Taktgeber städtischer Mobilität

S-Bahn: Die wachsenden Kundenanforderungen sowie neue technische Möglichkeiten in einer zunehmend digitalen Welt erfordern eine konstante Weiterentwicklung der Mobilität. - Foto: ErnstAdobe Stock

Die Mobilitätsbranche befindet sich vor einem tiefgreifenden Wandel. Die Grundanforderungen an die Mobilität aber bleiben: Sie muss schnell, effizient, zuverlässig und bezahlbar sein. Die ÖPNV-Branche setzt alles daran, diese Anforderungen mit immer neuen und verbesserten Angeboten zu erfüllen.

Der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) gehört zu den wichtigsten Säulen urbaner Mobilität. Von den jährlich 10,5 Milliarden Fahrgästen im ÖPNV fahren 80 Prozent im städtischen Verkehr. Spätestens seit den Diskussionen um Luftreinhaltung in den Städten ist die Bedeutung des öffentlichen Nahverkehrs als Problemlöser beim Klimaschutz noch weiter gestiegen. 40 Prozent Emissionsminderung bis 2030 im Verkehrssektor lautet das Klimaschutzziel der Bundesregierung. Um dieses auferlegte Ziel zu erreichen, ist eine Verkehrswende notwendig. Das bedeutet: Mehr Menschen müssen auf umweltfreundliche Verkehrsmittel umsteigen.

Die ÖPNV-Branche will die Transformation zu einer nachhaltigen Mobilität voranbringen und hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Rund ein Drittel mehr ÖPNV bis 2030 sind laut der Studie „Deutschland mobil 2030“ des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) möglich. Damit will die Branche zeigen, dass sie der Vorreiter einer neuen, bezahlbaren und klimafreundlichen Mobilität nicht nur in den Städten, sondern auch im ländlichen Raum ist. Die VDV-Studie zeigt aber auch, dass dieses Ziel nur mit entsprechenden Rahmenbedingungen erreicht werden kann.

Allerdings sind die Rahmenbedingungen heute noch nicht gegeben. Vor allem in Ballungsräumen und Großstädten gerät der ÖPNV schon jetzt an seine Kapazitätsgrenzen. Eine wichtige Voraussetzung, um überhaupt mehr Menschen im städtischen ÖPNV befördern zu können, ist der Ausbau und eine umfassende Modernisierung des ÖPNV-Systems, besonders auf der Schiene. Hier sind vor allem öffentliche Finanzierungsmittel notwendig und hier stehen Bund und Länder auch gleichermaßen in der Pflicht.

Dann erst können die Verkehrsunternehmen den Kunden ein attraktives ÖPNV-Angebot bereitstellen. Mehr Fahrzeuge, ein dichterer Takt und vor allem auch mehr Personal sind notwendig, damit mehr Menschen den ÖPNV nutzen können. Die Forderung eines „kostenlosen“ Nahverkehrs, der am Ende nicht kostenlos ist, ist dagegen eher nicht zielführend und langfristig mit zusätzlichen Kosten in Milliardenhöhe verbunden, die am Ende der Steuerzahler finanzieren müsste.

Elektrobusse im Linienverkehr

Im Bereich alternativer Antriebe, die aktuell in der öffentlichen Diskussion eine besondere Aufmerksamkeit bekommen, ist der öffentliche Verkehr ebenfalls Vorreiter. Immer mehr ÖPNV-Unternehmen testen alternative Antriebstechnologien im Linienverkehr. In Berlin, Hamburg, Köln, Osnabrück, Wiesbaden, München oder Darmstadt arbeiten die Verkehrsunternehmen daran, zunächst komplette Linien und bis spätestens 2030 sogar die gesamte Flotte auf den Einsatz von Elektrobussen umzustellen. Auch hier sind die Verkehrsunternehmen auf eine Förderung angewiesen, denn noch ist ein Elektrobus mit rund 700.000 Euro Anschaffungskosten fast doppelt so teuer wie ein moderner Dieselbus. Derzeit sind E-Busse am Markt noch begrenzt verfügbar.

Wichtig für die städtische Mobilität der Zukunft ist, den ÖPNV in einem ganzheitlichen Konzept zu betrachten. Wien ist ein gutes Beispiel: Der Umweltverbund aus ÖPNV, Rad und Fußgängern hat dort inzwischen einen Anteil von 75 Prozent am innerstädtischen Verkehr. Jahrelang wurde hier konsequent in die Stärkung des ÖPNV durch Ausbau, Modernisierung und attraktive Angebote investiert.

Die Vielfalt an umweltfreundlichen Verkehrsmitteln ist die effektivste Lösung für die urbane Mobilität der Zukunft. Dies deckt sich auch mit den verschiedenen individuellen Mobilitätsbedürfnissen der Menschen in Ballungsräumen und Großstädten. Manche Wege werden zu Fuß zurückgelegt, andere Wege eignen sich für das Fahrrad, fürs Carsharing oder für die U-Bahn. Neue Angebote kommen auf den Markt wie On-demand-Angebote, die wie ein Shuttle-Service per App bestellt und gebucht werden und ohne festen Fahrplan an einem beliebigen Ort im Bediengebiet zur Verfügung stehen.Biespiele sind der „ioki“ in Hamburg, der „BerlKönig“ in Berlin oder der „IsarTiger“ in München.

On-demand-Angebote ergänzen den Nahverkehr

Diese On-demand-Angebote werden den ÖPNV nicht ersetzen und sie werden die Verkehrsprobleme in den Städten auch nicht lösen. Aber sie sind vor allem im ländlichen Raum eine sinnvolle Ergänzung zum bestehenden Nahverkehr. Etwa die Hälfte der Bürger lebt im ländlichen Raum und an den Randregionen der Städte, unter anderem auch, weil hier der Wohnraum günstiger ist. Viele Menschen müssen täglich zur Arbeit in die Stadt pendeln und sind auf eine gute Anbindung des ländlichen Raums angewiesen.

Die Digitalisierung sorgt zunehmend dafür, dass auch unsere Mobilität vernetzter und damit einfacher und nachhaltiger wird. Aus Verkehrsunternehmen und -verbünden, die Fahrgäste in Bussen und Bahnen von A nach B befördern, werden umfassende Mobiltätsdienstleister, die meist in Kooperation mit anderen Anbietern neue und ergänzende Mobilitätsangebote auf den Weg bringen. Für die Verkehrsunternehmen wird es entscheidend sein, über ihr Kerngeschäft hinaus mit innovativen Angeboten rund um die Mobilität neue Kunden zu gewinnen und so den Marktanteil auszubauen.

Ein wichtiger Schritt ist dabei, Zugangshemmnisse wie komplexe Tarifsysteme zu beseitigen. So arbeitet der VDV gerade im Rahmen der Vernetzungsinitiative „mobility inside“ daran, eine bundesweite einheitliche Plattform für den gesamten öffentlichen Verkehr zu entwickeln. Das Ziel ist, mit nur einer App den Zugang in das System des öffentlichen Nahverkehrs deutschlandweit für Kunden zu erleichtern.

Ingo Wortmann

Der Autor
Ingo Wortmann ist Präsident des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) mit Sitz in Berlin