Smarter Videoschutz

Mannheim will umschalten: Statt dauerhafter Bildschirmarbeit durch Personal soll die Software die Anfangsbeobachtung übernehmen. Foto: Adobe Stock/Framestock

Mannheim ist Teil eines europaweit einzigartigen Pilotprojekts zur automatisierten Bildauswertung. Was ist das Besondere daran – und was bringt es? Bürgermeister Volker Proffen ordnet ein.

Das Konzept der Stadt Mannheim zur Gewährleistung urbaner Sicherheit verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz. Die städtische Sicherheitspolitik trägt der Erkenntnis Rechnung, dass Sicherheitsthemen komplex sind und die Gewährleistung eines hohen Sicherheitsniveaus ein vielschichtiges Vorgehen sowie interdisziplinäres Zusammenwirken auf verschiedenen Ebenen und Handlungsfeldern erfordert.

Ein wichtiger Baustein in der sicherheitspolitischen Gesamtstrategie ist der Videoschutz. In Mannheim (Baden-Württemberg, 315.000 Einwohner) sind an fünf Standorten in der Innenstadt, die eine erhöhte Kriminalitätsbelastung aufweisen, 68 Kameras in Betrieb.

Die Stadt trug hierbei die Kosten für die Beschaffung, Montage der Kameras und für die direkte Anbindung der einzelnen Standorte via Glasfaserkabel an das Lagezentrum der Polizei. Die Polizei trägt die Technik-, Betriebs- und Unterhaltungskosten innerhalb des Polizeipräsidiums sowie die Kosten für Software und Personal.

Im Jahr 2018 begann das europaweit einzigartige Pilotprojekt der automatisierten Bildauswertung. Jetzt wurde es durch das Innenministerium Baden-Württemberg um weitere drei Jahre verlängert. Es handelt sich um ein gemeinsames Projekt des Landes Baden-Württemberg, der Stadt Mannheim, des Polizeipräsidiums Mannheim und des Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB.

Plakativ gesprochen geht es um die Verbindung von technischer und humaner Intelligenz: Die automatisierte Bildauswertung ist ein Assistenzsystem, bei dem die Einsatzsachbearbeiter der Polizei die Letztentscheidungskompetenz behalten. Von den verschiedenen Mustererkennungsfunktionen wird ausschließlich eine computergestützte Analyse von Verhaltensmustern durchgeführt. Eine bio- metrische Gesichtserkennung oder eine automatisierte akustische Mustererkennung gibt es nicht.

Das Wort „Videoschutz“ bringt dabei besser als der Begriff „Videoüberwachung“ den Bezugspunkt dieser Technologie zum Ausdruck: Es geht nicht um die Überwachung von Personen, sondern vielmehr um die Überwachung von Räumen zum Schutz der Menschen. Handlungsleitend ist der Schutz vor Straftaten, die schnelle Hilfeleistung durch Polizeibeamte und eine rasche Aufklärung begangener Delikte.

Die Schutzrichtung des intelligenten Videoschutzes besteht in zweifacher Hinsicht: Die algorithmenbasierte Technik hat das Potenzial, Passanten wirksam zu schützen. Der Einsatz des automatisierten Vorfilters ermöglicht eine gleichbleibend effektive Videoanalyse und Datenverarbeitung und dient der Behebung von Schwachstellen, die mit der rein manuellen Beobachtung einhergeht.

Zum anderen bietet die Technik durch die selektive Fokussierung auf potenziell kriminalitätsrelevante Vorgänge die Chance einer weniger eingriffsintensiven Anwendungsoption. Sofern die Nachschau ausschließlich anlassbezogen ist, wird den informationellen Schutzinteressen der Bevölkerung verbessert Rechnung getragen.

Anhand der Analyse von Bewegungen kann die Software bereits heute sicherheitskritische Aktivitäten einer Person – zum Beispiel treten, schlagen, schubsen – erkennen, bewerten und einen Hinweis in Form einer Alarmmeldung generieren. Im derzeitigen Entwicklungsbetrieb werden die Alarme zwar bereits systemseitig generiert, aber überwiegend zur Weiterentwicklung des Systems herangezogen.

Die Software entlastet die Polizei

Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass durch die Weiterentwicklung auch die Qualität der Ereignisdetektionen stetig zunimmt und sich damit die Funktion des Analysemoduls als Assistenzsystem kontinuierlich verbessert. Die effiziente und frühzeitige Erkennung von Gefahrensituationen, die zielgerichtete polizeiliche Intervention ermöglichen, sowie die Chancen einer grundrechtschonenden Systemausgestaltung, stellen den signifikanten Mehrwert des Projektes dar.

Im Endausbau ist die anlassbezogene Alarmbildaufschaltung im Falle der positiven Ereignisdetektion vorgesehen: Anstelle der permanenten Livebeobachtung tritt der „schwarze Monitor“ im Polizeipräsidium. Die Liveübertragung schaltet sich nur noch in sicherheitskritischen Situationen ein, sofern die Software ein kriminalitätsrelevantes Verhaltensmuster detektiert und ein Hinweis auf eine mögliche Straftat erfolgt ist. Den Hinweis muss anschließend nur noch ein Polizeibeamter hinsichtlich der Einsatzrelevanz bewerten.

Alle Partner arbeiten weiterhin intensiv daran, das Projekt zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen, um durch den unterstützenden Einsatz der intelligenten Aktivitätserkennung die Aufenthaltsqualität und das Sicherheitsniveau in Mannheim weiter zu verbessern.

Volker Proffen


Der Autor

Dr. Volker Proffen (CDU) ist Bürgermeister und Sicherheitsdezernent der Stadt Mannheim.