Lichtplanung: „Das richtige Maß“

Eines von Torsten Rullmanns Projekten: Der circa 20 Meter hohe Wolkenhain steht auf dem 100 Meter hohen Kienberg in Berlin-Marzahn. In der Dämmerung und zu besonderen Anlässen wird das Bauwerk illuminiert. Die Lichtfarbe kann gesteuert und dem natürlichen Licht angepasst werden. Foto: AIL – Centralstudio

Stadtbeleuchtung muss ein Sicherheitsgefühl vermitteln. Deshalb dürfen Außenräume nach einer Umrüstung auf LEDs nicht zu dunkel wirken. Gleichzeitig sollte Streulicht vermieden werden. Architekt und Lichtplaner Torsten Rullmann über den Spagat zwischen Überillumination und Lichtgestaltung.

Herr Rullmann, Sie sagen, dass man Licht nicht nur sehen, sondern auch spüren sollte. Wie ist das zu verstehen?

Torsten Rullmann: Licht an sich ‚sieht‘ man ja nicht, sondern nur, wenn es etwas zu ‚sehen gibt‘. Lichtplanung und Licht sind deshalb nur so gut, wie die Reflektionsflächen, auf die das Licht trifft. Licht zu spüren, bedeutet beispielsweise zwischen hell und dunkel zu vergleichen. Das geschieht im Gehirn, nicht im Auge. Wenn ich etwas von unten anstrahle, findet mein Gehirn dies bemerkenswert, weil Licht natürlicherweise durch die Sonne immer von oben kommt. Lichtplanung heißt in erster Linie, das zu sichten und zu bewerten, was es gegebenenfalls zu beleuchten gilt.

Kürzlich haben Sie ein Konzept für die Stadtbeleuchtung von Kleve ausgearbeitet. Wie würden die Klever Bürger damit Licht ganz konkret spüren?

Rullmann: Der Einsatz moderner Leuchten und LEDs als Lichtquelle bedingt einen neuen Umgang mit der Lichtplanung. Die bewusste und ökologisch gewünschte Vermeidung von Streulicht, das Insekten und Vögel in der Nacht schädigt, macht für den Passanten den Stadtraum erst einmal lichtschwächer. Das liegt daran, dass nur der Boden normgerecht beleuchtet wird, die Fassaden aber nicht. Und wenn die Menschen nach der Umrüstung beziehungsweise Neuplanung alles als viel dunkler als vorher empfinden würden, hätten wir etwas falsch gemacht. Wichtig ist, dass die Stadtbeleuchtung den Menschen ein Sicherheitsgefühl vermittelt.

In Ihrem Konzept spielt LED-Technik eine wesentliche Rolle. Welche Vorteile sehen Sie hier konkret für die Umsetzung?

Rullmann: LEDs sind seit mindestens fünf Jahren das Maß der Dinge, wenn es um Beleuchtung geht. Qualität, Wirtschaftlichkeit und Flexibilität sind konkurrenzlos. Ich kann mit sehr baukleinen Leuchten sehr viel Licht erzeugen, dies gut lenken und steuern. Die Gefahr dabei ist jedoch, den Ansatz zu verfolgen: ‚Weil alles geht, mache ich es auch‘. Hier als Lichtplaner bewusst weniger zu wollen, sehe ich als meine Aufgabe. Hinsichtlich der ökologischen Belange ist das richtige Maß von hell und auch gegen dunkel entscheidend. Grundsätzlich ist LED-Licht in Verbindung mit einem guten Thermomanagement der Leuchten, geeigneten Blendbegrenzern und intelligenter Lichtsteuerung die momentan beste Lösung zur Beleuchtung von Außenräumen. Das trifft dank des abgegebenen Lichtspektrums der LED auch auf die Insektenfreundlichkeit zu.

Die Umsetzung von Lichtkonzepten betrifft häufig nicht nur den öffentlichen Raum und somit die Stadt oder Gemeinde, sondern auch die Anwohner oder Geschäftsinhaber. Wie stellen Sie bei der Konzepterstellung sicher, dass alle gehört werden?

Rullmann: Das ist Aufgabe des Stadtmanagements und der politischen Institutionen. Mein Anteil ist der Hinweis, dass Licht nicht isoliert betrachtet werden kann. Was nützt der bestgestaltete Platz mit geplanten Dunkelzonen und illuminiertem Brunnen, wenn daneben etwa ein Bekleidungsgeschäft seine Schaufenster mit 2000 Lux ausleuchtet. Zum Vergleich: Künstliches Licht im Außenraum, bei Dunkelheit, bewegt sich in seiner Stärke meist in einem Bereich von fünf bis 50 Lux. Innenbereiche werden je nach Funktion mit 100 bis 2000 Lux beleuchtet. Umso wichtiger ist es, in einen Dialog zwischen beiden zu gelangen. Dies erfordert ein Grundverständnis und die Einsicht aller Beteiligten über die Wirkung von Licht und Dunkelheit. Das zu bilden und zu transportieren, liegt in meiner Verantwortung.

Wie können historische Leuchten in ein Gesamtkonzept einbezogen werden? Gibt es für sie eine Überlebenschance vor dem Hintergrund moderner Lichttechnik?

Rullmann: Ja natürlich! Historische Leuchten gehören für mich wie historische Gebäude zur Identität einer Stadt. Damit meine ich nicht nur Leuchten, die bis 1950 gebaut wurden, sondern auch alles Nachfolgende. Die Bauform moderner LED-Platinen ermöglicht neben echten neuen‚ alten‘ Leuchten auch die Umrüstung von Bestandsleuchten mit neuer LED-Technik. Entscheidend hierbei ist die bereits genannte Reduzierung der Lichtverschmutzung über intelligente Reflektor- und Linsentechnik. Das heißt konkret: neue Technologie in zeitbezogener Verpackung.

Beleuchtung im öffentlichen Raum ist nicht nur eine Frage der Ästhetik – wie verbinden Sie in der Lichtplanung ästhetische und wirtschaftliche Aspekte sowie Fragen der Energieeffizienz?

Rullmann: Grundsätzlich hat der Einsatz von LED einen positiven Einfluss auf Anschlussleistung, Verbrauch und Langlebigkeit. Die Einbeziehung von intelligenten Lichtsteuerungen kann diesen Effekt noch verstärken. Für die Ästhetik von Leuchten bedeutet das, Formen zu finden, die ‚Coolness‘ und langlebige sowie zeitlose Akzeptanz miteinander verbinden. Ein Beispiel wäre eine Leuchte mit einheitlichem Lichtkopf, aber ortsbezogen differenzierten
Abdeckungen.

Gibt es deutliche Trends in der Lichtplanung von Städten und Gemeinden? Was würde man heute nicht mehr machen?

Rullmann: Das ist immer noch sehr orts- und schwerpunktbezogen. Zum einen gilt es, Lichtverschmutzung und Überilluminationen generell zu vermeiden, andererseits aber auch lichtgestalterisch tätig zu sein. Für mich als Planer ist der Spagat zwischen diesen beiden Aspekten inspirierend und gleichzeitig eine Gratwanderung.

Interview von Olga Lechmann

Zur Person: Torsten Rullmann hat nach seiner Ausbildung zum Facharbeiter für Elektrotechnik Architektur in Hamburg studiert. 2013 gründete er sein Büro 
AIL – Centralstudio in Berlin.