Die richtigen Fragen

Wegweiser: Ein Konzept zur Standort- entwicklung sollte auf einer ehrlichen Potenzialanalyse basieren. Foto: Bluedesign/Fotolia

Die Ermittlung der Potenziale eines Standortes ist die Basis eines Entwicklungs­konzepts. Die ehrliche Analyse unterschiedlicher Themen zeigt die Stärken und Schwächen auf, gibt Auskunft über die wirtschaftliche Situation sowie über die weiteren Perspektiven. Vier Aspekte stehen im Mittelpunkt.

Jeder Standort muss wissen, wie er seine Zukunft gestalten kann. Ob nun ein Gewerbegebiet oder der Standort vermarktet werden soll, in jedem Fall bedarf es einer Strategie. Folgende Fragen müssen im Zuge der Potenzialanalyse beantwortet werden: Wo steht mein Standort? Welche Unternehmenskompetenzen haben wir? Wie sehen die Gewerbeflächen aus? Was denken Bürger und Unternehmer? Um diese Fragen zu beantworten, können unterschiedliche Quellen genutzt werden. Neben Sekundärmaterial wie amtliche Statistiken, eigene Datenbanken, eigene oder fremde Studien können zusätzlich eigene Befragungen oder Experteninterviews durchgeführt werden. Im Folgenden wird dargestellt, wie eine Potenzialanalyse erstellt wird und welche Vorteile sich daraus ergeben.

Standortbestimmung

Die Standortbestimmung liefert die solide Grundlage für ein Standortentwicklungskonzept. Für die Analyse der lokalen und regionalen Gegebenheiten kann eine große Anzahl von Indikatoren aus folgenden Bereichen genutzt werden: Bevölkerung, Leben und Wohnen, Arbeitsmarkt, Wirtschaft und Unternehmen sowie kommunaler Verwaltungshaushalt.

Der Themenbereich Bevölkerung gibt beispielsweise Aufschluss über die demografische Entwicklung am Standort. Betrachtet werden die Bevölkerungsentwicklung insgesamt und nach Altersgruppen, die Haushaltsgröße, die Arbeitslosenquote und die Ausbildungsquote oder die Zahl der Betriebe. Die Indikatoren entfalten ihre Aussagekraft erst im Vergleich, so zum Beispiel mit dem jeweiligen Bundesland sowie ähnlich strukturierten Standorten.

Unternehmenskompetenzen

Die wichtigsten standortbezogenen Indikatoren einer Bestandsanalyse sind die Beschäftigungsentwicklung, der Anteil der Beschäftigten an der Gesamtbeschäftigtenzahl sowie die Entwicklung der Zahl der Betriebe und Beschäftigten in den Branchen. Neben der reinen statistischen Auswertung sollte eine Wissenschafts- und Netzwerkanalyse durchgeführt werden, um zu überprüfen, inwieweit die identifizierten Branchen in der Region verankert sind und Zukunftspotenzial haben. Gibt es Studiengänge und Forschungseinrichtungen in diesen Wirtschaftszweigen oder Technologie- und Gründerzentren, die auf die identifizierten Branchen ausgerichtet sind? Aus diesen Ergebnissen werden die Schwerpunktbranchen am Standort identifiziert. Sinnvoll ist eine Fokussierung auf höchstens drei Schwerpunkte sowie den dazugehörigen vorgelagerten und nachgelagerten Bereichen.

Gewerbeflächen

Um die Frage zu beantworten, wie viele Gewerbeflächen in der Zukunft benötigt werden, müssen die Gewerbeflächenverkäufe der letzten Jahre erfasst werden. Bei den Nachfragen sollten folgende Indikatoren erfasst werden: Größe der nachgefragten Fläche, Jahr des Verkaufs, Größe der verkauften Fläche, Herkunft und Branche des angesiedelten Unternehmens, Erweiterung oder Neuansiedlung, Mitarbeiterzahl.

Zusätzlich müssen die Unternehmensanfragen ausgewertet werden, die nicht bedient werden konnten. So kann der zukünftige Bedarf an Erweiterungs- oder Ansiedlungsfläche ermittelt werden. Zudem muss überprüft werden, ob die vorhandenen Flächen für den zukünftigen Bedarf ausreichen. Bei der vollständigen Erfassung der Gewerbeflächen sollten zumindest folgende Indikatoren untersucht werden: Größe des Gewerbegebiets, Größe der noch vorhandenen Freifläche, Eigentumsverhältnisse, Preis pro Quadratmeter, Branchenschwerpunkte.

Die Analyse der Gewerbeflächenbedarfe zeigt, ob es sinnvoll ist, den Standort weiterhin nach außen als Gewerbestandort zu vermarkten oder ob der Schwerpunkt auf den Bestandsunternehmen liegen sollte. Sind am Standort nur wenige Freiflächen vorhanden, werden diese für eventuelle Erweiterungen der Bestandsunternehmen benötigt. Dieser Bedarf sollte zuerst gedeckt werden, um eine Abwanderung des Unternehmens an einen anderen Standort zu verhindern. Zudem kann bei Neuansiedlungen entschieden werden, ob das anfragende Unternehmen zu den vorhandenen Unternehmen im Gewerbegebiet passt. Passt das anfragende Unternehmen in die Branchenstruktur und am besten noch in die Wertschöpfungskette der bestehenden Unternehmen? So entstehen spezialisierte Gewerbegebiete, die Synergien nutzen können.

Bürger und Unternehmer

Neben der reinen Datenanalyse sollte das persönliche Gespräch mit den Unternehmen der identifizierten Branchen gesucht werden. Bei dieser Gelegenheit können mögliche Bedarfe und Probleme der Unternehmen frühzeitig erkannt werden. Nebeneffekt: Die Wirtschaftsförderung wird als kompetenter Partner wahrgenommen.

Ein Unternehmensgespräch sollte man nie unvorbereitet führen. Die Basisfakten zum Unternehmen müssen bekannt sein, um seinem Gesprächspartner auf Augenhöhe begegnen zu können. Folgende Themen sollten in einem Unternehmensgespräch besprochen werden: allgemeine Fragen zum Unternehmen, aktuelle wirtschaftliche Situation, Standortzufriedenheit, eventuelle Verbesserungsvorschläge, zukünftige Herausforderungen, Planungen und Entwicklungsvorhaben, Optimierungspotenziale und Handlungsansätze.

Natürlich können nur ausgewählte Unternehmen persönlich besucht werden. Die Zahl der Besuche ist abhängig von der Größe der Wirtschaftsförderung. Zusätzlich können Unternehmen auch durch eine postalische oder Online-Umfrage mit einbezogen werden. Es können ähnliche Themen, wie in den persönlichen Gesprächen, auch in anonymer Form, abgefragt werden.

Aus den Fakten der Potenzialanalyse ergeben sich Handlungsbedarfe für die Kommune oder die Region. Daraus werden konkrete Projekte abgeleitet. Ein Standortentwicklungskonzept ist nur dann zukunftsfähig, wenn es auf Basis einer umfassenden und ehrlichen Potenzialanalyse erstellt wurde, daraus Handlungsfelder festgelegt wurden und diese durch sinnvolle Projekte umgesetzt werden.

Jörg Lennardt

Der Autor
Jörg Lennardt ist geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensberatung Experconsult Wirtschaftsförderung & Investitionen sowie Gründungsgesellschafter der Experconsult-Gruppe in Dortmund