt das Bad sogar schwarze Zahlen – ein echtes Erfolgskonzept also.

Christopher Dolz


Der Autor

Christopher Dolz ist PR-Redakteur der Pressestelle des DLRG Bundesverbandes.