Stadtwerke bringen Bewegung in den Markt der Mobilität

E-Tretroller: Bei Aufbau und Betrieb neuer Geschäftsmodelle in der Mobilität wie etwa beim E-Rollersharing können Stadtwerke vom Know-how spezialisierter Start-ups profitieren. - Foto: Tier Mobility

Viele Stadtwerke sind bereits in der Elektromobilität aktiv. Unternehmerische Geschäftsfelder sind zum Beispiel der Aufbau und Betrieb von Ladesäulen, die Erzeugung und der Vertrieb von Ladestrom oder auch Carsharing. Die Kooperation mit Start-ups bringt die technologischen Impulse ins Geschäft.

Die Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnik, die batterieelektrische Mobilität und emissionsarme Kraftstoffe gelten als Schlüsseltechnologien in allen Bereichen des Energie- und Verkehrssystems. Weltweit gab es Anfang 2019 schon mehr als fünf Millionen Elektroautos. Über zwei Millionen Neuzulassungen führten zu einem Anstieg von 75 Prozent. In Deutschland gab es Anfang dieses Jahres 80.000 Elektroautos.

Viele Stadtwerke sind bereits auf die ein oder andere Weise im Bereich Mobilität aktiv und bereiten die Infrastruktur vor. Drei Viertel der 17.400 Ladestationen werden von Stadtwerken betrieben. Die Hälfte der Energieversorger bietet nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft gegenwärtig E-Mobil-Produkte an. Diese Angebote beziehen sich nicht nur auf E-Autos, sondern decken unterschiedliche Bereiche der Wertschöpfungskette ab: Ladesäulen, Ladestrom, E-Rollersharing, Carsharing und E-Mobil-Leasing.

Elektromobilität ist ein Schlüssel zur Gestaltung einer umweltschonenden, energieeffizienten und vernetzten Mobilität. Aus Sicht der Stadtwerke gibt es wie bei fast allen Fragen der Digitalisierung zwei Herangehensweisen: E-Nutzung innerhalb der Stadtwerke (Einbindung vom E-Bike und E-Roller über E-Pkw bis zum Streetscooter in den Fuhrpark, Laden mit Ökostrom, interne Ladeinfrastruktur) und Anbieten von E-Produkten für Kunden als Geschäftsmodell (Schaffung von öffentlicher Ladeinfrastruktur, nachhaltige Mobilitätsangebote im ÖPNV und Individualverkehr, Verleih/Leasing von E-Fahrzeugen, Mieterstrom in Verbindung mit Ladeinfrastruktur).

Die folgenden Beispiele aus Nordrhein-Westfalen zeigen die Vielfalt der unternehmerischen Ansätze (bei unterschiedlicher Wertschöpfungstiefe) von Stadtwerken: Ladesäule kombiniert mit Autokauf (Schwerte), Standardvertrieb Ladesäulen / Wallboxen (Neuss), individuelles Ladesystem ohne Kooperation (Bochum), Kooperation mit Stadtmobil (Unna), Stadtwerke-Fahrzeugpool außerhalb der Geschäftszeiten zum Testen (Soest), Kooperation mit Drive-Carsharing (Stadtwerke Düsseldorf), E-Rollersharing, (Oberhausen, Düsseldorf, Krefeld, Duisburg, Aachen), Stawag-E-Store (Aachen).

Bielefeld: E-Rollersharing

Hinter diesem schon mehrfach umgesetzten Mobilitätsangebot von Stadtwerken steckt für den Endkunden meist nicht erkennbar die Arbeit von drei Start-ups. Neben der innovativen Hardware des Rollers muss der Buchungs- und Abrechnungsprozess organisiert werden, und die Roller müssen effizient geladen und gewartet werden.

In Bielefeld zum Beispiel betreibt die Stadtwerketochter „noBiel“ einen Sharing-Dienst mit 20 E-Rollern (im Sommer 50 Fahrzeuge). Das Angebot ist über eine App buch- und bezahlbar.

Mittlerweile wird das E-Rollersharing auch unter der Einbeziehung des Einzelhandels und Handwerks eingesetzt. Die lokale Wirtschaft erhält die gut nachgefragte Möglichkeit, die „Patenschaft“ und das Sponsoring für die Roller zu übernehmen. Dadurch können Einzelhandel und Handwerk mit einem „coolen“ Produkt werben, eine interessante Zielgruppe erreichen und sind in der Stadt präsent. Auf der Stadtwerksseite wird die Liquidität geschont.

Rheinland: Stromtankstellen und Abrechnung

In Köln, im umgebenden Rheinland und der weiteren Umgebung schaffen mehr als 500 öffentlich zugängliche Ladepunkte die Möglichkeit, Elektrofahrzeuge schnell und komfortabel zu laden. In Kooperation mit der Rheinenergie wächst das „TankE“-Netz. Alle Ladestationen werden zu 100 Prozent mit Ökostrom versorgt.

Nach Registrierung per App stehen den Kunden sämtliche Ladepunkte in allen teilnehmenden Versorgungsgebieten zur Verfügung. Auch hier wirken im Hintergrund unterschiedliche Startups, um die komplexen Kommunikationsaufgaben zu bewerkstelligen.

Solingen: ÖPNV-Stromspeicherung

Viele Städte sollen den Verkehr nachhaltig gestalten und den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) stärken. Gleichzeitig steigt die Belastung der Verteilnetze durch den steigenden Anteil an erneuerbaren Energien und die Elektrifizierung des Verkehrssektors.

Solingen macht sich mit dem BOB-Projekt fit für die Zukunft. Auf Basis der bestehenden Oberleitungsinfrastruktur werden modernste Batterie-Oberleitungsbusse, Fotovoltaikanlagen, E-Auto-Ladesäulen und stationäre Batteriespeicher in einem Gesamtsystem (Smart Trolley System, STS) zusammengefasst. Damit wird die Betriebssicherheit im Konsens mit einer optimierten Wirtschaftlichkeit und ökologischen Wirkung erreicht. Auch hier haben die Stadtwerke sich mit Universitätsinstituten und Start-ups zusammengetan, um innovative Lösungen zu entwickeln und umzusetzen.

Grundsätzlich hilft die Kooperation zwischen Stadtwerken und Start-ups beiden Seiten. In der Zusammenarbeit werden rasch die Unterschiede in Unternehmenskultur und Arbeitsweise deutlich. Die schlanke Organisationform von Start-ups und häufig auch der finanzielle Druck bringen eine eigene Dynamik und eine hohe Geschwindigkeit mit sich. Dies deckt sich meist nicht mit der Arbeitsweise etablierter Unternehmen, die geprägt wurde durch die Verantwortung für die Daseinsvorsorge. Daher ist es bei solchen Kooperationen wichtig, gemeinsame Ziele und Zeithorizonte zu setzen, gegenseitige Erwartungen zu formulieren und die realistischen Möglichkeiten für die einzubringenden personellen Ressourcen abzusprechen.

Um einerseits die Stadtwerke bei der Suche nach innovativen Ansätzen durch Start-ups zu unterstützen und andererseits die jungen Unternehmen zu potenziellen Auftraggebern zu verbinden, hat das Netzwerk Energiewirtschaft der Energieagentur Nordrhein-Westfalen die Innovationsplattform NRW initiiert. Hier sind mehr als 450 Start-ups aus der Energiewirtschaft beschrieben; mehr als 70 Geschäftskontakte konnten schon vermittelt werden.

Eckehard Büscher

Der Autor
Dr. Eckehard Büscher ist Leiter des Themengebiets Energiewirtschaft der Energieagentur Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf

Info: Die Energieagentur Nordrhein-Westfalen (Themenfeld Elektromobilität) hat die Broschüre „Starterset-Elektromobilität“ herausgegeben. Sie liefert Einsteigern einen Überblick.